08.05.2020 06:00 |

Kriegserinnerungen

Portisch: „Österreich hat aus Geschichte gelernt“

Publizist Hugo Portisch und Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky sprechen über ihre Erinnerungen an das Kriegsende und die Entwicklung Österreichs in der Zweiten Republik. Es waren die Bomben. Sie hallen wider, bis heute. Hugo Portisch, Jahrgang 1927, sitzt in seinem Wohnzimmer im dritten Bezirk. Seite Augen blitzen lebhaft, sein Verstand und seine Rhetorik haben nichts an Kraft und Schärfe eingebüßt. Er macht sich Gedanken über Österreich. Über das Ende des Zweiten Weltkrieges, seine Wiederauferstehung. 

Portisch erlebte die letzte Phase des Krieges in seinem Geburtsort Preßburg (heute Bratislava). „Es gab Bombenangriffe am laufenden Band. Preßburg war der zentrale Punkt für die Versorgung der deutschen Kriegsmaschinerie mit Öl und Benzin.“ Präsent ist auch die Maturafeier. „Am 30. März 1945 waren wir zu viert in einer Bar. Der Kellner hat uns hinter eine Säule gesetzt, vorne wurde gesungen und getanzt. Dann krachte es und der Plafond brach dort ein. Ein russischer Bombenangriff. Wir sind davongekommen.“

Geschichtslehrer der Nation
Hugo Portisch ist einer der wichtigsten Zeitzeugen und gilt als der „Geschichtslehrer der Nation“, obwohl er promovierter Zeitungswissenschaftler ist. Seine Dokus und Bücher über Österreich seit 1918 haben Generationen geprägt und ein Geschichtsverständnis vermittelt, das auch die breite Masse erreichte. Wenn er an den 8. Mai denkt, sagt er: „Der wurde nicht zur Kenntnis genommen als Schlusspunkt des Krieges. Dieser war, als die Sowjets in Österreich ankamen. Am 27. April hat Renner seine Regierung gebildet, das war für die Österreicher unfassbar. Sie dachten, mit dem Ende des Krieges geht die Welt zugrunde. Und die Sowjets selber haben den renommierten Renner mitten im Krieg gebeten, eine Regierung zu bilden.“

Die Angst vor einer Marionettenregierung
Der Hintergrund: Stalin habe damit gerechnet, dass die Westmächte die geschwächten Sowjets nach der Niederschlagung Nazi-Deutschlands angreifen würden. Es war der Startschuss zum späteren Kalten Krieg. Also wollte der Diktator die Westmächte beruhigen, hat freie Wahlen und die Errichtung von Demokratien versprochen. „Das hat er ja zunächst auch eingehalten. Wohl hat er aber überall die Geheimpolizeichefs mit verlässlichen Kommunisten besetzt. Auch in Österreich.“

Zunächst fürchteten die Westmächte, Renner würde zu einer Marionette der Sowjets werden, sagt Portisch, doch das spielte es nicht. „Die Sozialdemokraten ließen sich nicht vor den Karren der Sowjets spannen. Bei den ersten Wahlen im November 1945 haben die Kommunisten nur 5 Prozent bekommen. Damit war jeglicher Machtübernahmegedanke dahin.“

Zitat Icon

Karl Renner hat die einst so verfeindeten Lager zusammengeführt. Mit Figl und Raab von den Christlichsozialen.

Hugo Portisch, Publizist und Journalist

Renner führte die verfeindeten Lager zusammen
Hugo Portisch führt die Wiedererstarkung Österreichs auf die gezogenen Lehren aus der Vergangenheit zurück. „Manche sagen, die Menschen lernen nicht aus der Geschichte. Das ist nicht wahr. Die Österreicher haben aus der Vergangenheit gelernt. Es galt der Slogan: Wir werden nie wieder aufeinander schießen. Man hat aus der Ersten Republik gelernt. Renner hat die einst so verfeindeten Lager zusammengeführt. Mit Figl und Raab von den Christlichsozialen.“

Erinnerungskultur hat sich gewandelt
Die ganze Zweite Republik sei ein Lehrstück aus der Ersten Republik. Tenor: Wir müssen zusammenhalten. Auch die Erinnerungskultur habe sich zum Guten gewandelt. Die These, wonach Österreich erstes Opfer des Nationalsozialismus war (festgehalten von den Außenministern der Alliierten im Oktober 1943), und die man über Jahrzehnte propagiert hatte, sie sei längst dahin. Auslöser war Franz Vranitzky durch seine berühmte Rede im Parlament vom 8. Juli 1991, in der er dem Opfermythos ein Ende bereitete und die Verantwortung von Österreichern an der Mittäterschaft offen betonte. Portisch: „Vranitzky hat die Geschichte quasi auf den Kopf gestellt und zurechtgerückt. Er hat erkannt - wir sind nicht nur unschuldig.“

Lebhafte Erinnerungen
Wien, 19. Bezirk, Kreisky-Forum. Franz Vranitzky ist eingetroffen. Er ist gerade in diesen Tagen ein besonders gefragter Mann. Der 1937 in eine Arbeiterfamilie geborene Wiener (sein Vater war Eisengießer), schaffte es über ein Welthandelsstudium, eine Bankerkarriere bis zum Bundeskanzler der Republik. Und, wie Portisch meint, zum wesentlichen Impulsgeber für einen neuen Umgang mit der dunklen Vergangenheit. „Der Opfermythos war nicht mehr haltbar. Es war Zeit, dies auch offen einzugestehen. Ich wurde im Zuge der Waldheimaffäre in Amerika im Justizministerium gefragt, woher ich komme. Als ich Österreich sagte, hieß es - oh, das alte Naziland“, sagt Franz Vranitzky. Und weiter: „Wir müssen uns heute für nichts entschuldigen. Das österreichische Volk trifft keine Kollektivschuld, aber viele Österreicher haben Schuld auf sich geladen.“

Lebhafte Erinnerungen an das Kriegsende
An das Ende des Krieges hat er noch lebhafte Erinnerungen. „Wir saßen in einem Keller, um uns vor Bomben zu schützen, da blickte plötzlich ein russischer Soldat beim Fenster herein. Ich glaube, er grinste.“ Die Erinnerungen an den 8. Mai? „Manche haben gesagt, gut, dass der Hitler den Krieg verloren hat, sonst wären wir jetzt erschossen worden. Andere haben gesagt, wenn er gewonnen hätte, wären wir auch erschossen geworden.“

Es begann ein Übergangsleben, erinnert sich Vranitzky, sukzessive haben Geschäfte geöffnet, es gab lange Warteschlangen. Es war eine Wendezeit. Manche Begebenheiten blieben haften. „Da gab es einen Mann, der ist in der NS-Zeit immer mit dem Fahrrad gefahren mit einer Hakenkreuz-Armbinde. Als die Sowjets kamen, hatte er auch eine Armbinde, nur mit Sowjetabzeichen.“

Vranitzky von US-Soldaten stark geprägt
Prägend war für den jungen Vranitzky der Kontakt zu den Amerikanern. Es gab Kaugummis, Cola, und es entflammte die Leidenschaft für Basketball. „Die hatten ihre Plätze gemacht, auch mit elektronischen Anzeigen, und wir durften mit ihnen mitspielen. Das Zentrum des Basketballsports war damals das elitäre Palais Ferstl - das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Wenn die Amerikaner neue Schuhe bekamen, nahmen wir ihre alten. Das war großartig.“ Überdies lernte der Wiener Bub Englisch und bekam Zugang zu englischsprachiger Literatur. „Ich habe Hemingway verschlungen, was meiner Lehrerin nicht gefiel, sie hielt ihn für einen linken Alkoholiker.“

Vater im Herbst 1945 aus Gefangenschaft zurückgekommen
Vranitzkys Vater war in russischer Gefangenschaft und ist im Herbst 1945 gekommen. „Ich habe ihn gar nicht erkannt. Dachte, wer ist der Mann?“ Die zentrale Frage lautete: „Wie geht es jetzt weiter? Manche hätten gemeint, wir sollten wieder mit den Deutschen zusammengehen, denen geht es auch schlecht. Das waren wahrscheinlich die Älteren, die noch die Phase nach dem Ersten Weltkrieg mitbekommen haben.“

Bei den ersten Wahlen waren die ehemaligen Nazis noch ausgeschlossen, 1949 buhlten wieder aller Parteien um die rund 700.000 Stimmen. Vranitzky: „Ich war immer bekennender Antifaschist. Aber ich bin nicht der, der den Altvorderen etwas vorwirft. Man musste diese Menschen, wo auch viele Mitläufer darunter waren, wieder integrieren. Die wirklichen Verbrecher wurden ja bestraft. Man konnte ja nicht sagen, jetzt müssen die alle verschwinden.“

Der große Schlussakkord und Auftakt für die Erfolgsgeschichte der unabhängigen Zweiten Republik war die Verkündigung des Staatsvertrages am 15. Mai 1955 im Schloss Belvedere. „Es war eine unglaubliche Befreiung. Diese Worte von Figl, ,Österreich ist frei‘, haben Begeisterungsstürme im ganzen Land ausgelöst.“ Franz Vranitzky konnte übrigens nicht live vor Ort sein. Am nächsten Tag nämlich stand die Latein-Matura auf dem Programm.

Erich Vogl, Kronen Zeitung

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