19.04.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Warum ich dank Corona jetzt Schafe schere

2020 sollte mein Jahr und der Traum von der Weltreise zur Realität werden. Ich hatte meine Wohnung gekündigt, den geliebten Job in der Redaktion der „Krone Tierecke“ auf stundenweises und ortsungebundenes Freelancing umgestellt, eine große Abschiedsparty gefeiert. Anfang Jänner ging es los, Mitte März musste ich dann einsehen: Es geht nicht mehr weiter.

Am 6. Jänner brach ich zu meinem großen, geplant einjährigen Abenteuer auf. Nach einem wunderschönen Monat in Malaysia verbrachte ich vier großartige Wochen in Indonesien, bevor es mich nach Perth in Australien zog. Wie geplant bestieg ich Vulkane, badete unter Wasserfällen, kostete mich durch fremde Küchen und freute mich an den warmen Temperaturen. Ich liebte jede Minute.

März und April wollte ich in Australien verbringen, bevor es im Mai nach Neuseeland und anschließend nach Südamerika gehen sollte. Bereits zu Jahresbeginn hörte ich immer wieder von Covid-19, vereinzelt wurde ich sogar von Freunden gefragt, ob ich „eh nicht nach China“ fliegen würde. Im Februar wurde ich krank - auf der Insel Java bekam ich Fieber und ließ mich in einem internationalen Krankenhaus auf Malaria und Dengue testen. „Kommen Sie wieder, falls Sie husten, wegen Corona“, so die Ärztin zu mir.

Nach ein paar Tagen in Perth startete ich Anfang März schließlich einen dreiwöchigen Campingtrip mit Ziel Adelaide. In der australischen Wildnis gab es zahlreiche Kängurus, Emus und Gruselspinnen, aber kaum Handyempfang. Ich war also herrlich ahnungslos darüber, dass das Leben in Europa gerade eine dramatische Wendung für alle nahm. In den kurzen Zeitfenstern, in denen ein Funkmast in der Nähe war, begann mein Telefon plötzlich vor lauter Nachrichten von Freunden und Familie zu explodieren. Irgendwas stimmte hier nicht.

Ich konnte kaum glauben, was ich da zu lesen und zu hören bekam. Die Vorsichtsmaßnahmen der Regierung erschienen mir in einer ersten Reaktion vollkommen übertrieben. Ich hatte ja nicht mitbekommen, wie heikel die Lage tatsächlich war - und immer noch ist. Länder schlossen nacheinander ihre Grenzen, Flughäfen machten dicht, und mir dämmerte schließlich, dass ich die Weiterreise erst einmal vergessen kann.

Es folgte eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens: kapitulieren und zurück nach Österreich fliegen oder es riskieren und bleiben? Der Druck von daheim war immens. Buchstäblich alle hatten eine Meinung und mussten mir diese auch unbedingt mitteilen. „Wenn du jetzt nicht fliegst, kannst du nicht mehr nach Hause!“, „Die Regierung ist kein Reisebüro!“, „An deiner Stelle würde ich ...“. Ich fühlte mich vollkommen überfordert.

Mein Bauchgefühl sprach von Anfang an sehr deutlich zu mir: Bleib! Doch das sollte ja auch mit guten Argumenten untermauert werden. Zu Hause erwartet mich nichts außer die Couch meiner (zugegeben sehr coolen) Eltern. Ich darf nicht mal arbeiten gehen oder meine Freunde umarmen. Und am Weg nach Wien ist die Gefahr einer Ansteckung und Einschleppung der Krankheit in meine Familie durchaus gegeben. In Australien allerdings gibt es Gegenden, die quasi unbewohnt sind. Das Gesundheitssystem ist in Ordnung und ich bin hier auch noch krankenversichert. Die Wahl fiel also auf „Bleiben!“ - aber wo?

Auch in Australien ging es rasend schnell: Grenzen dicht, nur absolut nowendiges Reisen innerhalb des Landes bleibt gestattet. Man kann zum Teil nicht mal mehr den Bundesstaat wechseln. Ich war also in Südaustralien „gefangen“ - auf unbestimmte Zeit. Als auf Tierschutz spezialisierte Redakteurin kam mir schnell die Idee, gegen Kost und Logis auf einer der zahlreichen Farmen anzuheuern. Und tatsächlich hatte ich Glück und fand einen Platz bei einem kleinen Dorf namens Kingston South East, direkt am Meer. Ich liebe Kühe und Schafe - was kann schon schiefgehen?

Die Realität holte mich gleich nach meiner Ankunft ein und ich lache heute noch über meine romantisch-verklärte Vorstellung von der Arbeit auf einer Farm. Die ersten drei Tage lang verpasste ich Hunderten Schafen mit der Schermaschine Intimrasuren - ja, Sie lesen richtig. Ich war grün und blau, meine Arme so kraftlos, dass ich mir abends nicht einmal mehr die Haare waschen konnte. Als einzige Frau fand ich mich plötzlich inmitten betrunkener Jagdausflüge, drei Fleischmahlzeiten täglich und sexistischer Witze wieder.

Mittlerweile sind zweieinhalb Wochen vergangen und ich fühle mich pudelwohl. Ich wachse täglich über mich hinaus, habe bei der Geburt eines Kalbes geholfen und bin Traktor und Gabelstapler gefahren. Ich habe dieses Jahr die Herausforderung gesucht und sie definitiv gefunden. Ich darf Sonne und frische Luft genießen, so viel ich will. Doch das alles wird natürlich trotzdem bald ein Ende haben, denn mein Visum läuft Ende Mai aus. Und ich glaube nicht, dass internationales Reisen in diesem Jahr noch möglich sein wird - verantwortungsbewusst und mit Freude. Der Rest des großen Abenteuers muss also warten, aber bis dahin schere ich noch ein paar Schafe.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause (oder wie in Denises Fall am anderen Ende der Welt) und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Denise Zöhrer
Denise Zöhrer
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