13.06.2021 12:00 |

Steiermark History

Impfstreit spaltete die Steirer anno dazumal

Das erinnert frappant an die heutige Zeit: Befürworter und Gegner der neuartigen Pockenimpfung lieferten sich schon in der Steiermark des 19. Jahrhunderts Duelle. Zeitgenössische Berichte belegen den Streit.

Sie bekämen blutige Teufelsmale, würden vom Antichristen höchstselbst gekennzeichnet - und Gott blasphemischerweise „ins Rad“ greifen: Vor 200 Jahren wurden geimpfte Steirer verteufelt und mit Hohn und Spott überschüttet. Sie waren aber auch selbst nicht zimperlich und bezeichneten die angriffigen Impfgegner als „rückständig“ und „vom Aberglauben befallen“. Impfgegner und -befürworter lieferten sich also schon in der Steiermark des 19. Jahrhunderts heiße Duelle.

Doch was war des Pudels Kern? Die (Glaubens-)Gefechte drehten sich um die damals neuartige Pockenimpfung.

Der englische Wundarzt Edward Jenner hatte sie 1796 erfunden, indem er einen achtjährigen Buben mit dem Erreger der Kuhpocken infizierte. Ein kleiner Schnitt in den Oberarm sorgte für die große Wirkung - Jenner wies nach, dass eine überstandene Erkrankung an den günstiger verlaufenden Kuhpocken zu einer Immunisierung gegen die gefährlichen Blattern führte. Diese neu entwickelte Vakzination (vom Lateinischen „vacca“ = Kuh) wurde in Österreich erstmals 1799 erprobt.

Bei heftigen Pockenepidemien starb knapp die Hälfte der Erkrankten, die Überlebenden waren häufig von Narben entstellt, wurden blind, taub oder gelähmt. In Oberösterreich starben 2000 Menschen pro Jahr an diesem Virus, in Wien über 17.000 - trotzdem stieß die Pockenimpfung in der Steiermark von Beginn an auf große Skepsis.

Ein Impf-Bericht des Jahres 1811 aus Seckau
Im Jahr 1811 wurde aus dem obersteirischen Seckau berichtet: „Das Volk lässt sich nicht belehren, viel leichter aber durch schlechte Menschen betrügen - und ergreift ein Vorurteil umso lieber, je widersinniger und dümmer es ist. So hört man sogar oft die Einwendung, die Geimpften würden damit für den Antichristen gekennzeichnet.“

Ein weiterer zeitgenössischer Bericht zur Impf-Situation hierzulande stammt aus 1840: In Vasoldsberg verweigerten mehrere Bewohner die Impfung der Kinder, da diese sonst dem Teufel verschrieben würden. „Oh Zeiten, oh Sitten - und das im 19. Jahrhundert!“, klagte der Erzähler damals.

Erzherzog Johann fragte nach den Impfungen
„Das mit der Kennzeichnung durch den Antichristen bei der Impfung kann man auch heute noch auf diversen Schildern bei Corona-Demos lesen“, bemerkt Hans-Peter Weingand, der weiß-grüne „Impf-Statusberichte“ von anno dazumal kennt.

Wie der Grazer Historiker dazu kam? „Erzherzog Johann hat vor 200 Jahren in Fragebögen nach den Fortschritten bei der Pockenimpfung gefragt und sich in allen steirischen Regionen über Aberglauben und den Volkscharakter erkundigt“, erklärt Weingand.

Mit Gott wurde im Übrigen von Gegnern und Impfbefürwortern gleichermaßen argumentiert. Deshalb setzte der Staat auf Aufklärung durch die Kirche und die Obrigkeit. So mussten die Priester ab 1812 die Namen der Pocken-Toten von der Kanzel verlesen. Und sie hatten darauf hinzuweisen, dass „diejenigen, deren Kinder und Angehörigen an den Blattern starben, weil sie die Impfung vernachlässigten, vor Gott über den Tod derselben verantwortlich werden“, besagt ein Dokument.

Übrigens: Die Zahl der Impfverweigerer war in den Gebirgsgegenden am größten. Im Dorf Thallein bei Voitsberg lehnten 1830 alle 26 Bauern die Impfung ab, in Salsach mussten der Bezirksbeamte, der Ortspfarrer und der Arzt vor aufgebrachten Bauern fliehen...

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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