23.06.2020 15:57 |

Kritik an Regierung

Statt Ethik für alle Schüler „nur für Aussätzige“?

Kritik hat es am Dienstag erneut zur geplanten Einführung von Ethikunterricht gehagelt. Die Tatsache, dass die Regierung dies als Ersatz-Pflichtfach für vom Religionsunterricht Abgemeldete oder Konfessionslose einführen will, führe laut der Initiative „Ethik für alle“ zu einem Unterricht ausschließlich für „Aussätzige“, wie es Sprecher Eytan Reif formulierte. Auch SPÖ und NEOS - beide Parteien unterstützen die Initiative - können damit nicht warm werden. SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid fordert einen Ethikunterricht für alle statt einem „Minderheitenprogramm“ und auch die NEOS wollen ein eigenständiges Fach für alle.

Ein derzeit in Begutachtung befindlicher Gesetzesentwurf sieht vor, dass ab 2021/22 verpflichtend ab der neunten Schulstufe (ausgenommen Berufsschulen) Ethikunterricht für jene Schüler stattfindet, die keinen Religionsunterricht besuchen. Das Ausmaß beträgt zwei Wochenstunden. Begonnen werden soll im ersten Jahr nur mit den neunten Schulstufen, im Jahr darauf folgen die neunten und zehnten usw.

Regierungsmodell ausschließlich im Schatten des Religionsunterrichts“
Der Initiative „Ethik für alle“ schwebt dagegen ein anderer Ethikunterricht vor - nämlich „ein gemeinsamer Ethikunterricht im intakten Klassenverband ab der Volksschule, der vom Austausch innerhalb der Klasse lebt und in dem Gegensätze nicht geglättet, sondern thematisiert werden“, wie es Sprecher Reif am Dienstag bei einer Pressekonferenz formulierte. Das Regierungsmodell sei jedoch Ethikunterricht „ausschließlich im Schatten des Religionsunterrichts“, so Reif. 

In ihrer Stellungnahme zum Entwurf ortet die Initiative auch verfassungsrechtliche Bedenken. So stehe etwa die gewählte Konstruktion des Ethikunterrichts im Konflikt mit dem im Staatsgrundgesetz verbrieften Verbot der Religionspflicht. Diesem Verbot habe der Gesetzgeber bisher dadurch Rechnung getragen, indem er die Abmeldung vom Religionsunterricht nicht nur zugelassen, sondern auch geregelt habe. Vor diesem Hintergrund könne es daher auch keinen Ethikunterricht als Religionspflichtersatz geben.

Auch Religionspädagoge will ethische Bildung für alle Schüler
Auch der Religionspädagoge Anton Bucher, der die derzeit laufenden Ethik-Schulversuche vor bereits rund 20 Jahren evaluiert hat, ist der Meinung, dass „alle Schüler eine ethische Bildung bekommen sollen, weil die entsprechenden Themen auch alle Schüler betreffen - etwa das Thema Gemeinschaft“. Nach den vorliegenden Plänen würde dieses aber behandelt, indem die Klassengemeinschaft auf eine Ethikgruppe und drei verschiedene Religionsgruppen aufgeteilt werde. Bucher verwies auch auf den Religionsunterricht, der sich mittlerweile stark verändert habe. Dieser sei vielfach eigentlich schon zur Religionskunde bzw. einer Art Ethikunterricht geworden und sollte daher auch legistisch dementsprechend angepasst werden.

Reif fand es am Dienstag übrigens auch „beschämend, dass keine Parlamentspartei auf die Idee gekommen ist, eine Volksbefragung zu verlangen“. Die Initiative sammelt derzeit Unterstützungserklärungen für ein Volksbegehren. Derzeit steht man bei 35.000, nächste Woche soll die Einleitung beantragt werden.

SPÖ-Hammerschmid: „Das hat nichts mit Religion zu tun“
Die SPÖ unterstützt die Initiative „Ethik für alle“. Wie SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid am Dienstag betonte, würden nach der Regierungsvorlage von Bildungsminister Faßmann zum Ethikunterricht nur zehn Prozent der Schüler - nämlich nur die, die keinen Religionsunterricht bekommen - Ethikunterricht bekommen. Die SPÖ fordert dies jedoch für alle Kinder ein. „Der Ethikunterricht soll Wertebewusstsein und Orientierung geben. Es soll um verschiedene Fragen des Zusammenlebens gehen; das hat nichts mit Religion zu tun“, so Hammerschmid.

Die SPÖ will den verpflichtenden Ethikunterricht zudem für alle Kinder ab zehn Jahren, also schon in den Unterstufen, und auch an den Berufsschulen. „Gerade die Corona-Krise hat gezeigt wie wichtig Zeit für tiefergehende Reflexion ist. Es kann mir niemand erklären, warum das nur für jene zehn Prozent der Schüler angeboten werden soll, die nicht in den Religionsunterricht gehen.“

NEOS sehen Türkis-Grün bei Ethik „den falschen Weg“ gehen
Mit voller Unterstützung reagierte auch NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre auf die Forderungen der Ethik-Initiative. „Türkis-Grün gehen den falschen Weg, wenn sie einen breiten Ethikunterricht nur für Schülerinnen und Schüler ermöglichen, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben oder ohne Bekenntnis sind“, so Künsberg Sarre. Lediglich für 10 Prozent der Schüler verpflichtend könne der Ethikunterricht „seine wichtigen Dialog- und Integrationsaufgaben nicht erfüllen“.

Wie die SPÖ fordern auch die NEOS, dass Ethik so früh wie möglich in der Schule eingeführt wird, wie es ja auch bei Religion der Fall ist, da die Beschäftigung mit den Grundfragen des Lebens und Zusammenlebens für jede Altersstufe relevant sei. „Türkis-Grün scheint kein Interesse an einer ernsthaften Beschäftigung oder gar Verankerung von Ethik zu haben. Das ist vor allem enttäuschend von den Grünen, das sie sich in der Regierung von dieser Forderung verabschiedet haben“, so die NEOS-Bildungssprecherin.

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