16.11.2020 07:02 |

Perspektiven fehlen

Stille Corona-Opfer: Die verlorene Jugend

Keine Maturabälle, keine Reisen, keine Feiern, eine ungewisse Reifeprüfung im nächsten Jahr, kaum soziale Kontakte, jetzt wieder Lockdown und Homeschooling. Die 17- und 18-Jährigen jammern nicht laut, aber sie sind traurig, demotiviert, es fehlen die Perspektiven.

Wir haben uns mit Anna (17), Dani (17) und den 18-jährigen Zwillingen Florian und Daniel in den Grazer Murauen getroffen. Und über die Ängste, Sorgen und die Gefühlswelt der Jugendlichen gesprochen.

„Serien auf Netflix schauen. Was sonst?“
Daniel zeigt sich gleich zu Beginn nachdenklich: „Ich habe in der Früh keine Motivation aufzustehen. Arbeitsaufträge für die Schule erledigen – okay. Und dann?“ Sein Bruder Florian ergänzt: „Es fehlt ein geregelter Tagesablauf, die Orientierung.“ Soziale Kontakte sollen vermieden werden, alle Einrichtungen (zum Beispiel Gastronomie, Kinos, Fitnessstudios und Vereine) sind zu. Was die vier so machen? „Serien auf Netflix schauen. Was sonst?“

Die Schulsituation seit März bereitet dem Quartett große Sorgen. Minister Heinz Faßmann hat gesagt, die Lehrer sollen vor allem wiederholen und nichts Neues unterrichten. Anna: „Ich will meine Matura nicht geschenkt bekommen. Das kommt in der Gesellschaft und bei Unternehmen sicher nicht gut an, wir haben dann quasi einen Stempel.“ Dani ergänzt: „In unserem Alter ist bei Fremdsprachen das Sprechen das Wichtigste. Wir können maximal mit uns selber reden.“

Maturaball? Abgesagt! Maturareise? Abgesagt!
Apropos Schule. Alle vier hätten in den nächsten Wochen Maturaball gefeiert. Abgesagt! Maturareisen? Abgesagt! Anna bringt es auf den Punkt: „Einige Mitschüler werde ich vielleicht nie mehr sehen. Das ist alles andere als schön.“ Daniel fragt sich: „Warum gerade wir? Unser Jahrgang ist der erste und wohl auch letzte, der komplett zum Handkuss kommt.“ Dass auch die Sprachreisen nach Rom, Irland, Frankreich, Brüssel und Italien nicht stattfinden, passt zur Gefühlswelt der Jugendlichen.

Thema Flirten: Was für Generationen selbstverständlich war, ist für die heutige Jugend ein Ding der Unmöglichkeit. „Wie sollen wir denn jemanden kennenlernen?“, fragt Single Florian. Anna konnte im ersten Lockdown ihren Freund zwei Monate lang nicht sehen. „Das war schon extrem traurig. Noch dazu, wenn du viel Zeit zum Nachdenken hast.“ Eine Freundin von Anna begann eine Beziehung knapp vor dem Lockdown – heute reden die beiden einstigen Turteltauben kein einziges Wort mehr miteinander.

„Natürlich kommt es daheim zu Spannungen“
Homeoffice der Eltern und Homeschooling lassen die Nerven zu Hause schon einmal blank liegen. „Du bist 24 Stunden am Tag zusammen, natürlich kommt es da zu Spannungen“, sagt Daniel. Flo ergänzt: „Früher hast dich mit Freunden getroffen, wenn es dir daheim zu viel geworden ist.“ Im Freundeskreis hörte man sogar von Erlebnissen mit häuslicher Gewalt.

Die größte Sorgen der Jugendlichen
Was macht den Jugendlichen Angst? „Das wir auf ewig Masken tragen müssen“, sagt Daniel. „Das das Ganze nie mehr aufhört“, so Dani: „Auf. Zu. Auf. Zu.“ Flo bangt, dass sich zwei Generationen völlig verlieren. „Wir dürfen zu unseren Großeltern, Tanten usw. keinen Kontakt haben, dürfen sie nicht besuchen. Wer weiß, wie lange noch.“ Und Anna sorgt sich, „dass diese kontaktlose Zeit ohne Begrüßung, ohne Umarmung länger bleibt. Ich freue mich schon, irgendwann wieder ganz unbeschwert Freundinnen treffen zu dürfen.“

Michael Jakl
Michael Jakl
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