07.10.2020 06:00 |

Lebens-Werkschau

Robert Plant: Solo-Œuvre der Led-Zeppelin-Legende

Mit Led Zeppelin schrieb Robert Plan eineinhalb Dekaden lang Rockgeschichte, doch seit 40 Jahren ist die Kultstimme auch solo mehr als erfolgreich unterwegs. Auf seinem Doppelalbum „Digging Deep: Subterranea“ blickt er nun zurück - und schaut auch freudig in die Zukunft.

Dass sich Robert Plant seit Jahren beharrlich weigert mit Led Zeppelin, der zweifellos größten Rockband aller Zeiten, Geld und Ruhm einzuschaufeln, werden ihm die Fans der Hard-Rock-Legende nie verzeihen. Während Gitarrengott Jimmy Page in den seltener werdenden Interviews keine Gelegenheit auslässt, sich ein paar exklusive Shows vorstellen zu können und die Zeppelin-Derivaten-Kiste mit Wiederauflagen, Bonuspaketen und verschollen geglaubten Stücken füllt, hat sich der 72-Jährige Plant so gut wie möglich von seiner eigenen Legende befreit. Rein aus künstlerischer Perspektive ist das durchaus verständlich, denn Plant hat in den 40 Jahren seit dem Ende von Zeppelin nicht weniger als 14 Alben veröffentlicht und sich dabei überall dort ausprobiert, wo er sich persönlich wohl fühlt. Mal im gediegenen Folk, mal im Blues- oder Roots-Bereich und in den letzten Jahren verstärkt in der Weltmusik mit orientalischem Touch.

In Würde gealtert
Wer sich den blondgelockten Mann mit der Goldstimme dabei etwa beim Arena Open Air in Wien oder öfters mal knapp über die heimischen Grenzen hinaus im benachbarten Ausland angesehen hat, weiß, dass Plant seinen Status nicht verzweifelt mit Zähnen und Klauen verteidigen muss, sondern noch immer in beeindruckender Form ist. Für die vokalen Ausflüge in ganz hohe Gebiete würde so manch Mitt-40er töten oder zumindest foltern, der trocken britische Humor und die gesamte Bühnenperformance sind nach wie vor über alle Zweifel erhaben. Der späte Plant hat auf Platte vor allem in den letzten Jahren restlos überzeugt. „Lullaby And The Ceaseless Roar“ (2014) war ein mutiger Ausflug in fremde Klangwelten, das wesentlich basischere „Carry Fire“ (2017) zeigte ihn mit seinen Sensational Space Shifters ungebrochen spielfreudig.

Ein neues Studioalbum gibt es in den dürren Corona-Monaten zwar nicht, aber mit „Digging Deep: Subterranea“ gräbt der Brite diesen Herbst ordentlich in seinem Fundus ab dem Zeppelin-Ende. Wer sich den x-ten Aufguss von „Immigration Song“ oder „Kashmir“ wünscht, kann spätestens jetzt weiterklicken, wer sich das mannigfaltige Soloschaffen Plants aber mit all seinen bewussten Stil- und Genrebrüchen immer wieder gerne durch die Ohren gleiten lässt, wird hier seine Erfüllung finden. Animiert wurde das Doppel-Album von seiner im Juni gestarteten Podcast-Reihe „Digging Deep With Robert Plant“, wo sich der medienscheue Künstler bewusst in seine eigene musikalische Vergangenheit grub und unzählige Geschichten über die Entstehung, Komposition, Inspiration und Arrangements seiner Songs erzählte. Im Zwei-Wochen-Takt erschienen diese insgesamt fünf Folgen seit Ende Juli, ursprünglich aufgenommen im Londoner Rough Trade East in London in der ersten Jahreshälfte, als Corona noch eine fantastische Chimäre war.

Frieden gefunden
Auch wenn Plant nach seiner Zeppelin-Karriere nie der große Kritiker-Liebling war und im Gegensatz zu anderen Künstlern oft zu Unrecht geschmäht wurde, zeigt sich auf dieser Zusammenstellung erst recht der Genius des Rock-Poeten mit dem untrüglichen Hang zur Improvisation. Plant musste sich seinen Kultstatus nach dem Ende der alles überschattenden Rockband hart erarbeiten. Über die gesamten 80er-Jahre hinweg veröffentlichte er hochqualitative Platten, doch erst als er 1994 für das Projekt „No Quarter“ wieder mit seinem alten Karrierezwilling Jimmy Page zusammenkam, wurde dem heute achtfachen Grammy-Preisträger die Ehre zuteil, die er schon viel früher mit Alben wie „Now And Zen“ (1988) oder dem lange sträflich unterschätzten „The Principle Of Moments“ (1983) bekommen hätte müssen. Die Auswahl für diese 30 Songs starke Zusammenstellung mutet teilweise doch überraschend an. So fehlt etwa gänzlich Material von „Raising Sand“, seinem 2007er Album mit Alison Krauss.

In erster Linie sollte „Digging Deep“ eine Plant-Show werden und die famosen Wegbegleiter maximal am Rande streifen. Wer sich bei einem guten Häferl Kaffee Zeit nimmt, um sich voll und ganz den Soundwelten aus vier Dekaden hinzugeben, dem eröffnet sich dafür eine wundervolle Rückschau, die ganz ohne übertriebene Nostalgie-Bekundungen auskommt. Plant war nie jemand, der sich selbst gerne im Spiegel der Vergangenheit betrachtete, insofern lässt er auch bei dieser überraschenden Retrospektive erst gar keine rückwärtsgewandte Melancholie zu. Höhepunkte gibt es natürlich en masse. Etwa den eingängigen Nummer-eins-Rockstampfer „Hurting Kind (I’ve Got My Eyes On You)“, das nicht minder faszinierende „Shine It All Around“, oder das mit einem lässigen Blues-Riff ausstaffierte „New World“. Das gespenstische „I Believe“, das seinem tragisch verstorbenen Sohn gewidmet war, darf ebensowenig fehlen wie das überraschend politische „Great Spirit“, das eine untrügliche Allgemeingültigkeit besitzt. Überhaupt steht Plant auch die Elegie gut, das spürt man besonders in Nummern wie „Rainbow“ oder dem unsterblichen „Memory Song“, der sich erst in der Endphase des Doppeldeckers frei entfaltet.

Keine verpasste Chance
Natürlich dürfen auch ein paar neue Schmankerl nicht fehlen, man will das Produkt schließlich doch verkaufstauglich bewerben. Bislang unveröffentlicht war „Nothing Takes The Place Of You“, das für den 2013er-Film „Winter In The Blood“ aufgenommen wurde. „Charlie Patton Highway (Turn It Up - Part 1)“ wird auf dem bald erscheinenden Album „Band Of Joy Volume 2“ zu finden sein und ein geheimes Highlight ist das im Duett mit Patty Griffin eingesungene „Too Much Alike“ von Charley Feathers. Auf „Digging Deep: Subterranea“ spannt Plant geschickt den Bogen von den anfänglichen Irrungen seiner frühen Solokarriere zur kompositorischen Beständigkeit in der Gegenwart, die ihm über die letzten Jahre endgültig die Selbstsicherheit garantierten, das Kapitel Led Zeppelin wohl für immer und ewig ad acta legen zu können, ohne über verpasste Chancen nachgrübeln zu müssen. Ein solcher innerer Frieden ist nur wenigen Musikern vergönnt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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