13.05.2021 10:00 |

„Krone“-Kolumne

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über sexuelle Bildung als Teil der Präventionsarbeit in Institutionen. 

Präventionsarbeit braucht sexuelle Bildung für alle Altersgruppen. Das hat die Deutsche Bischofskonferenz festgehalten und im April 2021 einen Fahrplan zur Prävention in kirchlichen Einrichtungen vorgelegt. Weil innerhalb von Hierarchien das Sprechen über Sexualität „heikel“ oder sogar „übergriffig“ sein kann, empfiehlt die bundesweite Versammlung der Präventionsbeauftragten der katholischen Kirche zwar interne Fortbildungen zu organisieren, für die konkrete sexuelle Bildungsarbeit jedoch auf Angebote unabhängiger Dritter zurückzugreifen. Sprich: externe Sexualpädagogik soll kirchliche Einrichtungen unterstützen.

Spät aber doch beginnen deutsche Katholiken, eine wissenschaftlich fundierte Prävention in ihren Diözesen umzusetzen. Denn kaum ein Aspekt sexueller Bildung ist international besser erforscht als die negativen Auswirkungen einer sexualitätsfeindlichen Haltung. Wenn Sexualität pauschal als etwas Negatives gesehen wird, können weder positive noch negative sexuelle Erfahrungen besprochen werden. Mehr noch, es erscheint so, als sei das Opfer selbst schuld, wenn es sexuell belästigt wird oder Gewalt erlebt. Die Täter-Opfer-Umkehr in sexualitätsfeindlichen Kontexten führt häufig dazu, dass Betroffene sexueller Grenzverletzungen sich schämen und schuldig fühlen - und deshalb Gewalterfahrungen verschweigen. Im Windschatten des Schweigens, Wegschauens und der Scham verüben Täter in Institutionen ihre sexuellen Gewalttaten, teilweise Jahrzehnte lang unbehelligt.

Dass kirchlichen Einrichtungen beim Thema Sexualität die Sprache fehlt, hat der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, 2019 als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz öffentlich festgehalten. Aber nicht nur das. Anstatt „jahrelang nur reden, reden, reden“ kündigte er Taten an: „So kann es nicht weitergehen.“ Die nun einstimmig beschlossenen Präventionsmaßnahmen sehen ein positives Sexualitätsbild ebenso wie die Absicherung sexueller Rechte vor. Damit sexuelle Bildung nicht zum „Alibi“ verkommt, stellt sich die Deutsche Bischofskonferenz sogar einer kritischen Diskussion der Sexualmoral der katholischen Kirche.

Das beeindruckt, wird hier doch von Seite einer Institution Verantwortung für systemische Gewalt übernommen. Bis sich nachhaltig in Institutionen die Bedingungen verändern, die sexuelle Gewalt ermöglichen, braucht es allerdings noch viel Mut, Reflexion und einen langen Atem. Es ist gut, wenn nun Bewegung in die Sache kommt - vielleicht in Zukunft nicht nur durch Präventionsbeauftragte in der katholischen Kirche, sondern auch in Sport, Kultur, Medien und anderen Bereichen der Gesellschaft.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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