03.09.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Pippa: Raus aus dem „Idiotenparadies“

Nach dem gefeierten Debütalbum „Superland“ ruft die österreichische Sängerin und Schauspielerin Pippa Galli das „Idiotenparadies“ auf. In mal bunteren, mal nachdenklicheren Liedern erweist sie sich als gegenwärtige Alltagsbeobachterin, die ohne erhobenen Zeigefinger auf diverse Missstände und Automatismen hinweist. Im ausführlichen „Krone“-Gespräch geht sie genauer auf die aktuelle Weltlage ein.

„Krone“: Pippa, nur knapp ein Jahr nach deinem Debüt „Superland“ erscheint nun der Nachfolger „Idiotenparadies“. Schon rein die Albumtitel sind ja sehr widersprüchlich, was auf ein bewusstes Kalkül schließen lässt…
Pippa Galli:
Ich finde, dass die Titel insofern was gemeinsam haben, als dass sie beide ambivalent sind. Das „Superland“ war mit Augenzwinkern zu sehen. Es ist wie ein Vergnügungspark, der am Tag schön ist, wo man sich wohl fühlt, aber nachts merkt man, welche Gestalten unterwegs sind und wie trostlos es ist. So etwas wie Las Vegas - ein Ort, der irgendwo dazwischen ist. Das „Idiotenparadies“ weckt eine negative Assoziation, aber nicht nur. Es geht auch um die Narrenfreiheit. Der Narr ist negativ behaftet, aber in der Literatur hält er der Gesellschaft auch den Spiegel vor. Er zeigt, wie frei er ist und wie unfrei die anderen. Aber natürlich geht es um das Idiotische und Unreflektierte, auf das wir in der Gesellschaft immer zurückgeworfen werden. Luxus auf dem Rücken der anderen, das ständige Fliegen in andere Länder und ohne darüber nachzudenken einfach Dinge zu machen, weil es immer schon so war.

Nachdem der Fisch ja immer beim Kopf zu stinken beginnt - in der Welt werden derzeit viele Länder von Egomanen ohne Zukunftsperspektive und Mitmenschlichkeit regiert. Macht dich das sehr wütend?
Natürlich. Ich will es für die Zukunft nicht ausschließen, aber derzeit will ich keine klaren politischen Lieder schreiben. Das können andere besser. Aber die Themen interessieren mich und sie lösen Emotionen aus. Ich versuche diese Emotionen in eine Abstraktion zu bringen und sie zu meinen zu machen. Vielleicht erkennt man dann nicht mehr genau, um was es ging, aber für mich ist es stets der Anfang von allem.

Sind die Songs auf „Idiotenparadies“ alle nach „Superland“ entstanden, oder hast du auf alte Ideen zurückgegriffen?
Der Titelsong ist uralt. Ich habe den Text vor ca. zehn Jahren geschrieben und der Song klang musikalisch anders. Ansonsten habe ich nach dem Ende des Schreibprozesses zu „Superland“ und vor dessen Veröffentlichung zu schreiben begonnen. Ich hatte das Bedürfnis, gleich weiterzumachen mit der Erfahrung vom Debüt. Mich einfach noch mehr zu trauen.

Musikalisch ist „Idiotenparadies“ viel bunter und vielseitiger ausgefallen. Kam der Mut dafür aus dem Erfolg des Debüts? Dass es eben nicht nur akzeptiert, sondern auch richtig abgefeiert wurde?
Durchaus. Ich habe gemerkt, dass da noch was ist, was ich zurückgehalten hatte. Man weiß nach einem Album immer, was man anders machen wollte und setzt das dann um - so geht’s mir jetzt auch schon für das nächste. (lacht) Es ist ein Antrieb, dass man sich weiterentwickelt. Es geht nicht direkt ums Besserwerden, aber ich will meinen musikalischen Output auf den neuesten Stand bringen.

Denkst du im Nachhinein daran, dass du gewisse Dinge hättest anders machen können oder kannst du das schnell abhaken?
Dazu neige ich, aber ich versuche mich sofort aus dem Strudel rauszuziehen. Billy Joel hat gesagt, dass jedes Lied, das man schreibt, sein eigenes Kind ist. Unter dem Aspekt ist es wichtig, seine Kinder eine Entwicklung zugestehen zu lassen. Man ist vielleicht nicht immer mit ihnen glücklich, aber man hat sie nach wie vor lieb. Natürlich hätte man sich dort und da weniger reinreden lassen oder durchsetzen sollen, aber vielen Menschen hat es gefallen. „Idiotenparadies“ entspricht mir noch mehr, aber vielleicht denke ich mir in einem Jahr darüber das gleiche wie jetzt über „Superland“. (lacht)

Inhaltlich hast du eine schöne Mischung aus Zeitgeist und Zeitlosigkeit. „Egal“ ist zum Beispiel so eine Nummer, die die Generation Z anspricht, die sich am liebsten nur mehr treiben lässt. Du gehörst selbst nicht mehr dazu, kannst dich aber offenbar sehr gut darin einfühlen?
Das Thema Gleichgültigkeit beschäftigt mich sehr. Ich habe keine Antworten darauf, aber das Thema ist so facettenreich. Ich kenne es auch von mir selbst, dass wenn zu viel da ist, ich mich nur mehr rausziehen will. Junge Menschen haben oft keine Impulse mehr, weil von den falschen Dingen zu viel vorhanden ist. Man verschließt sich und sucht Rückzug in Richtung Wurstigkeit. Es ist traurig, aber auch nachvollziehbar.

Wie lange kann eine Gesellschaft so eine Strömung überhaupt noch tragen?
Bis zur nächsten Pandemie, denn wenn die Menschen nicht kapieren, dass es so etwas braucht, um zu regulieren, dann wird es zu spät sein. Ich sage ganz beinhart, dass es offenbar so einen Virus brauchte, der ausrottet, weil die Menschen mit der Erde nicht gut umgehen. Wenn wir so weitermachen und weiterfliegen, dann wird wohl noch eine Pandemie kommen müssen, die schlimmer ist. Wie viele Trumps muss es noch geben, damit die Leute aufwachen? Was muss er tun oder was muss passieren? Warum ist so etwas überhaupt möglich? Warum kann der überhaupt Präsident sein? Ich verstehe nichts davon.

Du bist jemand, der sehr gerne Themen wie Feminismus, Umweltpolitik oder Gesellschaftliches in seinen Songs aufgreift. Hast du dich schon selbst dabei ertappt, dass dir wichtige Dinge in der Gesellschaft oder im Leben zu egal waren?
Auf jeden Fall, ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Ich denke schon viel über Dinge nach, könnte aber wesentlich empathischer sein. Man ist schnell bequem, indem man zum Beispiel Müll trennt und seinen Beitrag leistet, aber man müsste weitere Schritte gehen - zum Beispiel ehrenamtlich arbeiten. Aktiv was zu machen, was mir selbst gar nichts bringt, tue ich auch nicht. Es ist mir zumindest bewusst und ich bemühe mich, daran zu arbeiten.

Im Video zum Song spielst du verschiedene Hipster-Klischeerollen. Das ist dann wohl der augenzwinkernde Part, der trotzdem die reale Wahrheit abbildet.
Das ist richtig. Humor hat fast immer Platz. Nicht im Sinne des Auslachens und der Schadenfreude, sondern als eine Art Witz, wo man schmunzeln muss, ohne brachial zu lachen. Ich habe im Video versucht den Zeitgeist einzufangen, weil mich das komplett beschäftigt. Ich lehne es ja nicht ab, finde es aber interessant, wie Trends zustande kommen? Warum laufen in zehn Jahren alle so und so rum? Warum glauben alle, sie wären so ideell und sind dann doch so konformistisch? Ich nehme mich da gar nicht aus! Es gibt ein Geborgenheitsgefühl, wenn man sich wo einordnen kann. Teenager kleiden sich oft gleich, weil noch Unsicherheit da ist und man sich nicht traut, eigenständig zu sein. Wenn erwachsene Menschen alle dasselbe anhaben und so tun, als wären sie individuell, dann wird’s aber schnell stupide. Oder wenn im Radio überall nur das gleiche läuft und jeder Cloud-Rap-Beat gleich klingt.

Trends fallen aber auch sehr schnell wieder. Man hat einen immensen Höhenflug, aber fällt dann oft sehr radikal und tief.
Und vor allem bleibt dann nichts, es hat keine Beständigkeit. In zehn Jahren fragt man sich dann selbst, warum man so ein Album machte. Besser nicht dem Erfolg nachjagen und bei sich bleiben. Dann kann man auch lange zu seiner eigenen Musik stehen.

Junge Menschen wollen Revoluzzer sein, verändern, aufwiegeln - und scheitern dann oft an sich selbst. Glaubst du, dass dieses Geborgenheitsgefühl in der Gleichförmigkeit dafür verantwortlich ist, dass am Ende oft doch weniger passiert, als man ursprünglich wollte?
Das ist wohl sehr unterschiedlich. Diese Konformismusphase ist sehr wichtig und es geht darum, einen Absprung davon zu finden. Das wiederum hat sehr stark damit zu tun, wie und wie sehr junge Menschen mit Impulsen gefüttert werden. Es wird ja überall dasselbe gespielt und gezeigt. Alles findet am Computer statt und man bringt nicht mal mehr Bücher zu den jungen Menschen. Man muss sie dort unterstützen und abholen. Wo soll man sich beim Fernsehen orientieren? Dort sprechen alle gleich und sehen gleich aus. Wie soll ich dann den Impuls haben, meinen eigenen Stil zu finden? Es gibt immer besondere Menschen, die sich davon lösen können, aber wir müssen jungen Menschen mehr helfen.

Der Song „Dystopia“ spricht Bände. Wenn man sich die Weltlage ansieht, leben wir ja schon in dystopischen Verhältnissen. Ist es dann als Künstlerin nicht schwierig, noch Hoffnung zu vermitteln?
In diesem Mythos von der Büchse der Pandora heißt es ja, dass die Frau sie geöffnet hätte und dann kam alles Negative über die Menschheit. Ganz am Ende kam aber die Hoffnung raus und ich finde, das ist etwas sehr Schönes. Je schlimmer etwas ist, umso mehr Chance hat die Hoffnung, weil man wieder weiß, worauf man hoffen kann. Wenn es uns zu gut geht, denken wir darüber gar nicht nach. Ich selbst bin voller Hoffnung, glaube aber, es wird noch viel passieren, bis es uns allgemein wieder besser geht.

Die Hoffnung scheint man im heimischen Kulturbetrieb zu verlieren. Die Clubs bleiben bis auf unbestimmt geschlossen, Konzerte quasi komplett abgesagt, es scheint keine Lösung zu geben.
Am Anfang der Corona-Zeit habe ich das Album verschoben auf Ende August und war deshalb ziemlich fertig. Corona war einfach wichtiger als alles andere. Wir dachten dann, dass wir sicher bald Konzerte spielen können, aber wir wissen noch immer nicht, wie es weitergeht. Ich lasse das jetzt aber von mir los, denn man kann es nicht ändern. Es ist natürlich traurig, denn ich liebe es, aufzutreten. In einem pessimistischen Artikel habe ich mal gelesen, dass vor 2022 sowieso nichts passieren wird an der Livefront. Das wäre natürlich hart, denn man steckt so viel Liebe, Energie und Ressourcen in ein Album und dann kann man es nicht an die Leute bringen. Wer kauft denn heute noch Vinyl oder CDs? Man muss die Musik mit Konzerten greifbar machen.

Für Künstler ist die Situation prekärer als für andere, doch andererseits ist es schwierig, ohne Gegenmittel Tür und Tor zu öffnen. Hast auch Verständnis für gewisse Entscheidungen, die im politischen Rahmen stattfinden?
Natürlich verstehe ich das. Ich bin die letzte, die eine „mir ist alles egal“-Haltung hat. Manchmal verstehe ich nicht, wie andere Dinge priorisiert werden. Warum darf man keine Konzerte spielen, aber es fiel die Maskenpflicht im Supermarkt? Konzerte mit einen schachbrettartigen Sitzmuster funktionieren doch wunderbar. Das mit den Nachtclubs leuchtet mir ein, weil die Leute eng tanzen, das ist nun einmal schwierig. Meine Freundin hatte zum Beispiel eine Frühgeburt und in der Corona-Zeit war das Kind im Brutkasten. Es durften immer nur Mama oder Papa zum Kind, aber nie gemeinsam. Sie leben aber zusammen, also wo ist der Unterschied? Natürlich muss man aufpassen, aber manche Entscheidungen sind fragwürdig. Ich fand aber den Lockdown gut. Er war radikal, aber notwendig und wir sehen eh, wie die Zahlen jetzt wieder steigen, wo alles lockerer wird.

Du kommst ursprünglich aus der Schauspielerei, wo man nie man selbst ist, sondern immer eine Rolle spielt. In der Musik wird es aber von einem verlangt, greifbar und authentisch zu sein. Echtheit zu vermitteln. Ist es leichter, sich zu verstellen oder einfach man selbst zu sein?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich selbst zu sein ist einfacher, aber es macht mich auch angreifbarer. In einem Theaterstück eine Rolle zu spielen habe ich immer gerne gemacht und auch gelernt. Es gibt Musikacts, die eine Rolle spielen, aber darauf hätte ich keine Lust. Wenn die Figur kritisiert wird, dann kannst du dich davon lösen - das geht im echten Leben nicht. Es wäre mir auch viel zu anstrengend, wenn ich jetzt in der Musik eine Rolle kreiert hätte, die ich dauernd spielen müsste. In jedem Interview, bei jeder Show - Wahnsinn. (lacht) Wenn man das gezielt ausprobieren will, dann sollte man ein Nebenprojekt machen, aber für meine Songs wäre das viel zu schade.

Dein musikalisches „Pseudonym“ Pippa ist ja nur minimal abgeleitet von deinem echten Namen Phillippa Galli. Ist das trotzdem noch ein letzter kleiner Zufluchtsort weg von dir selbst?
Gar nicht, denn ich war schon immer die Pippa. Mich haben immer schon alle so genannt, ich kenne das gar nicht anders. Ich habe kurz über Pippa Galli nachgedacht, aber wenn der seriöse Nachname wegfällt, habe ich noch weniger Schutz. Das bin ich und das passt.

Wie weit gehst du, wenn du so persönliche Lieder wie „Traurig“ schreibst? Und wo ziehst du im Endeffekt die Grenze?
Es ist eine Überwindung gewesen, den Song auf das Album zu geben. Beim Vorspielen im Freundeskreis habe ich das Feedback zu genau diesem Song ganz stark bekommen, dass sich die Leute darin selbst erkannt haben. Viele nehmen mich eher als fröhlich wahr und ich dachte, ich gebe damit schon viel zu viel von mir preis, aber dann habe ich gemerkt, dass es vielen anderen genauso geht. Vielleicht holt der Song den einen oder anderen ab. So ein Lied würde ich wahrscheinlich nicht bei jedem Konzert spielen. Zum Beispiel auf der großen Festivalbühne, wo die Leute feiern. Da ist schon die Angst da, dass ich verletzt werde, wenn der Platz falsch gewählt ist. Ich finde es immer gut, wenn man etwas Ehrliches von sich preisgibt und in seiner Kunst ganz wahrhaftig ist.

Solche Songs haben nicht umsonst etwas Therapeutisches und unterstützen zur Selbstreflektion.
Kunst hat immer etwas Therapeutisches und das ist total in Ordnung. Künstler machen viele Dinge in erster Linie für sich selbst, um Dinge zu verarbeiten. Umso schöner, wenn sich dann jemand darin findet, obwohl der Song eigentlich persönlich ist. Man muss nicht immer live spielen, wenn man nicht will. Viele Alben sind so persönlich, die entstehen nur, weil es einer gewissen Dringlichkeit des Künstlers bedurfte, waren aber nie für die Bühne gedacht. Das ist ganz okay. Auch die Beatles hatten irgendwann keine Lust mehr live zu spielen. (lacht)

Dir wurde ja vor vielen Jahren jede Form von musikalischer Zukunft abgestritten. War das nur eine einzige Person, die dir diesen Karriereweg madig gemacht hat?
Es war das Musikgymnasium. Woanders hätte es wohl funktioniert. Ich hatte damals im Chor gesungen und das hat immer gepasst. Aber das Niveau im Gymnasium war extrem hoch. Es war eine Klasse mit vielen Koreanerinnen, die am Tag sechs Stunden oder länger Geige geübt haben und als Zehnjährige am Instrument perfekt waren. Anstatt dass man mir sagte, es wäre okay so, hat man mir eingeredet, ich könne das nicht. Da entstanden Blockaden und ich komme immer mehr drauf, dass ich eigentlich total musikalisch bin. Ich bin handwerklich vielleicht nicht so gut, aber viele Dinge sind intuitiv stimmig. Das musste ich mir für mich zurückerobern, dieses Selbstvertrauen. Ich habe früher immer gesagt, dass ich etwas nicht kann, wenn ich Gitarre spielte. Heute denke ich mir, es ist egal. Ich kann halt nur ein paar Akkorde, aber es reicht, um Songs zu schreiben. Ich muss ja auch keine Virtuosin mehr werden.

Gab es einen zündenden Moment, der alles veränderte? Der dir das nötige Selbstvertrauen verschafft hat?
Es war mein Freund, mit dem ich „Idiotenparadies“ produziert habe. Der hat die Musik von der Pike auf gelernt. Er hat für Orchester geschrieben, spielt mit Streichquartett und bei Neuschnee. Er hat auch den Tonmeister gemacht. Dem habe ich oft was vorgespielt und mich dafür entschuldigt, aber er fand es immer stimmig. Er meinte, man braucht nichts Bestimmtes können, wenn man Popmusik macht. Es geht um den Ausdruck und er fand meine Lieder immer gut. Er hat mir wirklich Mut gemacht und das habe ich gebraucht. Ich weiß nicht, ob ich mich sonst jemals getraut hätte.

Wie blickst du heut auf die Zeit im Gymnasium zurück? Mit Groll? Traurig? Mit Schadenfreude und einer Art gewinnendem Lächeln?
Bei „Superland“ bin ich damals zu meinem ersten FM4-Interview gefahren und am Weg dahin habe ich mir beim Anker einen Kaffee geholt. Da saß mein Ex-Musikprofessor. Er war total freundlich, obwohl er damals wirklich der Böse war. Er erinnerte sich an mich und meinte, ich habe mich nicht verändert. Ich sagte ihm dann, mir ginge es gut und ich wäre am Weg zu FM4, weil ich mein Album rausbrachte. Ich war so freundlich wie möglich und er hat mir dann sogar gratuliert. (lacht)

Mit der melancholischen Grundstimmung wäre „Idiotenparadies“ aber auch ein sehr gutes Herbstalbum geworden.
Eigentlich ist es das auch und die Veröffentlichung Ende August passte irgendwie ohnehin besser als die geplante im Frühling. Der Inhalt passt auch erstaunlich gut in die Gegenwart, was mir anfangs gar nicht bewusst war. Das „Idiotenparadies“ 2020 - das ist ja perfekt. (lacht)

Deine musikalischen Einflüsse gehen von Kate Bush über Nirvana bis Bilderbuch - über alle Generationen und Stile hinweg. Hat es das umso schwerer gemacht, deinen eigenen Stil zu finden? Immerhin springst du auch gerne zwischen den Genres hin und her.
Ich will mich überhaupt nicht beschränken und sehe keinen Sinn dahinter, etwas auszuschließen. Ich bin mit Klassik aufgewachsen, aber dann kamen Nirvana, Element Of Crime und viele tolle Künstlerinnen. Mir gefällt vieles nicht, aber was mir gefällt, ist sehr unterschiedlich. Der rote Faden bin ich selbst und der rote Faden auf dem Album ist eine Soundwelt - dieses Elektronischere, das man auch auf den Balladen hört. Mir gefallen bunte Sachen.

So wie der Song „Tagada“, der textlich als auch vom Beat her wohl dein Deichkind-Moment ist.
Lustig, das wird öfters so gesehen. (lacht) Die werden immer klüger und ich hatte sie bei dem Song sicher im Hinterkopf.

Mit „Wien, du machst mich verrückt“ gibt es auch ein bittersüßes Liebeslied an die Heimat. Von denen gibt es in der heimischen Popgeschichte schon viele. Hast du dir im Vorfeld überlegt, wie du möglichst wenig an bereits Bestehendem anstreifst?
Überhaupt nicht. Ich habe ja gottseidank die Freiheit, dass mir niemand sagt, was ich künstlerisch zu tun habe. Deshalb habe ich da nie darüber nachgedacht. Es gibt auch nur eine Handvoll Melodien in den verschiedensten Variationen und nur eine Handvoll Geschichten, die immer adaptiert erzählt werden. Man darf sich auch inspirieren lassen, denn am Ende fließt sowieso alles zusammen. Es gibt sicher Millionen von Wien-Songs, aber das ist jetzt meiner. Der gehört nur mir.

Was sind für dich in Wien Sehnsuchts- und Hassort?
Favoriten zum Beispiel kenne ich gar nicht gut. Das ist ein Sehnsuchtsort im Sinne des Eroberns. Ich kenne mich dort nicht gut aus und will den Bezirk gerne kennenlernen. Ich mag ansonsten das, was andere nicht so gerne haben. Industrie und Baustellen. Ich mag auch Floridsdorf. Diese Weite, die vielen nicht gefällt. Auch die Innere Stadt ist hübsch, nur würde ich sie jemanden, der in Wien auf Besuch ist, nicht zeigen. Ich würde eher zum Matzleinsdorfer Platz gehen, das ist für mich viel mehr Wien. Hassort gibt es keinen. Ich finde Wien sehr vielseitig und das ist schön. Es gibt natürlich auch vieles, das mir hier nicht gefällt. Etwa dieses Obrigkeitshörige und das selbst so kleinhalten, das so typisch österreichisch ist. Man grenzt sich dadurch so komisch ab und das finden viele, die etwa aus Berlin kommen, sehr merkwürdig. Man darf schon selbstbewusster sein und sich mehr trauen. Es gibt so viele spannende Künstler in dieser Stadt, aber es bleibt alles immer so eng - das hätte die Stadt aber nicht nötig.

Wäre das für dich ein Grund, einmal aus der Stadt auszubrechen?
Ich habe noch keinen Fluchtimpuls. (lacht) Ich habe mir schon öfters gedacht, ob ich hier aus politischen Gründen bleiben kann, aber als Stadt ist Wien mein Wohlfühlort. Sie hat eine super Lebensqualität und ist wirklich schön. Vielleicht ist das Kleindenken woanders auch so, das weiß ich nicht. Berlin wäre mir wieder zu groß, weitläufig und cool. Da muss ich nicht leben. Ich mag es gerne gemütlich.

Release-Show in Wien
Wenn alles klappt, dann wird Pippa ihr neues Album „Idiotenparadies“ am 26. September live im Wiener Porgy & Bess präsentieren. Weitere Infos und Karten gibt es unter www.porgy.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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