06.06.2021 14:47 |

Unfassbarer Leichtsinn

Mit Sneakers und Jogginghosen auf dem Klettersteig

Gleich zwei Großeinsätze beschäftigten am Samstag die Bergrettung Schruns-Tschagguns im Vorarlberger Montafon. Während ein gut ausgerüstetes Basler Ehepaar und ihr elfjähriger Sohn unglücklich in Bergnot gerieten, sorgten zwei junge Männer aus Deutschland bei den Einsatzkräften für Kopfschütteln.

Zwei junge Männer aus den deutschen Städten Stuttgart bzw. Konstanz machten sich am frühen Samstagnachmittag von St. Antönien (Schweiz) auf den Weg, um über den Partnunblick-Klettersteig in Richtung Sulzfluh-Massiv aufzusteigen. Was die beiden allerdings komplett außer Acht ließen, war die Wettersituation. „Zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich nur mehr eine Frage der Zeit, bis Niederschlag einsetzt“, sagt Rupert Pfefferkorn, Chef der Bergrettung Schruns-Tschagguns.

„Sichtweite betrug nur ein bis zwei Meter“
Nachdem das - nur mit Jogginghosen, Sneakers, leichten Jacken sowie Kletterausrüstung ausgestattete - Duo in einer Höhe von 2400 Metern im Bereich „Gamsfreiheit“ aus dem Steig ausstieg, fand es sich in dichtem Nebel und teils hüfthohem Schnee wieder. „Die Sichtweite betrug nur ein bis zwei Meter“, erzählt Pfefferkorn. „Wir wurden dann von den beiden um 14.30 Uhr alarmiert, da sie nicht mehr weiterwussten und das Gebiet bei diesen Sichtverhältnissen einige Gefahren birgt.“

Aufgrund des dichten Nebels war eine Hubschrauberbergung vorerst nicht möglich. „Wir schickten Einsatzkräfte zur Tilisunaalpe, von wo aus sie mit Schneeschuhen den weiteren Aufstieg in Angriff nahmen“, schildert Pfefferkorn, der für die Einsatzleitung verantwortlich war. „Aufgrund der Schnee- und damit verbundenen Lawinensituation war der Aufstieg nicht nur sehr kräfteraubend, sondern auch gefährlich.“

Gegen 18 Uhr konnte die beiden Deutschen, die ohne Rucksäcke und wärmende Kleidung unterwegs waren, schließlich gesichtet werden. „Nachdem sie uns ihre Position per WhatsApp geschickt hatten, habe ich jede halbe Stunde mit ihnen telefoniert und sie angehalten, sich unbedingt zu bewegen, damit sie einigermaßen warm bleiben“, erzählt Pfefferkorn weiter.

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Den Kollegen, die zu ihnen aufgestiegen waren, erzählten die zwei, dass sie vom Wetter völlig überrascht worden seien.

Rupert Pfefferkorn, Chef der Bergrettung Schruns-Tschagguns

Nachdem der vierköpfige Bergrettungstrupp das unterkühlte Duo schließlich bei Schneeregen erreicht hatte, wurden die beiden Deutschen zu einem tiefer gelegenen Punkt geleitet, von wo aus sie - dank besserer Wetterbedingungen - gegen 18.50 Uhr vom Polizeihubschrauber aufgenommen und ins Gauertal geflogen werden konnten. „Den Kollegen, die zu ihnen aufgestiegen waren, erzählten die zwei, dass sie vom Wetter völlig überrascht worden seien“, sagt Pfefferkorn. Etwas, das den erfahrenen Bergretter in Anbetracht der Gesamtwetterlage mehr als nur überraschte. „Es war klar, dass es Niederschlag geben wird.“

Nächster Einsatz
Noch während dieser Einsatz lief, ging eine weitere Alarmierung bei den Bergrettern ein. „Ich hatte zwei Nebelposten zur Lindauer Hütte ins Gauertal geschickt, um vor Ort zu schauen, falls sich ein Wetterfenster auftut und eine Hubschrauberbergung der beiden Männer im Sulzfluhgebiet mit Anflug über das Gauertal möglich wird“, schildert Pfefferkorn. Die Nebelposten wurden dann von zwei Schweizern angesprochen, die mit einem befreundeten Ehepaar aus Basel und dessen elfjährigem Sohn auf einer Wanderung am Bilkengrat unterwegs waren.

„Die Frau ist auf einem Schneefeld gut 100 Meter abgerutscht, weshalb die Familie - die gut ausgerüstet war - vom Weg abkam“, erklärt Pfefferkorn. Aufgrund des unwegsamen Geländes und der schlechten Sicht war eine Rückkehr auf die ursprünglich geplante Route schwer möglich. „Da der Polizeihubschrauber Libelle dann auch noch zu einem Einsatz ins Kleinwalsertal musste, versuchten wir die Familie zu überzeugen, an Ort und Stelle auszuharren.“ Nachdem zuerst die Männer von der Sulzfluh gerettet wurden, konnte gegen 19.10 Uhr schließlich auch die Basler Familie mittels Taubergung aus dem Bilketobel befreit und ins Gauertal geflogen werden.

Gefahr nicht unterschätzen
Von dort aus wurden alle Geretteten schließlich mit Fahrzeugen der Bergrettung nach Tschagguns gebracht. „Gott sei Dank gab es keine gröberen Verletzungen“, zeigt sich Pfefferkorn erleichtert, warnt allerdings auch eindringlich: „Auch wenn im Tal frühsommerliche Temperaturen herrschen und die Schneesituation bis rund 1500 Meter unproblematisch ist - in höheren Gebieten liegt noch extrem viel Schnee und die Gefahren sind sehr, sehr groß. Das darf man bei Wanderungen keinesfalls unterschätzen.“

Peter Weihs
Peter Weihs
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