29.08.2020 07:00 |

Martin Grubinger

Ein Paukenschlag vor dem Ende der Festspiele

Martin Grubinger spielte mit dem „Percussive Planet Ensemble“ im Großen Festspielhaus Werke von Wolfgang Rihm, Iannis Xenakis und Steve Reich. Ein Klangrausch. Ein durchschlagender Erfolg. Das Trommelfeuerwerk ging über in Klatschen und Getrampel der Zuschauer. Schließlich: minutenlang stehende Ovationen.

Vor dem Konzert verteilen die Festspielmitarbeiter Ohrstöpsel. Bevor Grubinger den Startschlag gibt, warnt er: „Es wird laut. Ich empfehle trotzdem, auf Ohropax zu verzichten und sich die volle Dröhnung zu geben!“ Was folgt, ist ein Klanggewitter ohne Beispiel. Wolfgang Rihms „Tutuguri VI“ eröffnet die Vorstellung. Das Stück basiert auf den Erfahrungen, die Kultur-Grenzgänger und Theatertheoretiker Antonin Artaud beim Peyotl-Kult in Mexiko machte. Grubinger und sein Ensemble mischen archaisches Trommeln mit Kriegsschreien. Sie streicheln die Felle ihrer Instrumente, malträtieren sie mit kraftvollen Schlägen, lassen Hämmer niedersausen auf Holz. Es scheint, als führten sie ein Ritual durch, als beschwörten sie die Muskelkraft der Kultur. Die ringt dem Corona-Virus mit diesen Festspielen und diesem Auftritt einen Punktsieg in der ersten Runde ab.

Es ist eine Freude, den Perkussionisten zuzusehen. Dreh-, Angel- und Orientierungspunkt: immer Grubinger. Mit kleinen Gesten und feiner Mimik leitet er die Musiker. Seine Stirn liegt in Falten, Adern treten an seinem Hals hervor. Immer wieder: ein Lächeln. Pure Spielfreude. Pure Energie.

Dann: Iannis Xenakis’ „Pléïades“ für sechs Schlagzeuger. Der Komponist erfand ein eigenes Instrument für das Werk. Es ähnelt einem Xylophon, ist bedeckt mit Metallplatten. Ihre Klänge entführen in Traumwelten, mal mit asiatischem Einschlag, mal fast weihnachtlich. Dann bricht ein Wirbelsturm der Töne los und saust durch die Gehörgänge der Besucher. In seiner Komplexität: absurd. Grubinger in seiner Beherrschung: virtuos.

Jubelstürme bei den Festspielgästen
Es folgt Steve Reichs „Drumming“. Das Ensemble schart sich um vier Paar Bongotrommeln. Das Werk dauert sonst eine Stunde. In Coronazeiten: Schnelldurchlauf. Und was für einer! Grubinger schwingt die Schläger wie ein Revolverheld seinen Colt. Geladen hat er ein Tonfeuerwerk. Die Klöppel sausen nieder, die Klänge prasseln auf die Festspielgäste herein. Immer wieder kreuzen sich die Paarungen an den Bongos, wechseln durch. Keine Verschnaufpause. Ein musikalischer Kraftakt. In Grubingers Konzert verdichtet sich, wofür die heurigen Festspiele stehen. Wenig Beiwerk, Reduktion auf das Wesentliche: die große Kunst. Die Zuschauer danken es mit minutenlangem Applaus. Stehende Ovationen bis in die oberen Ränge – Zugabe.

Manch einem Zuschauer sausen beim Verlassen des Festspielhauses wohl die Ohren. Das vergeht. Die Erinnerung an dieses Spektakel nicht. Ein Bub in weißem Hemd und Shorts: „Das war doch einfach bombastisch!“ Recht hat er.

Von
Christoph Laible
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