22.10.2020 17:00 |

Kafkas „Der Bau“

Betrachtungen aus dem Labyrinth des Wahnsinns

Der Boden ist mit Erde bedeckt, welche zur Mitte hin einen Hügel bildet. Dahinter eine Bretterwand, vor der eine Glühbirne schwebt. Darum herum tiefste Dunkelheit, wie in einem Tierbau, einem Tunnel, oder einem Schützengraben. Mehr braucht Ausnahme-Mime Max Simonischek nicht, um brillantes Theater zu zeigen.

Bewusst auf das Einfachste reduziert ist das Bühnendesign von Besim Morina, um dem Zuseher die individuelle Möglichkeit des Ortes zu überlassen, an welchem sich „Der Bau“ aus Franz Kafkas gleichnamiger Erzählung befinden könnte. In der beklemmenden Schwärze erscheint flackernd und zögerlich ein Lichtkegel. In diesem kauert barfuß, mit fettigen Haaren, loderndem Blick und Händen, die sich als Krallen präsentieren, Max Simonischek als das Menschentier.

Ein-Mann-Schauspielkunst
„Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen“, lautet der sinngebende Einleitungssatz, der darauffolgend eine rasante Stunde an brachialer Ein-Mann-Schauspielkunst mit sich bringt. Der 38-jährige Simonischek brilliert in dieser von ihm 2015 für das Zürcher Neumarkt Theater inszenierten, zeitlosen, aber unvollendeten Erzählung Kafkas, der diese 1923, sicherlich auch bedingt durch das damalige kollektive Trauma, das die Grabenkriege des Ersten Weltkrieges mit sich brachten, verfasste. Simonischeks zu drei „Krallen“ zusammengeklebte Finger sind als seine Grabwerkzeuge dauernd in Bewegung. Auch dann, wenn er animalisch schnaubend durch seinen „Bau“ sich krumm und staksend vorwärtsbewegt, löchern sie die Erde oder zupfen an dem zerrissenen, schmutzigen, einst noblen Nadelstreifanzug (Kostüm von Joel Basman), der seinen Körper mehr schlecht als recht bedeckt.

Zwischen Zufriedenheit mit sich und seinem wohlüberlegt errichteten Bau, steigert er sich in einen paranoiden Wahnsinn hinein, spuckt und schreit Kafkas Text in das Publikum und proklamiert so, mehr als realistisch, seine Angst vor dem Fremden, welches ihn in seiner Heimat angreifen und den von ihm gehorteten blutigen Fleischvorrat rauben will. Manifestiert wird diese Neurose durch ein Zischen, welches er zu vernehmen glaubt und das doch nur von einem Tier stammen kann, das in seiner Nähe gräbt. Die Gültigkeit dieser zeitlosen Parabel gestaltet sich mit dem Satz: „Aus dem Innern des Baus heraus jemandem außerhalb zu vertrauen, ich glaube, das ist unmöglich.“

Weitere Termine ab Jänner 2021: www.landestheater.at/produktion

Hubert Berger, Kronen Zeitung

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