26.02.2021 16:04 |

Krise an Psychiatrie:

„Nicht nur Jugendliche, auch Kindergartenkinder“

Die Corona-Pandemie setzt uns psychisch allen zu, aber besonders hart sind die Folgen für junge Menschen - das bestätigt sich auch im internationalen Vergleich über alle Länder hinweg. Gerade in Österreich, wo im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie Aufholbedarf besteht, ist das ein Problem. Nicht nur die Schulen, auch Sport-, Musik- und Kunstvereine sind wesentlich und müssen rasch öffnen, erklären die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall in Tirol, Prof. Kathrin Sevecke, sowie der ehemalige Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Salzburg, Prof. Leonhard Thun-Hohenstein, bei „Moment Mal“ mit Damita Pressl.

Warum es gerade die Jungen so hart trifft? Es ist der Verlust der Alltagsroutine, erklärt Sevecke. Zusätzlich würde sich das Familiengefüge durch Home-Office der Eltern und neue Sorgen und Probleme ändern. So stelle man in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich mehr Krisen durch alle Altersstufen hinweg fest: „Es sind nicht nur die Jugendlichen, sondern auch Kindergartenkinder.“

Die Symptome unterscheiden sich je nach Altersgruppe und Geschlecht, erklärt Sevecke. Bei den Jüngeren können es Schlafstörungen sein, Burschen seien aggressiver und unaufmerksamer, Mädchen trauriger und zurückgezogener. Im Jugendalter hingegen würden sich die suizidalen Krisen häufen, ebenfalls aber Depressionen, Substanzkonsum sowie Essstörungen. Thun-Hohenstein berichtet von einem 15-jährigen Sportler, der durch den Verlust der Struktur in Schule, Sportverein und im Freundeskreis binnen drei Monaten in eine schwere Magersucht rutschte und 12 Kilo verlor. „In den letzten Monaten hatten wir keine einzige Akutaufnahme, die keinen Bezug zur Pandemie gehabt hätte. Die Kinder leiden sehr darunter“, so Thun-Hohenstein.

Bei Anzeichen von Problemen rät Thun-Hohenstein Eltern zunächst, einen psychotherapeutischen Psychologen in der Umgebung aufzusuchen. Hier könne durch ein Gespräch geklärt werden, wo das Problem ist, und entschieden werden, was das Kind braucht. Bei akuter Gefährdung allerdings, drängt Sevecke, solle man sofort zur nächsten Psychiatrie.

Es gebe durchaus Schutzfaktoren, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Etwa 70 Prozent der Kinder und Familien kämen gut durch die Krise, vor allem durch gesunde Beziehungen. Kinder und Jugendliche, die ein harmonisches Familienklima genießen und auch erwachsene Bezugspersonen außerhalb der Familie haben, wie etwa Tanten oder Taufpatinnen, seien besser geschützt, so Thun-Hohenstein. Umgekehrt sei das Risiko einer psychischen Belastung höher, je härter eine Familie von der Pandemie betroffen sei, entweder durch Krankheit oder durch Arbeitslosigkeit oder erhöhte Arbeitslast der Eltern. „Die Notfalltelefone bei Kinder- und Jugend-Helplines laufen heiß“, weiß Thun-Hohenstein. „Wir sehen eine deutliche Zunahme der Auslastung. Wir sind teilweise an unsere Grenzen gestoßen und die Regelversorgung funktioniert nicht mehr so wie sonst“, bestätigt Sevecke: die Anzahl der Akutaufnahmen sei so hoch, dass reguläre Therapien nicht in gewohntem Maß möglich sind. Besonders benachteiligte Kinder, in deren Familien etwa psychische oder physische Gewalt herrscht oder die bereits psychisch vorerkrankt sind, erreiche man nur mehr schwer, sagt Sevecke: „Die Schwelle, in die Klinik zu gehen, ist hoch; es gibt wenig Anlaufstellen, die Kontrollmechanismen sind weggebrochen, weil kein Klassenlehrer regelmäßig schaut, weil keine Schulärztin oder Schulpsychologin da ist. Daher plädieren wir dafür, dass wir möglichst schnell zum normalen Alltag zurückkehren“.

Auch die Dauer der Pandemie setze den Jüngsten zu, so Sevecke: „Es sind alle am Limit. Sie können nicht mehr“. Die Schulöffnung alleine war zwar wichtig, es gehe aber auch um Sport- und Freizeitzentren sowie Hobbyvereine, erklären die beiden Psychiater, denn auch die brauche es für emotionale Kontakte. Und auf lange Frist brauche es endlich eine Anpassung der psychischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Österreich auf internationale Standards. „Die Unterversorgung ist schon gravierend. Es gibt zu wenige Plätze im stationären Bereich, es gibt zu wenige ambulante Therapieplätze. Wir wünschen uns neue, moderne Konzepte“, so Sevecke. Der Vorstoß der Stadt Wien, Home Treatments zu ermöglichen, begrüßt sie und hofft auf eine ähnliche Möglichkeit in Tirol.

Damita Pressl
Damita Pressl
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