12.06.2021 18:00 |

Sommerszene Salzburg

Feministische Lieder von den Rabtaldirndln

Sie kommen aus dem „fernen“ Osten, der Steiermark, um ihre ehrlichen, durchdringenden Lieder zu singen und Legenden von Frauen zu erzählen. Die Rabtaldirndln zogen gleich einer Sternsingergruppe nach Salzburg und ernteten am Freitagabend für ihre feministische Performance im Bürgerspitalhof im Rahmen der Salzburger Sommerszene Applaus.

Schon die Einzugsprozession der fünf Dirndln war majestätisch: Sie hielten einen Baldachin über ihren Köpfen, hatten Masken aus Häkeldeckerl vorm Gesicht und trugen extravagante Hüte und edle Gewänder. Im Begrüßungslied wurden Menschen und ihre Eigenheiten besungen, vom „Balkonnagelzwicker“ bis zum „Beim-Offenen-Fenster-Ficker“. Danach präsentierten die steirischen Schamaninnen ihre Gaben, darunter eine smaragdgrüne Schatulle mit 42 Legenden.

Es sind teils dunkle Geschichten von Frauen. „Über die 75-jährige Witwe, die zum ersten Mal in ihrem Leben selbstbestimmt neue Vorhänge und eine Wohnzimmereinrichtung nach ihrem Geschmack kauft. Über die junge Mutter, deren Blick betrübt auf den Falten des roten, schreienden Babys ruht und sich fragt: Wird es mir jemals nicht fremd sein?“, hieß es da in einem Lied.

Das 2003 gegründete Theater- und Performancekollektiv aus Graz sang die ausgefeilten Biografien der Frauen teils mit eingängigen, bekannten Melodien aus Volksliedern, Schlagern und Popsongs. Andere wurden als Texte gelesen, gefolgt von Segenssprüchen wie „Schütze uns vor Selbstoptimierung, Depression oder Fehlgeburt.“

Jede Frau im Publikum wird sich in dem ein oder anderen Lied oder Text wiedergefunden haben. Denn die Segnungen der fünf Künstlerinnen behandeln alltägliche Probleme und Herausforderungen von Frauen. Die Rabtaldirndln erzählen einfach, was ist. Die Geschichten sind dadurch schlagkräftig, direkt und abgründig ernst. Das sorgte auch für Unbehagen - einzelne Gäste verließen vorzeitig den Bürgerspitalhof.

Denn das Frauenkollektiv schaut hin, was im Verborgenen geschieht und bleibt. Das tut weh - und so mancher Zuseher wird sich ertappt gefühlt haben bei einem dunklen Geheimnis oder Makel. Aber das Stück ist auch lustig und bringt einem zum Lachen - bis einem selbiges im Hals stecken bleibt. So stockt die Künstlerin, wenn es im Gstanzl über Grapschen, Catcalling und sexuelle Belästigung plötzlich um eine Vergewaltigung geht.

Am Ende legten die steirischen Schamaninnen dem Publikum noch die Tarot-Karten und stellten fest: Es herrschen fehlender Selbstwert, Altersarmut und falsche Vorstellungen. Bevor sie aus dem Bürgerspitalhof abzogen, hinterließen die Rabtaldirndln feministische Gaunerzinken am Hofboden - und das Gefühl, über viele der Erfahrungen nicht nur gehört, sondern sie auch schon selbst gemacht zu haben.

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