23.05.2020 06:00 |

Nichts verpassen!

KW 21 - die wichtigsten Neuerscheinungen der Woche

Musik als Lebenselixier - besonders für das Wochenende, wo man hoffentlich auch Zeit dafür hat. Wir haben für euch wieder die besten Alben und Veröffentlichungen der Woche zusammengesammelt. Quer durch alle Genres ist hier garantiert für jeden was dabei. Viel Spaß dabei!

The Airborne Toxic Event - Hollywood Park
Zeit seines Lebens begleiten The Airborne Toxic Event-Frontmann Mike Jollett Tragödien. Der eigentlich als Schriftsteller firmierende Kalifornier begann 2006 überhaupt erst mit dem Songwriting, weil er eine harte Trennung hinter sich hatte und bei seiner Mutter Krebs diagnostiziert wurde. Dass er mit seiner Band im Indie-Rock-Sektor vor allem in den USA zu respektabler Bekanntheit kommen würde, hätte er sich wohl selbst nicht gedacht. „Hollywood Park“ ist das erste Studioalbum seit fünf Jahren und eigentlich die Begleitmusik zu seinen gleichnamigen Memoiren, die ebenfalls dieser Tage erscheinen. Diese entstanden nach dem tragischen Tod seines geliebten Vaters, die Musik dazu komponierter er quasi im „Vorbeigehen“. Die Indie-Wurzeln sind stets hörbar, aber der Titeltrack, „Brother How Was The War“ oder „Everything I Love Is Broken“ orientieren sich stark am Heartland-Rock von „Boss“ Bruce Springsteen. Ein bisschen fehlt es dem Album an Mut, doch als allumarmendes Statement und Nostalgiegewitter funktioniert es wunderbar. 7,5/10 Kronen

Armagedda - Svindeldjup Ättestup
Für die Black-Metal-Fraktion da draußen ist das hier wohl die Nachricht des bisherigen Jahres. Armagedda, legendäre Schweden aus Norrland, haben in ihrer kurzen Phase zwischen 1999 und 2004 drei Alben, drei EPs und drei Splits veröffentlicht, die man durchaus zur reinen Lehre des Genres zählen kann. Einige Jahre, nachdem Schweden und vor allem Norwegen eigentlich schon ihr kreatives Pulver im trven Black Metal verschossen hatten, krachten Graav, A und diverse Session-Musiker wie ein Mörser durch das Genre und zerstampften mit ihrem zutiefst rohen, satanischen und auf ein Maximum an Reduktion versehenen Kompositionen alles, was ihn in die Quere kam. Trotz aller Beteuerungen, nie wieder zusammenzuarbeiten gab es nun aber doch eine Reunion, die ausschließlich Freude evoziert. „Svindeldjup Ättestup“ streckt den Mittelfinger in lichte Höhen und die Songs sind so roh und pur, als würden wir vor knapp 30 Jahren Darkthrones wegweisende „A Blaze In The Northern Sky“ entpacken. Ein Festmahl für Puristen - welcome back! 8,5/10 Kronen

Arstidir Lifsins - Saga á tveim tungum II: Eigi fjǫll né firðir
Der Black Metal an sich ist für viele allzu oft (und nicht immer ganz zu Unrecht) verrufen als Pfuhl von Verschwörungstheoretikern, Rechtsradikalen oder skrupellosen Teufelsanbetern. Viel zu oft wird aber übersehen, wie detailliert und liebevoll sich manche Bands weder in Skandalen, noch in Klischees suhlen, sondern einfach nur große Kunst erschaffen. Etwas das deutsch/isländische Projekt Arstidir Lifsins, das mit dem hier als „Saga II“ abgekürzten neuen Album bereits den zweiten Teil eines opulenten Konzepts über den norwegischen König Óláfr Haraldsson, den Begründer der christlichen Traditionen, abliefert. Mit ungemeiner Erhabenheit musiziert das Trio gut 75 Minuten durch endlose Weiten, tiefe Seen und unerschwingliche Berge. Kopfhörer und das völlige Freiräumen des Geistes wird hier übrigens dringend empfohlen, denn wenn man sich wirklich in die Blastbeat- und Chor-geschwängerte Welt Arstidir Lifsins einlassen will, dann darf man sich von absolut gar nichts ablenken lassen. Dann aber, dann offenbart sich eine harsche Klangperle. 8,5/10 Kronen

Badly Drawn Boy - Banana Skin Shoes
Kinder, wie die Zeit vergeht. 18 Jahre ist es her, wo „About A Boy“, die Nick-Hornby-Romanverfilmung mit Hugh Grant, die Fans in den Kinos verzauberte und Damon Gough alias Badly Drawn Boy mit dem dazugehörigen Soundtrack quasi über Nacht zum Star wurde. Einige Jahre lang zeigte sich der Singer/Songwriter mit dem Folk-Touch als beständiger Hit-Lieferant, dann war 2010 plötzlich Schluss mit neuer Musik. Dazwischen ist allerlei passiert. Eine harte Trennung, Alkoholprobleme und eine ausgewachsene Depression, dazu die Geburt seines Sohnes. Nicht passiert ist die geplante Albumtrilogie, dafür hat die Kraft in den turbulenten Jahren nicht gereicht. Mit dem etwas eigenwillig betitelten „Banana Skin Shoes“ kehrt er nun etwas überraschend ins Rampenlicht zurück. So leichtfüßig die Musik auch erklingt, so schwer sind die Themen, die sich fast samt und sonders um seine persönliche letzte Dekade drehen. Dazu eine Huldigung an Manchester-Musiklegende Tony Wilson („Tony Wilson Said“), ein paar Funk, Bedroom-Pop und Soul-Ausflüge. Irgendwie alles wie gehabt und dann doch wieder nicht. Weitermachen! 7/10 Kronen

Banfi - Colour Waits In The Dark
Aufmerksame Pop-Fans, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, haben Banfi vielleicht schon vor ein paar Jahren bei ihrem Österreich-Debüt im Wiener B72 gesehen. Die Band, die sich live vorstellt, ist im Studio eigentlich ein Soloprojekt von Joe Banfi aus Ostlondon, der sich von Gott und der Welt inspirieren lässt und möglichst grenzenlos an seine Vorstellung von moderner Popmusik herangeht. Für sein zweites Album „Colour Waits In The Dark“ lässt er den Hörer leider nur eine gute halbe Stunde daran teilhaben. Die Mischung ist aber tatsächlich mehr als eklektisch. Up-Tempo-Songs wie „So Bright“ und „Always Goodbye“ versprühen Mainstream-Pop-Feeling, „Easy Now“ oder „Somewhere Back There“ konzentrieren sich mehr auf seine Folk-Wurzeln. Nummern wie „In Your Arms“ beweisen auch, dass er sich nicht vor elektronischen Experimenten fürchtet. Die Klammer ist die - manchmal unnötig mit Autotune verzerrte - Stimme, die sich stets wie ein Mantel über die Kompositionen legt. Natürlich, fantasievoll, kurzweilig, aber auch sehr bunt. 6,5/10 Kronen

Barren Womb - Lizard Lounge
Manchmal fragt man sich schon, was sich gewisse Musiker geworfen haben, damit sie so klingen, wie sie klingen. Und natürlich ist das grundpositiv gemeint, denn der Kunst ist vor allem anheim, dass sie innovativ und aufrührerisch sein soll. Barren Womb ist ein norwegisch/finnisches Duo, das sich nicht so genau festlegen möchte, ob es Sludge, Punk oder Garage-Rock machen will und genau zwischen diesen drei Polen wie wild durch die Gegend ackert. Die Workaholic, die seit ihrer Gründung 2011 eine Vielanzahl an Releases an die Erdoberfläche brachten, wirken in Songs wie „Be Kind, Have Fun And Try Not To Die“ oder „Hairy Palms“ zeitweise sogar gereift und schaumgebremst, doch die meiste Zeit wütet man in bester DIY-Manier durch die Botanik, dass man sich unweigerlich an andere Power-Duos wie die bestialischen Slaves oder alte Royal Blood erinnert fühlt. Nur eben weniger britisch und deutlich abgedrehter, wie es im hohen Norden üblich ist. Ein bisschen klingen Barren Womb wie eine Mischung aus Faith No More, Kvelertak und den Melvins. 7/10 Kronen

Black Rainbows - Cosmic Ritual Supertrip
Wer diese „Alben der Woche“-Reihe in letzter Zeit vielleicht etwas aufmerksamer verfolgt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass es sich im Corona-gebeutelten Italien offenbar am besten kiffen lässt. Was dort an Stoner-, Sludge- und Psych-Rock-Bands aus dem Boden sprießt und neue Alben veröffentlicht, lässt sich schon gar nicht mehr abzählen. Die Black Rainbows gehören zu den bekannteren und altgedienten Vertretern der zähen Riff-Lehre und entführen uns in ihren ganz persönlichen, zwölf Songs starken „Cosmic Ritual Supertrip“. Kyuss sind und waren die größten Idole der Italiener, das hört man den einzelnen Songs deutlich an. So ist der US-Wüstenrock auch präsenter als die Sludge-Kante, für die es den Black Rainbows dann doch deutlich an Dreck und Kompromisslosigkeit fehlt. Fu Manchu, eben genannte Kyuss, Monster Magnet und natürlich die Ursuppe alles Rifflastigem - die altehrwürdigen Black Sabbath - strahlen aus Kompositionen wie „Sacred Graal“, „Master Rocket Power Blast“ und das - prophetische? - „Isolation“ heraus. Nicht neu, aber grundsolide. 7/10 Kronen

Blinker - Blitz EP
Blinker raus und ab geht die Post. Der aus Süddeutschland stammende, aber längst im hippen Musikmekka integrierter Blinker sorgte schon mit seinem Debütalbum „Blicke“ für Aufsehen. Die Vermischung aus Indie-Pop mit Punk-Attitüde und einer im Hintergrund immer herauszuhörenden Liebe zum US-Rap klang vielleicht nicht komplett neu, aber zumindest ziemlich innovativ. Musikalisch sozialisiert mit Jack White, den Ärzten und Tomte folgt nun mit „Blitz“ ein Corona-Häppchen, auf dem er fünf weitere Songhäppchen nachschickt. Der überzeugte Feminist und musikalische Querdenker hat sich besonders wieder viele Gedanken über die Texte gemacht, die meist mit sanften Indie-Melodien begleitet werden und dadurch angenehm unprätentiös klingen. Die Gesellschaftskritik in Songs wie „Wegen Drogen“ oder „Wie ich bin“ ist nur vermeintlich breit gestreut, verrät aber auch viel über den Künstler selbst. Da kann gerne mehr kommen. Ohne Bewertung

Tim Burgess - I Love The New Sky
Tim Burgess ist wirklich gut vernetzt. Als Frontmann der Charlatans schrieb er in den 90ern britische Indie-Geschichte, er hat seine Stimme den Chemical Brothers und Saint Etienne geliehen, in seiner langjährigen Zeit in L.A. mit Oscar-Preisträger Joaquin Phoenix ein Album eingespielt, spielt mit Mitgliedern der Libertines und der Klaxons in der Supergroup The Chavs und hat sich beim Songwriting Unterstützung von Lambchops Kurt Wagner oder Peter Gordon geholt. Sein fünftes Solowerk „I Love The New Sky“ ist aber eine kompositorische Zäsur, denn hier hat der bald 53-Jährige ausschließlich selbst Hand am Songwriting angelegt. Das Werk ist eine wunderbare Reise durch diverse Artpop-Gefilde, die nicht zuletzt öfter mal an Roxy Music und die 70er allgemein erinnern. Das beginnt schon mit dem wunderbaren „Empathy For The Devil“ (was für ein Titel!), das mit seinem rollenden Piano, Geigenklängen und Synthie-Flächen wie ein verlorenes Pop-Juwel aus der Paul McCartney-Ära in den 70ern klingt. Die Nähe zu den Charlatans hört man Songs wie „The Warhol Me“ oder „Timothy“ nur minimal an. Burgess scheißt auf Konventionen und Trends und klingt gerade deshalb angenehm warm und rund. Ein schlichtweg schönes Album. 8/10 Kronen

Caligula’s Horse - Rise Radiant
Weit entfernt am anderen Ende der Welt, genauer gesagt im schönen Australien, weiß man schon länger um die musikalische Qualität von Caligula’s Horse. Mit ihren beiden letzten Alben „Bloom“ und „In Contact“ hat es das Quintett aus Brisbane sogar in die hiesigen Charts geschafft. Und das mit futuristischem Prog Rock, der beileibe nichts mit Easy Listening zu tun hat. Wobei - durch das sanfte Stimm-Timbre von Frontmann Jim Grey erschließen sich die durchdachten und teils auch dissonanten Kompositionen selbst jenen, die normalerweise lieber geradlinig durchspült werden. Stampfer wie „The Tempest“ oder „Oceanrise“ sind nämlich komplex und leichtfüßig zugleich - ein Talent, das gerade in diesem Genre viel zu oft nicht vorhanden ist, weil sich die Künstler allzu sehr in der Angeberei ihres eigenen Könnens verzetteln. Mit dem balladesken „Autumn“ und dem zehnminütigen Closer „The Ascent“ verschaffen sich die Australier mit Innovationsreichtum und spannendem Songwriting endgültig Zugang in die Genre-Champions-League. Starkes Teil. 8/10 Kronen

Noah Cyrus - The End Of Everything EP
Es ist nicht leicht, wenn sich der familiäre Schatten in fast übermenschlicher Größe über einen ausbreitet. Davon kann die gerade einmal 20-jährige Noah Cyrus ein Lied singen. Nicht nur, dass Schwesterherz Miley zu den größten Popstars der Welt zählt, da wäre ja auch noch Papa Billy Ray, seines Zeichens US-amerikanische Country-Legende. Aber das hilft eh alles nichts, wenn man sich auch selbst in Szene setzen will, dann muss man da ohnehin durch. Mit „The End Of Everything“ veröffentlicht das Jungtalent ohnehin schon seine zweite EP und braucht sich nicht verstecken. Während Miley abwechselnd übersexuell oder ländlich-keusch um die Ecke kommt, geht Noah weniger unbekümmert, aber geradliniger ans Werk. Sie setzt in Songs wie „Ghost“ oder „Liar“ auf bekömmlichen R&B mit Pop-Anleihen, manchmal („I Got So High That I Saw Jesus“) darf auch der Einfluss des Papas durchscheinen. Wahrlich beeindruckend ist die textliche Ehrlichkeit mit sich selbst, die teilweise wirklich direkt und unverblümt ist. Tolles Werk, bitte mehr davon! Ohne Bewertung

Laith Al-Deen - Kein Tag umsonst
Mit der Platte „Kein Tag umsonst sei der deutsche Künstler Laith Al-Deen “im Leben angekommen„, war einem Pressetext zu entnehmen. Na hoffentlich, mit 48 kann sich das schon einmal ausgehen. In seiner Heimat ist der Karlsruher ohnehin ein beständiger Chartstürmer und landete mit zwei seiner doch schon unzähligen Alben sogar auf Platz eins der Hitparadenliste. Der Mann mit dem markanten Bart und der Schmachtstimme besinnt sich auf seinem neuen Werk auf die Dinge, die uns in der Corona-bedingten Entschleunigung selbst übers Leben sinnieren ließen: die wahren Werte des Lebens zu schätzen, der Liebe zu sich und den anderen den nötigen Platz einzuräumen und notfalls einen Schritt zurückzugehen, um eben zwei nach vorne zu machen. Musikalisch ist das typisch deutscher Sicherheitspop á la Adel Tawil, Max Giesinger oder Andreas Bourani. Schön massentauglich, nirgendwo aneckend und gemächlich nach Schema F komponiert. Wer’s braucht… 4,5/10 Kronen

Dennis DeYoung - 26 East: Volume 1
Diese Stimme, unverkennbar und durchdringend. Man erinnere sich zurück an legendäre Songs wie “Babe„, “Mr. Roboto„ und das gottgleiche “Come Sail Away„, mit der Dennis DeYoung vor gut 40 Jahren US-Rockgeschichte schrieb. Er war Hauptsongwriter und Sänger der glorreichen Rockband Styx, deren Popularität in Europa niemals so hoch war wie in der amerikanischen Heimat. Die Band gibt es längst nicht mehr, doch der Musik hat der heute 73-Jährige niemals den Rücken zugekehrt. “26 East„ ist ein mehr als würdiges Alterswerk einer echten Legende, benannt übrigens nach der Kreuzung, wo die Band Styx in Chicago in einer Wohnung gegründet wurde. Natürlich verfällt DeYoung in den Songs der Nostalgie und Kompositionen wie “East Of Midnight„ oder “A Kingdom Ablaze„ könnten direkt aus dem Jahr 1977 stammen. Dass er sich vor seinen großen Helden, den Beatles, verneigt, hört man aber nicht wirklich. Nur ein Duett mit Julian Lennon zeugt von der Ehrerbietung. Wie der Titel schon andeutet kommt auch noch ein zweites Album, dann will DeYoung in die Pension abrauschen. Verdient und mit einem würdigen Alterswerk. 7,5/10 Kronen

Steve Earle & The Dukes - Ghosts Of West Virginia
Steve Earle ist nichts anderes als eine US-Country- und Folk-Legende. Seine Songs wurden von Größen wie Johnny Cash, Emmylou Harris oder Bob Seger interpretiert, er überlebte eine langjährige Drogen- und Alkoholhölle, tritt auch gerne vor die Kameras und hat das Country-Genre der letzten dreieinhalb Dekaden geprägt wie kaum ein anderer. “Ghosts Of West Virigina„ ist aufgrund der Authentizität ganz in Mono aufgenommen und befasst sich in den zehn Songkapiteln mit einer folgenschweren Bergbaukatastrophe in West Virigina 2010, bei der 29 Männer ihr Leben ließen. Im Schlüsselsong “It’s About Blood„ zählt er sämtliche Opfer namentlich auf, drumherum erforscht er in flotten Country-Songs die Rolle der Kohle in ländlichen Gemeinden und erweist sich als Zuhörer. Auch wenn er sich selbst für grüne und nachhaltige Energie einsetzt, erweist er seinen Opponenten stets Respekt erforscht die Strukturen ihres Wesens. Ein Album voller Matsch, Schmutz und Dreck. Wichtig in jederlei Hinsicht. 8/10 Kronen

FM - Synchronized
Unkaputtbar ist das richtige Wort für Bands wie FM. Die Briten, die schon in den 80er-Jahren nur Zaungäste der Großen waren (Support-Auftritte für Bands wie Bon Jovi, Whitesnake oder Status Quo), haben sich nach langer Schaffenspause 2007 reformiert und knallen seitdem unaufhörlich neue Studioalben aus dem Effeff. Wozu, mag sich der eine oder andere fragen. Nun ja, AOR- und Melodic-Rock-Fans sterben natürlich nicht aus, aber wie penetrant FM an jedwede Art von Gegenwart vorbeimusizieren, ist schon beeindruckend. Von großen Hits ist man immer noch meilenweit entfernt, aber auch davon, die Fans mit schaler Kost zu langweilen. Die unglaubliche Durchschnittlichkeit ist gleichzeitig Stärke und Schwäche. Man weiß schlichtweg nicht, wo man Steve Overlands heulendes Organ einordnen soll, während im Hintergrund die Synthie-Teppiche an 1985 erinnern. “Synchronized„ tut nicht weh, begeistert oder enttäuscht aber auch nicht. Mittelmaß at it’s best. 5/10 Kronen

Future - High Off Life
Future ist der King des Autotune und war wegbereitend dafür, die gepitchte Stimme im Rap salonfähig zu machen. Wo sich andere Künstler darauf eine ganze Karriere aufgebaut haben, setzt Nayvadius Wilburn diesen Effekt hauptsächlich zur Verstärkung seiner Kunst ein. “High Off Life„ ist das achte Studioalbum in ebensovielen Jahren und im Gegensatz zu den letzten Outputs wieder voller Gäste. Mit Travis Scott (“Solitaires„) und vor allem dem Track mit Drake (“Life Is Good„) hat er auch zwei richtige Volltreffer auf dem mit mehr als 70 Minuten etwas zu üppig ausgefallenen Werk. “Life Is Good„ wäre auch der geplante Albumtitel gewesen, den hat Future aufgrund der Corona-Krise dann aber doch lieber im letzten Moment abgeändert. Der US-Chartregent zeigt sich in den Texten zeitgemäß und aktuell, auch die musikalische, meist eher düstere Umsetzung bedient mühelos höchste Genre-Standards. Die angekündigte Neuausrichtung ist stilistisch nicht zu erkennen, aber als aktuelles Rap-Album ist “High Off Life„ sehr gelungen. 7,5/10 Kronen

Gomorra - Divine Judgement
Auch das Schweizer Krachkollektiv Gomorra hat sich vom Covidl in die Knie zwingen lassen und die Veröffentlichung des eigentlich längst fertigen Albums um einige Wochen verschoben. Dabei muss man sich die Truppe ein bisschen genauer anschauen, denn so neu wie sie sich gerne präsentieren, sind sie bei Weitem nicht. Unter dem Namen Gonoreas musiziert man schon geschlagene 26 Jahre in abwechselnder Besetzung, nur hat man sich vom Hard Rock und klassischen Power Metal Richtung verstärkter Thrash-Kante wegbewegt. “Divine Judgement„ erinnert aber mit seiner progressiven Herangehensweise mehr an eine Band wie Nevermore als an klassisches Thrash-Outfit der Marke Exodus. Zwingende Kompositionen sind aber die Minderheit, wirklich durchdringende Songs wie “Hope For The Righteous„ finden im Endeffekt viel zu selten stark. Dass man das eigene Produkt außerdem so penetrant mit dem Big Name Destruction bewirbt (Gitarrist Damir Eskic klampft dort seit dem Vorjahr), ist auch ein bisschen ein Armutszeugnis. 5,5/10 Kronen

Her Chariot Awaits - Her Chariot Awaits
Das italienische Spartenlabel Frontiers Records ist seit vielen Jahren bekannt dafür, vor keiner Art des Kitsches zurückzuschrecken. Außerdem vernetzen sie gerne ihre eigenen Künstler, was im besten Fall zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit führt. So geschehen im Fall von Her Chariot Awaits, das im Kern aus der einstigen Sirena-Sirene Ailyn und Adrenaline Mob-Gitarrist Mike Orlando besteht. Das Ergebnis aus dieser beruflichen Liaison kann man sich ohnehin denken - die durchdachten, teilweise harten Gitarrenriffs Orlandos treffen auf die meist sanftmütige und nur selten über die Stränge schlagende Stimme Ailyns. An Hits mangelt es aber allerorts, oft scheinen sich die progressiven musikalischen Arrangements mit der Stimme Ailyns regelrecht zu konterkarieren, anstatt sich im Paarlauf zu einer wirklich gelungenen Mischung zu vermengen. Die glatte Produktion Orlandos kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man es hier mit x-fach Gehörtem zu tun hat, das zudem mehr wie eine erzwungene Zusammenarbeit, denn ein freiwilliges Stelldichein wirkt. Muss nicht sein. 3,5/10 Kronen

Indigo Girls - Look Long
Fünf Jahre sind eine ganz schöne lange Zeit für ein neues Album, aber die Indigo Girls lassen sich ohnehin gerne etwas mehr Zeit, um ihre Musik in die Öffentlichkeit zu bringen. “Look Long„ war für das Atlanta-Duo dabei eine Art Rückbesinnung. Aufgenommen hat man nämlich in Peter Gabriels Real World Studios, wo schon das allseits gelobte 1999er-Werk “Come On Now Social„ eingespielt wurde. Auf weltbekannte Gaststars wie Garth Brooks oder Sheryl Crow haben Amy Ray und Emily Saliers dieses Mal zwar verzichtet, wenn es um Americana-angehauchte, mit Pop-versetzte Folk-Stücke aus dem Herzen der USA geht, haben die beiden aber auch mehr als 30 Jahre nach ihrem Debüt nichts von ihrer Exzellenz verloren. Neben typischen Themen wie Liebe und Zwischenmenschlichkeit machen sich die Indigo Girls aber auch ihre Gedanken um die Waffenkultur und Homosexuellenrechte in ihrer Heimat. Durch die Folk-Country-Ausrichtung trifft man das konservative Amerika auch direkt ins Mark. Bonuspunkt für den inhaltlichen Mut! 7,5/10 Kronen

Carly Rae Jepsen - Dedicated Side-B
Schon ein kluger Move, quasi zum Jahrestag des Studioalbums „Dedicated“ einen zweiten Teil nachzuschieben. Wir erinnern uns: die kanadische Pop-Prinzessin Carly Rae Jepsen veröffentlichte damit eines der besseren, weil abwechslungsreichen und wundervoll arrangierten Pop-Alben 2019 und gab in diversen Interviews bekannt, dass sie insgesamt an die 200 Songs geschrieben hätte. Da kann man schon mal locker nachlegen, immer zwölf weitere Stücke übermittelt sie uns unangekündigt und schwer spontan auf „Dedicated Side-B“. Was auffällt - hier wird der Terminus Disco wirklich großgeschrieben. Jespens Ziel ist es auch, die Leute zum Tanzen zu bringen, wie sie auf Twitter mitteilte. Das gelingt mit Krachern wie „This Love Isn’t Crazy“, „Stay Away“ oder das immens knackige „Summer Love“ mühelos. Jack Antonoff und Co. produzieren im derzeit so gehypten 80s-Pop-Style und setzt - wie die perfektionistische Künstlerin - darauf, dass die Songs wirklich durchdringen und direkt in Bauch und Herz schießen. Dass Jespen bei den Female-Pop-Stars derzeit eher nicht in Liga eins spielt, liegt nur an der unglaublich harten Konkurrenz. Viele andere würden für ein solches Album voller „B-Material“ töten. 8/10 Kronen

Angelo Kelly & Family - Coming Home
Fans der Kelly Family mussten unlängst besonders stark sein, denn gerade Angelo Kelly, ursprünglich Nesthäkchen, aber seit längerem auch schon treibende Kraft hinter den Familienprojekten, hat seinen endgültigen Ausstieg angekündigt. Es wäre zu viel Arbeit und Stress gewesen, was man ihm angesichts seines Arbeitspensums nicht verübeln kann. Denn Angelo hat längst seine eigene Familie und veröffentlicht mit der seit 2014 fleißig Alben und tourt damit durch die Lande. “Coming Home„ nennt sich das erneut stark irisch inspirierte Werk, das schon im Titel keine Fragen offenlässt. Neben der erfolgreichen Single “Stay With Me„ befindet sich auch der Song “Don’t Know„ aus der Feder seines 18-jährigen Sohns Gabriel, der die Staffelübergabe schon relativ souverän absolviert. Mit seinem ältesten Sohn produzierte Angelo übrigens auch den Podcast “Father & Son„. Ansonsten alles wie gehabt - mag man oder mag man nicht. 6/10 Kronen

Die Kreatur - Panoptikum
Warum nicht zusammenführen, was zusammengehört? Das haben sich wohl auch Dero Goi und Chris Harms gedacht. Der eine ist als Leadsänger von Oomph! neben Rammstein der sicherlich wichtigste Vertreter der moderneren Neuen Deutschen Härte, der andere hat sich mit Lord Of The Lost in den letzten Jahren ein ungemein großes Publikum erspielt. Die zwei Frontmänner mit dem Hang zum Knackig-Theatralischen haben nun also die Kreatur erschaffen. Ein gemeinsames Projekt, bei dem beide ihre Stärken bündeln, sie mit Synthesizer-Teppichen und einer ungemein wuchtigen Produktion ausstaffieren und dabei tatsächlich gut darüber hinwegtäuschen können, dass hier wenig bis gar nichts spannend oder neu klingt. Gut, das wird auch nicht der große Vorsatz gewesen sein, aber ein schlaffes Krupps-Nachgespieltes wie “MenschMaschine„ oder platte Reime und vorhersehbare 08/15-Texte nehmen der Vorfreude ordentlich Wind aus den Segeln. Die Songs sind nett und klingen fett, haben aber wenig Nachhaltigkeitspotenzial. 6/10 Kronen

Lent - 10 EP
Mumble Rap - kurzfristiger Trend oder gekommen, um zu bleiben? Darin scheiden sich wohl die Geister, doch die Erfolgskurve der dort wildernden Künstler steigt nach wie vor steil nach oben. Mit zahlreichen Vorschusslorbeeren ausgestattet ist etwa Lent. Der 20-jährige kommt aus Linz und zählt niemand Geringe als RAF Camora, Prinz Pi und Bones MC zu seinen Fans. Mit eben RAF, aber auch Haiyti oder Keke gingen sich auch schon Features aus. Nicht schlecht, für ein außerhalb der Szenekreise noch relativ unbekanntes Jungtalent. Auf “10„ zeigt Lent jedenfalls ganz gut, wozu er noch fähig ist. Das unverständliche Genuschel ist manchmal ganz gut nachvollziehbar, die Produktion seines Bruders Damien Beats amtlich und die Beats durchaus auf internationalem Level. Das ist definitiv noch mit einigem zu rechnen. Ohne Bewertung

Little Simz - Drop 6 EP
Die Britin Little Simz war zweifellos eine der Aufsteigerinnen der letzten Jahre im Rap-Segment. Mit ihrem 2019 veröffentlichten Album “Grey Area„ hat sie sich nicht nur eine “Mercury Prize„-Nominierung gesichert, sondern sich endgültig in die Rap-Champions-League katapultiert. Ähnlich wie Charli XCX hat nun auch sie in der Isolation zuhause neue Songs zusammengeschraubt und sich dabei an ihre alte EP-Reihe orientiert. “Drop 1-5„ erschienen bis 2015 und ebneten die weitere Karriere, “Drop 6„ lehnt sich daran an, ohne rückwärtsgewandt zu klingen. Little Simz verbrachte die Isolation alleine in ihrer Londoner Wohnung und teilte auf ihrem Instagram-Account öffentlich mentale Probleme mit. Die fünf Songs mit gerade einmal 13 Minuten Länge gehen mitunter auch darauf an, bringen die Künstlern aber doch auch musikalisch ein bisschen “back to the roots„. In “Where’s My Lighter„ hört man dann auch noch Sängerin Alewya. Ein tragisch-gelungenes Zeitdokument. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Bewertung

Love-Songs - Nicht Nicht
Interessante Klangsphären, die sich einem beim Hören des Debütalbums von Love-Songs eröffnen. Auf “Nicht Nicht„ setzen die Hamburger Experimentalkünstler ihren auf den bisher bekannten Liedern und EPs eingeschlagenen Weg gnadenlos fort. Die meist völlig instrumental gehaltenen Stücke kann man am besten als elektronischen Krautrock bezeichnen, denn einerseits orientiert sich das Trio mit hörbarer Leidenschaft an 70er-Jahre-Pioniere wie Can, andererseits verknüpft man diese traditionellen, aber auch progressiven Klängen mit sphärischen Electro-Teppichen, die nicht immer gleich beim ersten Durchlauf voll fassbar sind. Federführend ist natürlich Manuel Chittka, der auch bei Jungstötter oder Messer am Werk und in der deutschen Indie-Szene eine wohlige Konstante ist. Zwischen “improvisatorischer Momentaufnahme„ und “festgelegtem Raster„ sollen sich Love-Songs laut Eigenbekunden befinden. Das ist schon nicht so falsch und durchaus wohlig anzuhören. 7/10 Kronen

Das Moped - Erstaunlich klar
Wer sich die Songs des Albums “Erstaunlich klar„ das erste Mal in Ruhe zu Gemüte führt, dem werden sofort die Parallelen zu unseren Top-Stars Wanda einfallen. Kenner wissen aber ohnehin, dass Das Moped schon im Vorprogramm der Wiener zu sehen war. Vielleicht mit etwas mehr Indie-Chic, aber die Lieder über Liebe, Leidenschaft, Beziehungen und Zwischenmenschliches könnten auch von Marco Wanda kommen - nur eben im Idiom eingedeutscht und musikalisch nicht ganz so offensichtlich den Mainstream bedienend. Die Münchener Freiheit und Echt werden im Pressetext noch als Vergleich herangezogen und man mag hier zustimmend nicken. Wichtig ist dem Trio aus Rheinland-Pfalz nicht nur eine schöne Melodie, sondern auch die Liebe zur textlichen als auch klanglichen Elegie. Die zwei EPs und die Wanda-Tour haben Das Moped gestählt, in Songs wie “Lucky Luke„, “Hab ich bloß geträumt„ oder “Traurig„ hört man die Passion von Propheten der Liebe. Erstaunlich auch, mit welch zeitgemäßer Tiefe die aus dem Leben gegriffenen Texte versehen sind. Gegen dieses feine Debüt können höchstens Südsteirer etwas auszusetzen haben, denn für die gibt es bekanntlich nur “die Moped„… 8/10 Kronen

Mother Island - Motel Rooms
Dario Argento, Giallo, düster-billige Horrorfilme - Italien war schon immer ein Mekka des Eurotrash-Horrors, hatte aber auch immer qualitative Ausreißer nach oben. In diesen Sphären fühlen sich auch die in Vicenza beheimateten Mother Island wohl, wobei deren musikalische Umsetzung eher schwer nach amerikanischer Wüste riecht. Doch nicht nach der staubtrockenen Kyuss-Lehre, sondern mehr nach Küste, mit Möwen und Meer. Die Surf-Gitarren lassen immer wieder Anklänge an die großen Beach Boys erahnen, ein Song wie “We All Seem To Fall To Pieces Alone„ erinnert mit seiner Off-Beat-Instrumentierung sogar offensichtlich an die Nomadenhaftigkeit eines durchreisenden Zirkus. Die Theatralik in den Songs ist Mother Island offenbar sehr wichtig, die durchdringende Stimmpräsenz von Frontfrau Anita Formilan tut das Übrige. Eine kurzweilige, wenn auch wenig spannende Platte von unseren so gebeutelten Nachbarn aus dem Süden. 6,5/10 Kronen

My Own Private Alaska - Amen
Stellen Sie sich vor, Komponistenlegende Chopin würde heute musizieren und sich mit den schwedischen Post-Rockern von Cult Of Luna oder der amerikanischen Spoken-Word-Mathcore-Band Listener paaren. Unvorstellbar? Mag sein, aber im Großen und Ganzen nicht unhörbar. My Own Private Alaska haben vor genau zehn Jahren mit “Amen„ ein Album in den Orbit geschossen, dass als ebengenannte Kreuzung klassifiziert werden kann. Die Band besteht nur aus Piano, Schlagzeug und Stimme, verzichtet völlig auf Saiteninstrumente und erschafft damit ein Klangspektrum, das zwischen dissonant, verstörend und interessant einzuordnen ist. Produziert hat damals in Los Angeles übrigens Slipknot-Haus-und-Hof-Produzent Ross Robinson, der sich vor Lobeshymnen überschlug. Nach dem damals eher unrühmlichen und schnellen Ende gibt es jetzt gerade die Reunion und bald ein neues Studioalbum. Bis dahin kann man “Amen„ wiederentdecken und sich in eine Welt der Unangepasstheit ziehen lassen. Ohne Bewertung

One Desire - Midnight Empire
Zwei Millionen Klicks auf ein YouTube-Video als junge Band im aussterbenden Rock-Sektor, die sich ihre Lorbeeren eigentlich erst verdienen muss, ist wahrlich nicht übel. Das gelang den Finnen von One Desire vor rund drei Jahren mit der Single “Hurt„, die sich als reißerisch-melodische Hard-Rock-Hymne in bester skandinavischer Tradition erwiese. Das dazugehörige Debütalbum kam in Genrekreisen gut an und auch der Nachfolger “Midnight Empire„ schlägt in eine ähnliche Kerbe. Ecken und Kanten darf man sich von den sympathischen Vollblutrockern nicht erwarten, dafür sind Songs wie “Shadowman„, “After You’re Gone„ oder “Through The Fire„ meist zu cheesy ausgefallen. Macht aber nichts, schließlich fallen und fielen auch erfolgreiche Bands wie etwa H.E.A.T. oder die großen Europe nicht durch Brutalität, sondern viel mehr durch ein Gespür für die richtigen Melodien auf. “Midnight Empire„ ist kein Geniestreich, aber ein hochklassiges Melodic-Rock-Album, das vor allem später einmal bei einem Livekonzert seine Stärken entfachen wird. 7,5/10 Kronen

Rammelhof - Umweltschmutz
Sieger des einheimischen Protestsongcontests 2015, Amadeus-Nominierung 2016 und 2018 im deutschsprachigen Raum auf Tour mit den eher leidlich witzigen J.B.O. - das niederösterreichische Humoristenkollektiv Rammelhof hat sich in den letzten Jahren schon in unterschiedlichsten Bereichen einen Namen machen können. Aufs Korn genommen wird hier gemeinhin alles, was nicht bei drei am Baum ist. Ob die Religion (“Karfreitag„), motorisierte Schwanzvergleiche (“SUV„), politische Todeskommandos (“Brexit„), Jugendsprache (“Gemma Billa„) oder der Druck gesellschaftlicher Anforderungen (“Loser„). Die partiell eingebauten ernsten Momente würde man gerne öfter hören, gehen im Spaßkrach aber leider zu oft unter. Sich die EAV zum Vorbild zu nehmen ist nett, aber halt auch ein Himmelfahrtskommando. “Wer uns deppat kommt, dem fahr ma mit’m Oasch ins G’sicht, ob des jeden taugt, interessiert uns nicht„ sagt die Band selbst im Opener “Rammelhof„ - na dann… 6/10 Kronen

Reckless Kelly - American Jackpot/American Girls
Manchmal, wenn die Kreativität nur so übersprudelt, dann muss man eben einfach tun, was unüblich ist. So geschehen bei den beiden Braun-Brüdern Willy und Cody, Country-Rock-Kultmusiker aus Idaho seit mittlerweile fast 25 Jahren und eine langjährige, erfolgreiche Konstante in ihrer Heimat, die eigentlich das Album “American Jackpot„ aufnahmen, aber schnell gemerkt haben, dass die Ideen noch immer fließen. Als man das Album 2019 schon fertig aufgenommen veröffentlichen wollte, entschied man sich in letzter Sekunde dazu, einfach weiterzuschreiben. Das Ergebnis lautet auf den Namen “American Girls„, verdoppelte die Songmenge und wird jetzt, in den Ausläufen der Corona-Isolation, einfach als Doppelalbum veröffentlicht. Die über vier Jahre hinweg geschriebenen Songs weisen eine überraschend juvenile Dringlichkeit auf und erinnern an die flotten Frühwerke der Band. Die Hymnen über die gesellschaftliche Beschaffenheit Amerikas werden von Gästen wie Gary Clark jr., Jeff Crosby oder Charlie Sexton veredelt. Kein Meisterwerk, aber solide Country-Kost. 7/10 Kronen

Revenge - Strike.Smother.Dehumanize
Pressetexte können so bereichernd sein. Worum geht es inhaltlich auf der neuen Platte der kanadischen Rumpel-Black/Deather Revenge? “Um den absoluten Hass auf organisierte Religion und die Verachtung für den versklavten Menschen der Gegenwart, der seine Mediokrität mit jedem wachen Atemzug erweitert. Die Zerstörung und der Wiederaufbau der Humanität ist das einzige Heilmittel für das Krebsgeschwür, das sich Mensch schimpft.„ So lieblich sind auch die Klänge, die hinter dem bereits 20 Jahre wütenden Projekt stecken. Wer sie zufällig als Vorband der polnischen Black-Metaller Mgla letztes Jahr im Wiener Viper Room gesehen hat, wird sich erinnern, welch akustische Urgewalt da über einen hinwegrotzt. Das ist auf dem sechsten Album “Strike.Smother.Dehumanize„ nichts anderes. Vom rohen Klang über die diabolischen-misanthropischen Texte und das unmenschliche Gegurgel bis hin zum durch alle Wände knallenden Instrumentarium lädt hier wirklich nichts ein. Und genau so will es die Klientel, die man damit bedient haben. Ein Filetstück für Freunde der menschlichen Auslöschung. 8/10 Kronen

Jeff Rosenstock - No Dream
Manchmal gehen Überraschungen wirklich auf. Der amerikanische Punk-Rocker Jeff Rosenstock hat vergangenen Mittwoch einfach mal so mir nichts, dir nichts ein neues Album veröffentlicht. Ohne Vorankündigung, ohne auch nur irgendwelche Spuren im Netz zu verteilen und ohne sich mit elendslanger Vorabwerbung bei seinem Publikum anzubiedern. Download zur freien Spende - das ist ja mal eine klare Ansage! Wir erinnern uns aber zurück - diese Vorgehensweise wandte er schon 2018 bei seinem letzten Werk “Post„ an und landete damit auf Platz der US-Heatseeker-Charts. Die 13 Tracks sind zudem seine ersten neuen Songs nach seiner Rückkehr nach Los Angeles und bieten alles, was Rosenstock-Fans sich von ihm wünschen. Catchy Parts, viel Punk, DIY-Atmosphäre und eine Menge gute Laune, auch wenn es Rosenstock in seiner existenziellen Krise lange anders ging. Die von Deafheaven-Produzent Jack Shirley veredelten Songs hat er zudem selbst gemixt. Well done! 8/10 Kronen

Katie von Schleicher - Consummation
Als die aus Pasadena stammende Songwriterin Katie von Schleicher 2015 nach einem eigenproduzierten Album ihr offizielles Debüt “Bleaksploitation„ veröffentlichte, musste sie ihr Chef beim Indie-Label Ba Da Bing! Records erst mühsam dazu überreden. Mittlerweile ist sie eine nicht mehr wegzudenkende Konstante im US-Indiezirkus, was vor allem auch an ihrem 2017 erschienenen, famosen Full-Length-Debüt “Shitty Hits„ lag. Die offen zur Schau gestellte Selbstironie ist von Schleicher mindestens genauso wichtig wie Doppelbedeutungen und sanft-melodisches Songwriting. Auf dem vorwiegend vom Hitchcock-Klassiker “Vertigo„ inspirierten “Consummation„ geht sie noch einen Schritt weiter und nähert sich mit leichten Elektronikspuren und mutigerer Gesangsweise Künstlerinnen wie Kate Bush oder - etwas aktueller - Angel Olsen. Songs wie “Wheel„ oder die Single “Caged Sleep„ zeigen aber auch, dass von Schleicher schnell und optimistisch komponieren kann. Indie-Dream-Rock mit viel Potenzial nach ganz oben. 8/10 Kronen

Tim Vantol - Better Days
Warum zieht es einen Holländer in die opulenten Weite der Berge? Vor allem, wenn man aus einer der schönsten Städte Europas stammt? Es ist die Abgeschiedenheit, der Frieden, die unberührte Natur. Schon vor Jahren übersiedelte Singer/Songwriter Tim Vantol vom wundervollen Amsterdam auf 800 Meter Seehöhe nach Berchtesgarden, dem “Next Level Bayern„, wie er seine Wahlheimat selbst liebevoll nennt. Musikalisch klingt Vantol seit mittlerweile mehr als zehn Jahren aber eigentlich mehr wie einer dieser so angesagten Holzfällerhemdgesellen. Dass er vor einigen Jahren im Vorprogramm von Chuck Ragan tourte, überrascht nicht. Auch Jim Rowe oder Brian Fallon kommen einen sofort in den Sinne, wenn man in solide, aber überraschungsarme Songs wie “No More„, “A River Full Of Reasons„ oder “You Will Never„ versinkt. Im Gegensatz zu den früheren Kompositionen wirkt hier doch alles zu glatt und brav. Das Feuer der Anfangstage ist weg und gibt “Better Days„ einen etwas schalen Beigeschmack mit. Am 31. Oktober live im Grazer ppc. 5,5/10 Kronen

Woods - Strange To Explain
Wenn es eine Band schafft, das Gefühl der wärmenden Abendsonne aus dem südwestlichen Amerika in Musik zu gießen, dann die Woods. Das ist umso beeindruckender, als dass Frontmann Jeremy Earl und seine Spießgesellen im urbanen Brooklyn, New York, zu verorten sind, und dort mit dem grassierenden Corona-Virus derzeit auch ganz andere Probleme haben, als sich gedanklich auf die Veranda zu setzen und bei einem kühlen Bier den vorbeifliegenden Büschen zuzusehen. Musikalisch hat sich die Band, bei der bis 2013 auch der mittlerweile solo sehr erfolgreiche Kevin Morby Bass spielte, auf “Strange To Explain„ nun endgültig an ganz eigene Identität verschafft, die sie aus dem Gros der verträumten Folk-Rock-Bands herausragen lässt. Es ist tatsächlich schon das elfte Album in 15 Bandjahren, aber da war genug Zeit, um sich selbst ausgiebig zu verfeinern. Angenehm sind vor allem die Ausschlenker in Richtung Jazz (“Where Do You Go When You Dream„), Funk (“Next To You And The Sea„) oder Dream Pop (“Can’t Get Out„). Ein Feel-Good-Werk mit Ohrwurmpotenzial. 8/10 Kronen

Yung Lean - Starz
Yung Lean aka Jonatan Leandoer Håstad war gerade einmal 16 Jahre jung, als er 2013 den Cloud-Rap in die Welt gebar. Heute kennt man Post Malone oder hierzulande auch Yung Hurn als Stars des Subgenres, doch die Ursprünge gehen zurück nach Stockholm. Seither ist viel passiert. Große Erfolge mit drei mehr oder weniger guten Alben, eine Überdosis Medikamente mit einem Krankenhausaufenthalt in den USA, die Heilung und Rückkehr nach Schweden, wo sich der mittlerweile 23-Jährige endgültig zum “Sad Boy„ des Genres erkor und das auch auf seinem neuen Werk “Starz„ propagiert. In die Champions League des Hip-Hops hat es Yung Lean im Gegensatz zu vielen seiner Epigonen aus den USA nicht geschafft, vielleicht traut er sich gerade deshalb zu, aus gängigen Schemata herauszustechen. “Starz„ ist eine tieftraurige und melancholische, gleichsam aber auch progressive und therapeutische Platte, die sich nicht vor Shoegaze-, Dream Pop- und Punk-Einflüssen fürchtet. Yung Lean bleibt einer der spannendsten Künstler in der Rap-Welt. 8,5/10 Kronen

Zola Blood - Two Hearts EP
Das einer Band wie Zola Blood mit dem 2017er Debütalbum “Infinite Games„ nicht ein flächendeckender Durchbruch gelang, ist wahrlich nicht fair. Natürlich hat sich das Londoner Kollektiv mit seinem intelligenten und vor allem emotionalen Indie-Pop auf Anhieb eine große Fanbase geschaffen, aber in die großen Hallen hat man es leider noch nicht geschafft. Die 4-Track-EP “Two Hearts", hoffentlich nur ein geschmackiger Appetizer für das bald folgende Nachfolgewerk, bemüht sich aber nach Kräften, die Band wieder näher zum verdienten Ruhm zu bringen. Ausgehend von der philosophischen Leitfrage, ob Dinge nur erhalten werden können, wenn man ihnen die Möglichkeit des Wandels nimmt, bedient sich der Band grafisch und auch inhaltlich der japanischen Tradition des Kitsungi, nach der zerbrochenes Porzellan mit Gold zusammengeführt wird. Träumerisch wandelt sich die Band durch die vier Songs, evozieren luzide Fantasien und entführen mit Matt Wests zarter Falsettstimme in ferne Welten. Am 16. Februar 2021 hoffentlich im Wiener B72. Ohne Bewertung

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Donnerstag, 28. Mai 2020
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