22.10.2020 07:00 |

Corona-Schicksale

„Du bist nichts wert“ hat ihn immer verfolgt. . .

Schon vor Corona war sein Leben ein Scherbenhaufen - mit einem Lichtblick: Der Steirer hatte einen Job, bei dem er Menschen helfen konnte, etwas dazu verdiente. Corona hat ihm auch das genommen.

„Du bist nichts wert.“ Die Eltern haben ihm diesen Satz schon in die Wiege gelegt, ihm, dem unerwünschten Nachzügler. „Mit fast fünf Kilo bin ich auf die Welt gekommen“, denkt der 62-Jährige heute zurück. „Ein paar Wochen später hab ich nur noch drei gehabt. Irgendwie war damit mein Weg wohl schon vorgegeben. Zurückweisung und Ablehnung haben mich halt immerfort begleitet.“

„Du bist nichts wert, keiner hat dich haben wollen“, hätte ihm der Vater mit jedem Schlag mit der Gürtelschnalle eingebläut; Worte, die fast noch schlimmer weh taten als die Prügel. Oder die Mutter, die ihr Kind nicht schützte und später gesagt haben soll: „Was hätt’ ich denn tun sollen?“

Wenn ein Mann mit den Tränen kämpft

Ob es wirklich genau so war? Wir wissen es natürlich nicht, für die Eltern gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung - aber so hat es sich im Gedächtnis des Pensionisten eingebrannt, der heute noch, so viele Jahrzehnte später, mit den Tränen kämpft, als er uns seine Geschichte erzählt. Der Satz ist in seinem Kopf oft aufgeflammt, bei jedem Rückschlag, jeder Verletzung, jedes Mal, wenn ihm Schreckliches passierte.

Wie damals im Sommerlager, als der Bub missbraucht wurde. „Erzählen hab ich es keinem können, ich hab mich so geniert. Und wer hätte mir geglaubt?“

Drei Kinder hat er, eine Lebensgefährtin hatte er, der Kontakt zu ihnen ist abgebrochen. Warum? „Wahrscheinlich hab ich auch da versagt, als Partner und als Vater.“ Schulterzucken. Resignation.

Jahrelang war er im Taxigeschäft, zwischendurch immer wieder arbeitslos, einmal hat er sogar das Dach über den Kopf verloren. „Da war ich am Boden. Weil halt einfach nie was richtig funktioniert bei mir.“ Psychische Probleme waren die Folge.

Und heute? „Heute steh ich vor dem Scherbenhaufen meines Lebens. Ich wohne auf 28 Quadratmetern, kriege 900 Euro Pension. Davon gehen 330 Euro in die Alimente. 300 muss ich für die Wohnung zahlen. Und vom Rest lebe ich.“

„Leben“. Ab dem 20. jeden Monats hungert er, erzählt er uns beschämt. Früher, da hat er wenigstens noch sein Radl gehabt, die Ausflüge damit haben ihm die wenigen Glücksmomente beschert. “Aber das haben’s mir gestohlen.„ Und vor Corona übte er noch seinen Nebenjob aus. Hilfstätigkeiten für behinderte Menschen. Etwas für andere tun können, für sie da zu sein, zu hören: “Wir sind so froh, dass wir dich haben.„

Das waren Worte, die ihn aufblühen ließen. Die er vorher so nie gehört hat. Auf die er so lang gehofft hatte. Trotz aller Widrigkeiten: Der Mann war glücklich.

Doch mit Corona war Schluss mit Glück und kleinem Geld, “ich durfte nicht mehr arbeiten, wegen der Kontaktbeschränkungen„.

Jetzt, mit Corona, sei es auch chancenlos, wieder so eine Betätigung zu finden. Speziell eine, die ihn endlich beständig glücklich macht.

Wenn er sein Katzerl nicht hätte, sagt er, seine „Mutzi“, sehe er nicht mehr den kleinsten Sinn im Leben. Das Tier streicht um seine Beine und schnurrt, als hätte es verstanden.

Das Stück Marmorkuchen

Wissen Sie, was uns ganz besonders berührt hat? Wir haben den Mann besucht, seine paar Quadratmeter gesehen, mit Koch-, Schlaf-, Wohngelegenheit in einem winzigen Zimmer zusammengepfercht. Seine Kontoauszüge angeschaut. In sein Leben blicken dürfen; nur Perspektivenlosigkeit gesehen.

Und dennoch hat der Mann seine wenigen Euro zusammengekratzt, um dem Besuch einen selbstgemachten Marmorkuchen hinstellen zu können.

Wir sind beschämt, als wir gehen.

Christa Bluemel
Christa Bluemel
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