20.05.2020 12:53 |

„Corona ist Chamäleon“

Schallmauer durchbrochen: Unter 1000 Erkrankte

Die Corona-Situation auf den heimischen Intensivstationen ist weiter stabil: Aktuell befinden sich 37 Menschen österreichweit in intensivmedizinischer Behandlung, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Mittwoch. Den Höchststand hatte es am 8. April mit 267 Patienten gegeben. Auch die Entwicklung bei der Zahl der aktiv Infizierten ist erfreulich: „Erstmals haben wir wieder die Grenze von 1000 unterschritten“, so Anschober.

Die Prognose bis nächste Woche lasse „keine großen Veränderungen“ erwarten. Anschober verwies aber darauf, dass Covid-19-Patienten eine „überdurchschnittliche Belagsdauer von rund 20 Tagen“ auf den Intensivstationen benötigen. „Die Frage der Intensivstationen war von Beginn an eine sehr kritische, es ist uns gut gelungen, eine Überlastung zu verhindern.“

„Ich möchte mich bei allen Mitarbeitern im Gesundheitssystem bedanken“, sagte der Minister. 633 Personen sind bisher an oder mit Covid-19 verstorben. Hier gebe es eine „sehr klare Altersstruktur“. Laut Anschober machten Menschen über 90 Jahre fast 20 Prozent aus, 40 Prozent betrafen die Altersgruppe 80 bis 90 Jahre, 28 Prozent 70 bis 79 Jahre und acht Prozent zwischen 60 und 69 Jahren.

Virus „ist ein Chamäleon“
„Das Virus hat uns kalt erwischt, aber wir haben unsere Aufgaben gemeinsam bravourös gemacht“, sagte der Infektiologe Florian Thalhammer (MedUni Wien/AKH). „Es ist ein Chamäleon, wir lernen täglich neue Dinge“, konstatierte der Experte in Bezug auf zahlreiche Symptome, die auftreten können. Geschmacksstörungen seien beispielsweise zunächst als Rarität bemerkt worden, mittlerweile wisse man, dass diese 20 bis 30 Prozent der Infizierten bekommen. Er betonte, dass eine genaue Anamnese wichtig ist. „Fiebermessen allein ist zu wenig“, sagte Thalhammer.

Zu SARS-CoV-2 und Covid-19 seien jedenfalls noch viele Fragen offen, „auch wenn wir in den letzten Wochen relativ viel dazugelernt haben“, sagte Weiss. „Ich glaube, wir werden noch viele Aha-Erkentnisse haben, bis wir dieses Virus intellektuell intus haben“, meinte auch Thalhammer. Außerdem riet er eindringlich dazu, sich im Herbst gegen die Grippe impfen zu lassen. Bis zum Herbst, wenn auch die Influenzasaison wieder startet, müsse man jedenfalls Bewusstsein dafür schaffen.

„Gab nie Überlastung des Systems“
Die Informationslage sei zu Beginn der Krise „durchaus ernüchternd“ gewesen, sagte Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Medizinischen Universität Wien. „Man hat das Gefühl, dass man mit einem Schiff in ein Gewässer fährt, wo andere in Seenot gekommen sind oder am Kentern waren“, sagte Markstaller. Rückblickend wisse man nun, dass man nicht in einen Sturm geraten ist, auch wenn in Tirol und in Wien in bestimmten Krankenhäusern das Personal durchaus gefordert gewesen sei.

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Man hat das Gefühl, dass man mit einem Schiff in ein Gewässer fährt, wo andere in Seenot gekommen sind oder am Kentern waren.

Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie

„Aber es war nie eine Seenot, es war nie eine Überlastung des Systems, es konnte stets Individualmedizin betrieben werden“, betonte Markstaller. Die Alternative wäre die viel zitierte und unter anderem in Italien verwendete Triage gewesen. „In diese schlimme Situation sind wir nicht gekommen, wohl aber haben wir uns darauf vorbereitet und entsprechende Empfehlungen abgegeben. Wir hätten es können“, sagte der Mediziner.

Keine Therapie bzw. Immunisierung in naher Zukunft
Nunmehr befinde man sich „auf der Rückfahrt mit diesem Schiff Richtung sicherer Hafen“. Dieser wäre in dieser Metapher „eine kausale Therapie oder Immunisierung im größeren Stil“, was aber beides in näherer Zukunft noch nicht absehbar sei. „Wir müssen aus einer Verantwortung heraus vorbereitet sein, sollten wir je wieder in schwerere Gewässer kommen“, forderte Markstaller. Er betonte auch, dass 80 bis 85 Prozent der Intensivbetten stets mit Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt waren, belegt waren. Die Struktur der Krankenhäuser sei so gut, dass es problemlos möglich sein sollte, „Second Victims“, also Todesfälle, die indirekt mit der Corona-Situation in Verbindung stehen - etwa durch Überlastung der Systeme -, zu verhindern.

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