27.04.2020 13:33 |

Corona-Lernsituation

Viertel der Schüler lernt nicht mal 3,5 h täglich

Distance Learning bzw. Home-Schooling ist während der Corona-bedingten Schulschließungen das Gebot der Stunde. Der dabei brennenden Frage, wie der Umgang mit der neuen Lernsituation gelingt, ist ein Forschungsteam der Universität Wien nachgegangen. Fazit der am Montag präsentierten ersten Teilergebnisse: Das selbstständige Lernen ist für viele Schüler besonders schwierig, 21 Prozent erhalten in der Familie keine Unterstützung dabei. 16 Prozent haben auch keinen eigenen Computer, Laptop oder eigenes Tablet! Das etappenweise Zurückkehren an die Schulen bewertet die Studienleiterin, Bildungspsychologin Christiane Spiel, im Gespräch mit der „Krone“ als einen „guten Kompromiss“.

Neben den Entwicklungen am Arbeitsmarkt beschäftigt während der Corona-Krise wohl kaum ein Thema so viele Menschen im Land wie das Lernen, das angesichts der Schulschließungen zu einer großen Herausforderung für alle Betroffenen - Schüler, Eltern und Lehrer gleichsam - geworden ist.

Um ein noch besseres Bild von der aktuellen Situation zu bekommen, führt ein Forschungsteam der Fakultät für Psychologie der Universität Wien unter der Leitung von Barbara Schober, Marko Lüftenegger und Christiane Spiel eine Studie zum Thema Lernen durch. Mehr als 20.000 Schüler ab der 5. Schulstufe nahmen an der Online-Erhebung zu „Lernen unter Covid-19-Bedingungen“ teil. Für die ersten Analysen wurden die Antworten von 8349 Schüler zwischen zehn und 19 Jahren herangezogen, die zwischen Anfang April und 20. April befragt wurden.

21 Prozent ohne Unterstützung von Familie
Danach befragt, wie der Umgang mit der neuen Lernsituation gelingt, gaben die Befragten an, sich durchschnittlich fünf Stunden pro Tag mit schulbezogenen Aktivitäten zu befassen. Ein Viertel der zehn bis 19 Jahre alten Schüler verbringt weniger als 3,5 Stunden mit Schulaufgaben. Ein Prozent kam auf weniger als eine Stunde täglich. Nur 38 Prozent der Befragten gaben an, fixe tägliche Lernzeiten zu haben. Immerhin 70 Prozent machen sich einen Plan über zu erledigende Aufgaben. 21 Prozent der Schüler geben an, in der Familie keine Unterstützung beim Lernen zu erhalten, wenn sie diese benötigen. Wenn es Hilfe gibt, kommt diese hauptsächlich (59 Prozent) von den Müttern. 16 Prozent haben auch keinen eigenen Computer, Laptop oder Tablet.

Was beim Lernen zu Hause besonders schwerfällt: die selbstständige Auseinandersetzung mit den Aufgabenstellungen. „Es ist für sie herausfordernd, keine mündlichen Instruktionen zu erhalten und nur eingeschränkt Nachfragen stellen zu können“, heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. Ebenfalls Probleme machen die selbstständige Strukturierung des Lernens sowie die Zeiteinteilung. Andererseits berichteten viele Schüler auch von Zuwächsen bei ihrer Selbstorganisation sowie ihrer EDV-Kenntnisse durch die derzeitigen Umstände. „Aus bildungspsychologischer Sicht handelt es sich hierbei um wichtige Schlüsselkompetenzen, die auch für erfolgreiches lebenslanges Lernen zentral sind“, wie die Studienautoren anmerken.

E-Learning einheitlich auf derselben Lernplattform gewünscht
Von ihren Lehrern fühlen sich die Schüler durchaus gut unterstützt, nur drei Prozent wissen nicht, wie sie diese bei Fragen erreichen können. Allerdings wünschen sich viele der Befragten schnelleres Feedback auf ihre Aufgaben. Außerdem sollte das E-Learning anders als derzeit einheitlich auf derselben Lernplattform stattfinden, um auch den Überblick zu behalten.

Generell fühlen sich etwa zwei Drittel der befragten Schüler trotz der aktuellen Umstände wohl, 80 Prozent blicken optimistisch in die Zukunft. Umgekehrt äußerte eine Risikogruppe von sechs Prozent nur niedriges Wohlbefinden - diese Schüler fühlen sich wenig sozial eingebunden und sind auch im Home-Learning wenig erfolgreich. Das sind laut Studie „vorsichtig hochgerechnet, unter Einbeziehung einer möglichen Unterschätzung der Risikogruppe“ - da die Teilnahme freiwillig ist und beispielsweise Schüler mit eingeschränktem Internetzugang nicht teilnehmen können -, zumindest 45.000 Schüler.

Nachholbedarf höher, als Umfrage deutlich macht
Studienleiterin Christiane Spiel dazu: „Wie wir bereits wissen, können viele Schüler daheim nicht erreicht werden. Sei es, weil sie keinen Internetzugang oder Endgerät oder auch keine Unterstützung von daheim haben. Wie auch bei anderen Umfragen gehen wir davon aus, dass wir bildungsferne Schüler eher nicht erreicht haben. Es ist also ein weit höherer Nachholbedarf gegeben, als unsere Umfrage deutlich macht.“

Für bildungsferne Schüler sei es deshalb laut der Forscherin besonders wichtig, wieder Anschluss zu finden. „Summer-Schooling wäre für sie eine gute Möglichkeit, Versäumtes zu lernen. Dafür würden sich aus meiner Sicht auch Lehramtspraktikanten anbieten, die aufgrund der Corona-Maßnahmen sowieso um ihre Praktika, die vorzuweisen sind, umgefallen sind“, so Spiel gegenüber der „Krone“.

Was der Bildungspsychologin zufolge klar sein muss: „Im Herbstsemester tun Schulen gut daran, sanft zu beginnen. Denn das Sommersemester war ein außergewöhnliches, sehr herausforderndes. Wo wir dranbleiben sollten, sind die neuen Medien. Das digitale Lernen sollte mehr in den Fokus gestellt werden. Es gilt nun von jenen zu lernen, die Distance Learning gut geschafft haben. Damit wir fitter werden für die Zukunft. Und auch gewappnet sind für alles, was noch kommen mag.“

Rückkehr an Schulen in Etappen „ein guter Kompromiss“
Das etappenweise Zurückkehren an die Schulen ist für Spiel jedenfalls ein guter Kompromiss. Es sei auch ein Herantasten, ein Erproben: Wie gut funktionieren das Abstandhalten, die Hygienemaßnahmen, der Unterricht unter diesen besonderen Voraussetzungen und nicht zuletzt der Schichtbetrieb in zwei Klassengruppen? „Es macht auch Sinn, zuerst die Jüngeren zurückzuholen. Für sie ist Home-Schooling schwieriger umzusetzen. Sie sind oft noch zu wenig selbständig. Das fällt den höheren Schülern schon leichter. Sie können sich selbst besser organisieren“, so die Bildungspsychologin.

Jugendliche würden natürlich besonders darunter leiden, ihre Klassenkameraden vorerst noch nicht zu sehen, wie Spiel zu bedenken gibt. In diesem Alter hätten Peer-Groups einen hohen Stellenwert. „Teenager orientieren sich in der Pubertät stark an Gleichaltrigen. Ihr Aktionsradius ist derzeit stark eingeschränkt, was natürlich belastend sein kann.“ Buddy-Systeme würden deshalb laut der Expertin jetzt besonders Sinn machen. „Wenn höhere Schüler das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden, und Jüngeren, wenn auch virtuell, unter die Arme greifen - das wäre eine schöne Win-Win-Situation. Das gab es bereits vor Corona an zahlreichen Schulen und würde Schülern aus der Volksschule und Sekundarstufe I sehr helfen“, ist sie überzeugt.

Was die Forscher auch noch nicht wissen: Wie sehr sich Mobbing in der Schule auf Cybermobbing verlagert hat. „Aber auch das könnte nun zugenommen haben und für betroffene Schüler nur schwer zu verkraften sein“, so Spiels Sorge.

Die Details zu den Teilergebnissen der Studie „Lernen unter Covid-19-Bedingungen“ finden Sie hier. In einer zweiten Befragungswelle (bis 11. Mai) wollen die Wissenschaftler nun herausfinden, ob sich seit Beginn des Home-Learnings etwas verändert hat. Schüler (ab der 5. Schulstufe, nicht Volksschule) können über den Link hier an der Studie teilnehmen, den Link zur Befragung für Studierende finden Sie hier.

Nun hat Österreich endlich einen Fahrplan, wie es wieder zurück in die Schule geht. Was Bildungsexperte Dr. Andreas Salcher zu den Plänen der Regierung sagt und wie unsere Leser bei unserer großen Schul-Umfrage auf krone.at abgestimmt haben, lesen Sie hier.

Kronen Zeitung/krone.at

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