06.10.2020 06:00 |

Solodebüt „CMFT“

Corey Taylor: Mit Anlauf durch die Rockgeschichte

Slipknot, Stone Sour, Buchautor, Social-Media-Promi, Querulant - Corey Taylor ist einer der buntesten und auffälligsten Figuren im gegenwärtigen Musikbusiness. Nach mehr als 20 Jahren veröffentlicht er nun endlich sein erstes Soloalbum - und hat unendlich viel Spaß dabei.

„But what does Corey Taylor think?“ Die Meinung des Slipknot-Frontmannes gehört in den Alltag wie das Amen zum Gebet. Auch wenn die scherzhaft gemeinte Eingangsfrage schon einen meterlangen Rauschebart hat, die Ursache dafür hat sich der umtriebige Amerikaner bekanntlich selbst zuzuschreiben. Kein Thema bleibt unberührt und in zahlreichen Interviews, Podcasts, Fernsehauftritten und Eigenpostings verzichtet Taylor nicht darauf, seinen Senf dazuzugeben. Das tat er mittlerweile auch schon mehrfach in Buchform, wenn auch mit bescheidenem Niveau und harscher Aussprache. Das „Frei Schnauze“-Prinzip mag so manchen verärgern und allzu inflationär daherkommen, in einer immer glattgebügelteren Welt der Political Correctness und des vorauseilenden Gehorsams ist Taylors verbale Offensivkraft ein gern gesehener Segen, den man auch bei gegenteiliger Meinung akzeptieren kann.

Neue Kerben
Obwohl die Maskenparade von Slipknot derzeit nicht touren kann und sein Rockprojekt Stone Sour auf unbestimmte Zeit auf Eis liegt, lässt der 46-Jährige dieser Tage aber mal nicht als Mahner oder kritischer Zeitgeist aufhorchen, sondern lieber die Musik für sich sprechen. Nach einer mehr als 20-jährigen Karriere veröffentlicht er sein allererstes Soloalbum, was man angesichts der unzählbaren Features und Kooperationen mit Künstlern von Death Metal über Hip-Hop bis hin zum Pop gar nicht wirklich glauben kann. Mit „CMFT“ (natürlich: „Corey Motherfucking Taylor“) hat er sich nun tatsächlich aber einen Lebenstraum erfüllt und schlägt auch zahlreiche neue Kerben in seine ohnehin schon bunte Vita. Schon die Unterschiede zwischen seinen beiden Hauptbands sind so groß, dass man dazwischen dutzende Festivalbühnen parken könnte, aber eine derartige Vielfalt wie auf dem Solooutput wäre ihm in dieser Vehemenz nicht zuzutrauen gewesen.

Als Mensch, dessen musikalischer Privatgeschmack sich irgendwo zwischen den Beatles und Blastbeats einordnen lässt, ist ihm Schubladendenken gänzlich fremd. Das hört man schon dem Opener „HWY 666“ an, der sich bewusst früh von seinen zwei Bands entfernt und mit seiner Country-Metal-Atmosphäre so etwas wie Pantera mit Sporen und einem Stetson klingt. Ein flirrendes Gitarrensolo, Reminiszenzen an die frühen Jugendtage und ein feuriger Text, der bewusst seine Missbrauchs- und Selbstmordversuchs-Historie ausklammert, sondern lieber an die jugendliche Sturm-und-Drang-Phase längst vergangener Tage erinnert. Musikalisch wollte sich Taylor den Traum von einem aus „Hard Rock, Blues und Country motivierten Tracks“ erfüllen, inhaltlich schlägt er zahlreiche Brücken zu den bunten Phasen seines Lebens, ohne dabei den Fokus auf die gute Laune zu verlieren. Eine Feel-Good-Atmosphäre ist die wichtigste Prämisse, das spürt man auch im weiteren Verlauf des Albums.

Quersprünge allerorts
Mit „Samantha’s Gone“ huldigt er mit Vorliebe dem US-Classic Rock, „Halfway Down“ klingt wie AC/DC zu „Stiff Upper Lip“-Zeiten und auf „Meine Lux“ zeigt er seine Vorliebe für Punk Rock der traditionellen Sorte. Doch nicht alles, was Taylor angreift, wird zu zwanglosem Partygold. Die Stadionrock-Hymne „Black Eyes Blue“ ist proletoid-breitbeinig geraten und auch das knieweiche „Silverfish“ hat keine spannende Langlebigkeit. Balladen kann er besser, was er im Schlussdrittel auf dem pianogetragenen „Home“ auch eindrucksvoll beweist. Vor allem die stimmliche Variabilität ist herausragend, das weiß man aber nicht erst seit den bewegenden und vokal schwierigen Songs, die er über all die Jahre für Stone Sour verfasst hat. Überhaupt die Hymnentauglichkeit - das Taylor eine Vorliebe und auch ein Gespür für großspurige Songs hat ist bekannt, doch die Refrains in Songs wie „Kansas“ oder „The Maria Fire“ kriegt man tatsächlich nicht so schnell aus dem Ohr.

Wie wenig er sich um Grenzen und Dogmen schert, wird dem Hörer spätestens beim selbstironischen „CMFT Must Be Stopped“ klar, wo er mithilfe von Tech N9ne und Kid Bookie tief in Rap-Gefilde abrutscht, ohne aber einen kompositorischen Bauchfleck á la Tommy Lee aufs Parkett zu legen. Das liegt auch daran, dass er den Song nicht nur mit wohligem Old-School-Feeling füttert, sondern weil er einfach ein um Welten besserer Songwriter ist. Abgeschlossen wird das bunte Treiben mit dem Hardcore-lastigen „European Tour Bus Bathroom Song“ der wie eine endende Klammer beweist, dass Taylor trotz all seiner Ansichten zu allen möglichen Bereichen vor allem das geblieben ist, was Künstlern niemals krumm genommen wird: ein sympathischer Querulant, der sich mit Händen und Füßen gegen das Erwachsenwerden und Reifen wehrt und stets den Schalk im Nacken sitzen hat.

Der letzte Rockstar
Die großen Überraschungen bleiben auf Taylors Solodebüt außen vor, zudem kann nur eine echte Größe mit einem solch stilverweigerndem, weil durch alle stilistischen Gemüsegärten mäandernden Album schadlos durchkommen. Wer mit dem Œuvre des frechen Vollblutmusikers vertraut ist und seine vielschichtigen Einflüsse kennt, dem wird dieses scharf gewürzte Allerlei in Soundform aber zu keiner Sekunde spanisch vorkommen. Den großen Anspruch und tiefgreifende Themen sucht man hier vergeblich, aber mit „CMFT“ handelt der Interpret nicht nur seine Erfahrungen und Erlebnisse äußerst humorvoll ab, sondern beweist auch einmal mehr, dass er in einer immer noch anhaltenden Zeit des Aussterbens handgemachter Gitarrenmusik wohl der letzte echte Rockstar ist. Talentiert, motiviert, kantig und gleichermaßen vergöttert wie verhasst - mehr kann man sich nicht wünschen. Und bis zum nächsten Slipknot-Konzert wird es leider auch noch eine Zeit lang dauern.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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