23.05.2020 10:00 |

Als Folge der Krise

Immer mehr Tiroler auf dem Weg in die Armut

Durch die Krise sind immer mehr Tiroler auf die staatliche Mindestsicherung angewiesen. Doch viele wissen gar nichts von ihrem Anspruch. Andere suchen aus Scham nicht an. Hilfsorganisationen schlagen Alarm.

Mathias E. ist Leiharbeiter. Sein Einkommen ist knapp für eine Familie. Vor zwei Monaten kam das zweite Kind zur Welt. Das letzte Gehalt reichte gerade so für Lebensunterhalt und Miete. Dann kam Corona - und der Tiroler Leiharbeiter war einer der Ersten, die ihren Job verloren. Mittlerweile teilen mehr als 40.000 Tirolerinnen und Tiroler das gleiche Schicksal. Bei vielen reicht das Arbeitslosengeld nicht mehr zur Deckung der laufenden Kosten.

Rasch war klar, dass ein Anspruch besteht
Mathias E. wendete sich in seiner Verzweiflung an die Beratungsstelle des Vereins für Obdachlose. Er hoffte auf einen einmaligen Zuschuss aus dem Notfalltopf. „Nach Prüfung der Unterlagen war schnell klar, dass ein Anspruch auf Unterstützung durch Mietzinsbeihilfe sowie ergänzend aus der Mindestsicherung besteht“, erklärt Michael Hennermann vom Verein für Obdachlose. Dass er einen Anspruch auf Mindestsicherung hat, wusste Mathias E. schlicht nicht.

Tatsächlicher Bedarf zeigt sich verzögert
Knapp 9000 Frauen und Männer bezogen im April in Tirol Mindestsicherung. Weniger als vor einem Jahr. Der Bedarf ist aber längst größer. Davon geht auch Sozial-LR Gabriele Fischer aus. Die Einschnitte durch die Corona-Krise seien bei Unterstützungssystemen nicht sofort sichtbar, sondern erst mit einer zeitlichen Verzögerung, erklärt sie. Bei den zuständigen Stellen ist mittlerweile die Zahl der Anfragen und Ansuchen deutlich gestiegen.

Betroffene haben Angst vor Stigmatisierung
„Dennoch wissen viele nichts von ihrem Anspruch oder verzichten darauf, weil sie Angst vor Stigmatisierung und einem restriktiven Umgang bei den zuständigen Stellen haben“, zählen Julia Schratz und Peter Grüner von den Hilfsorganisationen „DOWAS“ und „DOWAS für Frauen“ Gründe auf, warum nicht wenige Tiroler trotz prekärer finanzieller Situation auf einen Antrag verzichten.

Arbeitskreis bietet Aufklärung und Hilfe
Dowas ist einer von zahlreichen Vereinen in Tirol, die sich um die Aufklärung für Menschen in Notsituationen bemühen. Sie ermutigen, Hilfe anzunehmen und das Recht auf Unterstützung einzufordern. Unter dem Namen Sozialpolitischer Arbeitskreis Tirol (SPAK Tirol) haben sich mehr als 20 Organisationen zusammengetan, um Aufklärung zu betreiben. Schratz und Grüner nennen als Beispiel die hohen Wohnkosten in Tirol: „Wohnungsnot ist schon längst kein reines Armutsproblem und betrifft nicht nur Menschen im Niedriglohnsektor.“ Der Arbeitskreis hat eine Homepage mit allen Infos zur Mindestsicherung erstellt: www.mindestsicherungtirol.at

Viele, die bisher nie Hilfe gebraucht haben
Durch die Krise habe sich die Lage deutlich verschärft. Das kann Hennermann aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen nur bestätigen: „In die Beratungsstellen des Vereins für Obdachlose kommen derzeit vermehrt Menschen, die sich nie gedacht hätten, je auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein.“ Doch die Krise hat alles verändert.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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