02.10.2020 17:15 |

Maßnahmen im Check:

Corona-Lockdown muss „nukleare Option“ sein

Die bisher größte Studie zur Effektivität von Corona-Maßnahmen kommt aus Wien - genauer genommen aus dem Complexity Science Hub Vienna, einer Forschungsgruppe, die sich mit der Untersuchung großer Datenmengen beschäftigt. Die Wissenschafter dort haben knapp 4600 Maßnahmen aus 76 Staaten verglichen - und sie kommen zum Schluss: Der totale Lockdown ist zum Eindämmen der Reproduktionszahl nur mäßig effektiv. Welche Maßnahmen am besten funktionieren und was das für Österreich heißt, erklärt der Hauptautor der Studie Peter Klimek bei „Moment Mal“ im Gespräch mit Damita Pressl. Politisch ordnet der Gesundheitssprecher der NEOS Wien, Stefan Gara, ein.

Gleich vorweg stellt Klimek fest: Ein zweiter Lockdown muss „die nukleare Option sein“. Wenn nichts anderes mehr möglich ist und wenn das Gesundheitssystem am Zusammenbrechen ist, sei ein solcher denkbar und gerechtfertigt, ansonsten müsse er aber mit allen Mitteln vermieden werden. So sieht auch Gara einen erneuten Lockdown: als allerletzte Reißlinie, die durch die derzeitige Situation keinesfalls gerechtfertigt werde.

Denn, so betont Klimek: „Wir waren im März nicht vorbereitet und wir hatten keine Evidenz, wie wir uns vorbereiten könnten.“ Inzwischen wisse man deutlich mehr. Zum Beispiel, dass das Schließen von Bildungseinrichtungen jene Maßnahme ist, die die Pandemie am effektivsten eindämmt. Trotzdem müssen die Schulen offen bleiben, so Gara, denn es sei auch ein politischer Trade-off. Und Klimek gibt zu bedenken: Bei dieser Maßnahme gebe es eine „ganz starke Altersabhängigkeit“. Wenn junge Erwachsene ihre Bildungseinrichtungen nicht mehr besuchen, würde das tatsächlich einen sehr großen Unterschied machen. Kindergärten und Volksschulen aber seien kaum ein Thema, nachdem das Virus Kinder kaum betrifft.

Die Studie des Complexity Science Hub konnte auch nachweisen, dass freiwillige Empfehlungen, gepaart mit Aufklärungskampagnen und klarer Kommunikation, „nur unwesentlich schlechter“ funktionieren, als solche Maßnahmen, die mit Zwang verbunden sind, erklärt Klimek. Denn: Durch Aufklärung würde die Bevölkerung auch langfristig ihr Verhalten ändern, und so ergebe sich ein nachhaltigerer Effekt als bei Verboten. „Da muss man Klarheit schaffen: Was wirkt wie stark?“, sagt Klimek. „Unsere Kommunikation in Österreich ist sehr stark zwischen Extremen gependelt.“

Gara ist optimistisch, was die Lernfähigkeit der Österreicher betrifft und nennt als Beispiel die Grippeimpfung. Hier hat es dieses Jahr eine deutliche Zunahme der Nachfrage gegeben, auch wenn die Impfung nach wie vor auf Freiwilligkeit basiert: „Es wird nicht alles komplett freiwillig gehen, aber ich würde den Menschen ein Stück weit mehr zutrauen“, so Gara.

Was uns bevorsteht? „Weihnachten wird ein Wurstelprater für das Coronavirus“, fürchtet Klimek, denn da sei „an jeder Ecke etwas los, wo das Virus mitfahren möchte“. Aber danach ist wohl bald eine Impfung in Sicht.

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