20.07.2020 16:00 |

Interview

Mehr Arbeitsbiene als Toreknipser

Bis in die Regionalliga schaffte es Marco Tittler während seiner Fußballkarriere. Mit Ende des vergangenen Jahres hat er ein völlig neues Spielfeld betreten und verantwortet als Mitglied der Landesregierung die Agenden Wirtschaft, Arbeitsmarktpolitik, Straßenbau, Wohnbau und Raumplanung.

Wie würden Sie die ersten Minuten auf Ihrem neuen Spielfeld beschreiben?

In der ersten Zeit ging es vor allem ums Einarbeiten. Wer ein Regierungsamt übernimmt, merkt schnell, wie viel noch dahintersteckt: die Verwaltung, der gesamte politische Prozess, ganz andere Arbeitsabläufe mit jeder Menge durchgetakteter Termine. Insgesamt macht mir die Arbeit Spaß.

Wie hat der Wechsel in die Politik Ihr Leben verändert?

Meine Oma hat immer gesagt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Ich bin zwar Landesrat, trotzdem betrachte ich die Anfangsphase auch ein bisschen als Lehrjahr. Die Aufgaben erfordern viel Verantwortung und sind so vielfältig, dass ich von Montag bis Sonntag arbeiten könnte. Dies führt natürlich dazu, dass weniger Zeit fürs Privatleben bleibt.

Auf welcher Position sehen Sie sich im neuen Amt? Als Mittelfeldstratege oder eher als Verteidiger?

Vom Naturell bin ich eher der Arbeiter. Als Kind war ich Mittelstürmer, dann Mittelfeldspieler, später Verteidiger. Diese Arbeit fürs Team hat mir mehr Spaß gemacht, als der Toreknipser zu sein. Und so sehe ich auch meine Aufgabe als Landesrat. Mit Markus Wallner gibt es einen Kapitän - und jedes Regierungsmitglied hat seine Bereiche.

Sie sind ein gutes halbes Jahr im Amt. Wie sieht Ihr Spielplan, Ihre Strategie aus?

Der Plan steht seit Ende 2019. Gemeinsam mit den Zuständigen der Abteilungen wurde auf Basis des Regierungsprogramms eine Agenda definiert. Diese ist sehr breit angelegt und umfasst Themen wie Bürokratieabbau, Maßnahmen gegen Fachkräftemangel, Digitalisierung, Forschung und Entwicklung, Straßeninfrastruktur oder auch Wirtschaft und Umwelt.

Wie lässt sich denn Wirtschaft und Umwelt vereinbaren? Gerade wenn es um Raumplanung geht, gibt es doch immer wieder Konflikte.

Natürlich sollen sich Betriebe am Standort entwickeln können - aber nicht um jeden Preis. Ich bin mir der Bedeutung der Raumplanung durchaus bewusst und meine, dass sich Natur, Umwelt und Wirtschaft gegenseitig ergänze können. Sicher, manchmal muss sich die Politik für eine Seite entscheiden. Und manchmal entscheiden eben auch die Gerichte.

Wie hat sich das relativ neue Raumplanungs- und Grundverkehrsgesetz entwickelt?

Die Gemeinden sind dabei, bis 2022 ihre regionalen Entwicklungskonzepte zu erstellen. Das Gesetz wird laufend evaluiert. Die eine oder andere bürokratische Hürde ist sicher noch dabei. Mit den befristeten Widmungen etwa wurde weitreichend in Eigentumssituationen eingegriffen. Um konkret über Auswirkungen solcher Maßnahmen zu sprechen, ist es aber noch etwas zu früh.

Stichwort Bauen: Wie sieht es mit dem ambitionierten Wohnbauprogramm aus?

Ziel ist es, 4000 gemeinnützige Wohneinheiten zwischen 2019 und 2024 zu errichten. 2019 wurde etwas weniger gebaut, 2020 dafür wieder mehr. Die vorgegebene Anzahl zu erreichen, ist schon eine große Herausforderung, denn es wird immer schwieriger, Grundstücke zu bekommen, zudem müssen die Verfahren in einer gewissen Zeit abgeschlossen werden. Aber das Ziel bleibt bestehen.

Jedes Team braucht gute Mitspieler - wie sieht es mit den Fachkräften in Vorarlberg aus?

Der Fachkräftemangel war eines der wesentlichen Themen vor Corona und das Problem wird auch wieder aktuell werden. Hinsichtlich der Rekrutierung gibt es ein paar neue Ansätze. In der Vergangenheit war der Fokus stark auf Universitätsabsolventen gerichtet. Ein Ziel der Landesregierung ist es, den chancenreichsten Lebensraum für Kinder zu bieten. Deshalb wäre es auch sinnvoller, Fachkräfte anzusprechen, die genau dieses Umfeld suchen.

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Ein Ziel der Landesregierung ist es, den chancenreichsten Lebensraum für Kinder zu bieten

Marco Tittler

Bei steigenden Arbeitslosenzahlen hatte Sie in den vergangenen Wochen andere Probleme.

Ja, vorrangiges Ziel war und ist es, möglichst viele Menschen zurück in den Arbeitsprozess zu bekommen. Es soll von der Kurzarbeit oder der Arbeitslosigkeit zurück in die Vollanstellung gehen. Eine große Sorge dabei ist, dass sich die Sockelarbeitslosigkeit durch Verwerfungen am Arbeitsmarkt erhöhen könnte.

Wie sehen Ihre Rezepte gegen die gestiegene Arbeitslosigkeit aus?

Aus- und Weiterbildungsprogramme sind eine Maßnahme. Die Krise hat uns glücklicherweise in einer Position der Stärke getroffen und ich glaube, dass im Moment Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, die es unter normalen Umständen nicht gewesen wären. Ihnen jetzt die Möglichkeit zu geben, sich weiterzubilden, eventuell eine Umschulung zu machen, halte ich daher für eine gute Lösung. Davon könnten alle Seiten profitieren.

Welche weiteren Angebote gibt es?

Gemeinsam mit der Wirtschafts- und Arbeiterkammer wird versucht, jungen Menschen noch heuer eine Lehrstelle zu vermitteln. Niemand will eine „Lost Generation“, sondern vielmehr gut ausgebildete Arbeitskräfte, die in ein paar Jahren nach erfolgreichem Lehrabschluss zur Verfügung stehen. Gleichzeitig gilt es, den Druck, den die Situation auf dem zweiten Arbeitsmarkt erzeugen könnte, abzufangen.

Hat sich das Kurzarbeit bewährt?

Aus meiner Sicht ist Kurzarbeit ein ganz wichtiges Instrument, um die jetzige Phase besser überstehen zu können - auch wenn diese den Staat und die Bürger sehr viel Geld kostet. Eine Verlängerung halte ich für sinnvoll, denn für Unternehmen muss es attraktiv bleiben, das Personal zu halten. Langfristig gilt es, wieder „normale“ Verhältnisse herzustellen.

Bei all den zusätzlichen Hilfen wird in einigen Bereichen der Rotstift angesetzt werden müssen. Wie sieht es im Hochbau aus?

Die geplanten Projekte wurden nicht verschoben. Mit der Fachhochschule Dornbirn und der Landesberufsschule Dornbirn laufen zwei größere, mehrjährige Projekte. Diese sind jetzt budgetrelevant, weil größere Baulose anstehen. Für kommendes Jahr gibt es ein ambitioniertes Bauprogramm. Innerhalb der Regierung wurde zudem vereinbart, dass wir uns vorbehalten, im Bereich Hoch- und Tiefbau konjunkturelle Impulse zu setzen, falls dies notwendig sein sollte.

Wie ist der Stand der Dinge bei der Tunnelspinne und der Bodenseeschnellstraße?

Was den Stadttunnel in Feldkirch betrifft, laufen die Vorbereitungsarbeiten. Als nächstes steht der Einbau der Weiche auf der Westbahnstrecke an. Dann folgen die Ausschreibungen für die Lärmschutzwand und die Probebohrungen für zwei Erkundungsstollen. In Sachen Bodenseeschnellstraße ist seitens der Asfinag die Trassenentscheidung für 2020 zugesagt. Nach dem Lockdown gab es Gespräche, in denen bekräftigt wurde, dass der Zeitplan hält.

Seitens der Landesregierung wurde angekündigt, in Hinblick auf Einsparungspotenziale über verschiedene Projekte zu schauen. Wo wird denn eingespart?

Wir haben nicht nur die Großprojekte näher angesehen. Wichtig bei den Überlegungen ist: Wenn sich ein Vorhaben über mehrere Jahre zieht, ist nicht der Zeitpunkt des Spatenstichs relevant, sondern die Verteilung der Bauprojekte. Größere Baulose, die mit entsprechenden Kosten verbunden sind, sollten nicht unbedingt alle zusammenfallen. Dementsprechend hat es kleinere Verschiebungen, aber keine Streichungen gegeben.

Wie ist es eigentlich, für einen etablierten Leistungsträger wie Karlheinz Rüdisser ins Team zu rücken?

Die Fußstapfen sind groß, die Erwartungen hoch - das habe ich gerade in „Vor-Corona-Zeiten“ gemerkt. Während Corona war das Thema der Fußstapfen keines mehr, denn wir sind alle in einer Situation, die noch nie dagewesen ist. Die Frage, wie der Vorgänger das Problem bewältigt hätte, ist also irrelevant. Grundsätzlich schätze ich Karlheinz Rüdisser sehr und weiß, was er mit seiner umsichtigen Art geleistet hat. Ab und zu tauschen wir uns über verschiedene Themen aus.

Wie haben Sie den Beginn der Coronazeit erlebt?

Die Phase war geprägt von ganz vielen Gesprächen. Dauertelefonieren war angesagt, der Akku des Smartphones musste jeden Tag zwei Mal aufgeladen werden. Ich habe viel mit Unternehmern gesprochen. Zum einen, um Fragen zu beantworten, zum anderen, um herauszufinden, wie es den Betrieben geht.

Einige haben sicher auch das Ausbleiben angekündigter finanzieller Hilfen beklagt, oder?

Das war vor allem im Bereich des Härtefallfonds so und dem Umstand geschuldet, dass beim ersten Modell gewisse Gruppen nicht berücksichtigt waren. In Abstimmung mit den anderen Wirtschaftslandesräten wurde interveniert. Es wurde nachgebessert und das hat natürlich dazu geführt, dass manche länger warten mussten. Auf der anderen Seite gab es Unternehmer, bei denen alles tadellos funktioniert hat. Auch was die Abwicklung der Kurzarbeit anbelangt.

Als Fußballer träumt man von Titeln und Pokalen. Welches Ziel wollen Sie erreichen?

Innerhalb der fünfjährigen Legislaturperiode gute und richtige Entscheidungen zu treffen und eine Wirtschaftspolitik zu machen, die Spuren hinterlässt. Schön wäre es, wenn wir in gut vier Jahren auf die heutige Zeit zurückblicken und sagen können, dass wir gut durch die Krise gekommen sind und vieles richtig gemacht haben.

Sonja Schlingensiepen

 Vorarlberg-Krone
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