Mutter verzweifelt

Kremser wollte Zigaretten holen - kam nie zurück

Heute, Sonntag, der 30. August, ist der „Internationale Tag der Verschwundenen“. In Österreich gelten etwa 600 Menschen als Langzeit-abgängig. In der „Krone“ spricht nun die Mutter eines jungen Niederösterreichers, von dem seit 2017 jede Spur fehlt. Sein Verschwinden - ein Kriminalrätsel.

Christa H. sitzt auf einem Hocker in ihrer kleinen Wohnung in Krems. Vor ihr, auf einem Glastisch, liegen Alben, voll gepickt mit Familienbildern; von ihr, ihrem Mann, ihrer Tochter, ihrem Sohn. „Schauen Sie“, sagt die 47-Jährige immer wieder und zeigt auf Fotos von früher, als wollte sie damit beweisen, dass sie ihren Kindern eine gute Mutter war, „mein Bub hatte es nie schlecht bei mir.“

„Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist“
Ihr Bub: Er heißt Christian. „Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist, ob er noch lebt oder tot ist“, schluchzt die 47-Jährige. Von dem jungen Mann, Fliesenleger von Beruf – er wäre jetzt 23 Jahre alt – fehlt jede Spur. Seit dem Abend des 5. Dezember 2017.

Was geschah in den Stunden davor? „Mein Sohn hatte damals frei, wir verbrachten den ganzen Tag daheim.“ Gab es irgendwelche Auffälligkeiten? „Er telefonierte oft mit seinem besten Freund, ich hörte bei den Gesprächen nicht mit.“ Und sonst? „Christian und ich redeten über Dinge, über die wir schon Hunderte Male davor geredet hatten.“

„Er hatte doch noch so viele Pläne“
Die da waren? „Mein Bub konsumierte manchmal Haschisch, ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass er das lassen solle. Er erzählte von seinem Vorhaben, sich selbstständig zu machen und bald in eine eigene Garconnière zu ziehen; wir plauderten darüber, wie er sie einrichten würde.“ Und am späten Nachmittag aßen die beiden zusammen: „Es gab nichts Besonderes; Wurst, Käse, Brot, aufgeschnittene Tomaten. Danach sahen wir fern und rauchten dabei.“

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Es vergingen zehn Minuten, eine halbe Stunde – und mein Bub war noch immer nicht zurück.

Christa H.

Und dann? „Die Zigaretten sind uns bald ausgegangen, es war etwa 21 Uhr, als mein Sohn meinte, er ginge noch schnell zu einem Automaten ums Eck, um ,Nachschub‘ zu holen.“ Mit etwa 140 Euro in seiner Brieftasche, ohne einen Ausweis bei sich zu tragen, verließ er – bekleidet mit einem blauen Jogging-Anzug, schwarzer Jacke und Sneakers – die Wohnung in der Wilhelm-Ganser-Gasse. „Es vergingen zehn Minuten, eine halbe Stunde – und mein Bub war noch immer nicht zurück.“

„Ja, Christian hatte Probleme“
Christa H. rief ihn schließlich – „schon in Panik“– am Handy an, es lief bloß die Mobilbox, „später fand ich sein Mobiltelefon bei uns zu Hause, ausgeschaltet, in einer Lade.“ Am nächsten Morgen eine Anzeige bei der Polizei: „Ihr Sohn ist volljährig, er kann schon einmal eine Nacht woanders verbringen, hieß es. Doch mir war damals bereits klar: Etwas Schreckliches musste passiert sein.“

Was, Frau H., sind Ihre Vermutungen? „Vielleicht war Christian mehr in der Suchtgift-Szene verankert, als ich ahnte. Wie ich erst Monate nach seinem Verschwinden erfuhr, hatte er sich kurz davor 600 Euro von seinem besten Freund geliehen, deshalb vermutlich auch die vielen Telefonate mit ihm am 5. Dezember 2017.“ Wie konnte Ihr Sohn in einen Drogensumpf geraten, welche Probleme gingen all dem voraus? „Er hatte den Tod seines Vaters – er starb 2008 an Herzversagen – schwer verkraftet. Auch mir ging es in der Folge psychisch schlecht. Wahrscheinlich hätte er eine stärkere Stütze gebraucht.“

Halten Sie es für möglich, dass Ihr Sohn Suizid begangen haben könnte?  „Nein. Er schien mir überhaupt nicht depressiv. Im Gegenteil, er war frisch verliebt – und deshalb glücklich.“

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Trotz umfangreichster Ermittlungen haben wir bisher keinen Hinweis gefunden, was mit den Burschen geschehen sein könnte; ob er sich freiwillig abgesetzt, Selbstmord begangen hat – oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Raimund Schwaigerlehner vom LKA NÖ

„Ich warte auf ihn, jeden Tag“
Fürchterlich für die Frau, wenn in der Donau Wasserleichen gefunden werden, „und mich Fahnder anrufen und mir mitteilen, es könne sich vielleicht um mein Kind handeln. Dann bleibt jedes Mal fast mein Herz stehen.“ Für die Polizei ist der „Vermisstenfall Christian H.“ ein Kriminalrätsel. „Trotz umfangreichster Ermittlungen“, so Raimund Schwaigerlehner vom LKA Niederösterreich, „haben wir bisher keinen Hinweis gefunden, was mit den Burschen geschehen sein könnte; ob er sich freiwillig abgesetzt, Selbstmord begangen hat – oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.“

Die Hoffnung seiner verzweifelten Mutter? „Ich bin sehr gläubig, Gott hat mir schon oft in schlimmen Situationen geholfen. Darum bete ich jeden Tag inständigst zu ihm - dass mein Christian irgendwann vor meiner Türe steht, lächelt und sagt: ,Mama, das Holen der Zigaretten hat halt ein bisschen länger gedauert. Aber nun gehe ich nie wieder von dir weg.‘“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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