08.05.2021 12:00 |

Munitionsdebatte

Vergifteter Steinadler ist Mahnung gegen Blei

Ein in Brandenberg in Tirol gefundener Steinadler litt unter Lähmungen und Krämpfen, vergeblich hob er seine Schwingen und starb bald darauf. Ein klassischer Fall von Bleivergiftung, zurückzuführen auf die nach wie vor oft gebräuchliche Jagdmunition. Die Debatte währt seit Jahren.

Schon 2013 berichtete die „Krone“ über ähnliche Fälle: Ein im April in Thaur gefundener Steinadler überlebte nicht, ein im Mai in Kappl aufgelesenes Tiroler Wappentier konnte nach der Genesung dort wieder in die Freiheit entlassen werden. Die Dunkelziffer an Tieren, die elendiglich irgendwo zugrunde gehen, dürfte beträchtlich sein. Häufigste Ursache: Die Greifvögel fressen Wild bzw. Aas, das Bleipartikel enthält.

Beim jüngsten Fall fand ein Aufsichtsjäger in Brandenberg einen flugunfähigen Adler abgemagert auf einem Forstweg. Der Kramsacher Tierarzt Peter Schweiger sah: „Das Nervensystem war angegriffen, das Tier konnte seine Greifer nicht bewegen und saß auf dem Mittelfuß statt auf den Zehen. Damit wäre ein Abstoßen zum Abflug und die Jagd nach Beutetieren unmöglich.“

Wert erschreckend hoch
Schwaiger ist auch Vorstand im Tierschutzverein für Tirol. Er brachte den Vogel zur ausgebildeten Falknerin und Spezialistin Tanja Isser aus Wattens, die den Adler eineinhalb Wochen mit der Hand fütterte, Physiotherapie anwendete und nach der Gewichtszunahme einen Hoffnungsschimmer sah.  „Doch die Vergiftung war enorm. Der Wert betrug 1300 Mikrogramm pro Liter, schon 600 sind toxisch.“ Der geschwächte Vogel hatte dann auch noch mit einer Darminfektion zu kämpfen, fraß nichts mehr und verendete trotz Infusionen. Für Spezialistin Isser eine Mahnung: „Ich hoffe endlich auf eine Abkehr vom Blei.“

Schon 2013 Arbeitsgruppe
Dem Tiroler Landesjägermeister Anton Larcher kann man nicht vorwerfen, dass er das Thema seit Jahren ignoriert. 2013 wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, Industrie und Jäger suchten nach Munitions-Alternativen. Der völlige Sinneswandel kam aber nicht.  Die Jägerschaft beklagt technische Probleme: „Bei Kalibern unter sieben Millimeter funktioniert bleifreie Munition mit Kupfer oder Messing nicht ausreichend gut, es mangelt an der Treffsicherheit“, sagt Larcher.

Er schätzt, dass trotzdem „etwa die Hälfte“ der Tiroler Jäger bereits mit bleifreier Munition schießen würden. „Es gibt rund 200 Jäger, die mehr als 20 Stück Schalenwild pro Jahr erlegen. Bei diesen sehr aktiven Jägern ist die Umstellung schon recht gut gelungen. Aber es braucht seine Zeit.“

„Beim Verkauf dominiert noch immer Blei“
Beim Jagdhaus Tyrol in Innsbruck sieht man die Verkäufe von Bleimunition nach wie vor „vorrangig“. Chef Stephan Furtschegger: „Die Haltung der Kunden ist ganz unterschiedlich – manche schwören auf Bleimunition, andere wollen sie komplett vermeiden.“ Klar sei: Wer sein Gewehr über viele Jahre mit Blei eingeschossen und verwendet habe, rücke nur ungern davon ab. Ohne Gesetze werde sich nicht allzu viel ändern.

Landesjagd schon bleifrei
Im Regierungsprogramm von Schwarz-Grün im Jahr 2018 ist auf Seite 22 zu lesen, dass man die Programme des Jägerverbandes für eine Umstellung der Jagd in Tirol auf eine bleifreie Munition unterstützen wolle. Der zuständige LHStv. Josef Geisler: „Das Land Tirol geht auch selbst mit gutem Beispiel voran. In der Landesjagd ist die Verwendung bleifreier Munition bereits seit Jahren selbstverständlich.“ Nach 2014/15 sei nun eine neue Studie zum Thema in Vorbereitung.

Kein Recht auf Vergiftung der Natur
Peter Schweiger, Kramsacher Tierarzt und Vorstand im Tierschutzverein für Tirol, ärgert sich über Aussagen, wonach ohnehin alle Adler-Reviere in Tirol schon besetzt seien: „Das gibt dem Menschen doch nicht das Recht, die Natur zu vergiften! Die Greifvögel verhungern unter Krämpfen qualvoll, denn sie sind nicht mehr fähig, Beute zu machen. Und ich erinnere daran, dass auch andere Vögel wie Mäusebussard, Hühnerhabicht oder Milan betroffen sein können. Publik werden halt nur die Steinadler.“

Er kenne Ergebnisse von Schießversuchen, wo andere Legierungen bei Flugeigenschaften und Durchschlagskraft sogar besser abgeschnitten hätten. Und wenn die Alternativmunition derart schlecht wäre, würde sie ja gar niemand verwenden.

Andreas Moser
Andreas Moser
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