26.04.2020 05:50 |

Schulöffnung im Mai

Experte: „Ein kluger und vernünftiger Kompromiss“

Das Warten hat ein Ende. Auch Österreich hat nun einen Fahrplan, wie es wieder zurück in die Schule geht. Was Bildungsexperte Dr. Andreas Salcher zu den Plänen der Regierung sagt und wie unsere Leser bei unserer großen Schul-Umfrage auf krone.at abgestimmt haben.

„Der von Bildungsminister Heinz Faßmann am Freitag präsentierte Etappenplan zur Schulöffnung ist ein kluger und vernünftiger Kompromiss“, erklärt Dr. Andreas Salcher. Denn eine Ideallösung war bei der Vielzahl der einander widersprechenden Interessen weder zu erwarten noch möglich.

Eine Öffnung aller Schulen erst im September, wie das eine Mehrheit in der „Krone“-Umfrage forderte (siehe Grafik), wäre für viele Eltern, vor allem Alleinerziehende und voll Berufstätige, schwer zumutbar gewesen. Denn für Familien ist es eine große Entlastung, wenn die Volksschulen und die Mittelstufen ab Mitte Mai wieder Unterricht anbieten. Auch wenn es erstmal im „Schichtbetrieb“ zurück an die Schulen geht. In den Volksschulen erweist sich das Distance Learning als am schwersten umsetzbar, und Volksschullehrer sind dort unersetzbar.

Digitalisierung in der Schule vorantreiben
„Den Schülern der AHS-Oberstufe, der BHS und des Polytechnikums ist eine Fortsetzung des Lernens zu Hause bis Anfang Juni weit eher zuzumuten. Denn alle Schulen gleichzeitig zu öffnen, hätte die Gefahr einer zweiten Infektionswelle drastisch erhöht“, unterstreicht Salcher. Pädagogisch tun sich nun sogar Chancen auf: Viele Gegenstände könnten jetzt für Schüler plötzlich sehr interessant werden, wenn die Lehrer an aktuelle Erfahrungen anknüpfen. Themen wie exponentielles Wachstum oder die Interpretation von Kurven und Diagrammen, die laufend in den Medien präsentiert werden, bieten spannende Ansatzpunkte in Mathematik. Biologielehrer könnten mit ihrem Wissen überhaupt zu „pädagogischen Popstars“ ihrer Schüler werden.

Bildungsferne Schüler finden wieder Anschluss
Aber auch die vielen notwendigen Verhaltensregelungen zum Schutz von Schülern und Lehrern müssen nicht zwanghaft eingedrillt werden, sondern könnten für das Lernen von sozialen Kompetenzen genutzt werden. Wie respektvoller Umgang miteinander, Verantwortung für sich und andere übernehmen, Selbstkontrolle, Teamfähigkeit, Risikoabschätzung und vieles mehr. Diese Fähigkeiten stehen zwar offiziell in keinem Stundenplan, werden aber für Schülerinnen und Schüler in Zukunft entscheidend sein. „Unser Schulsystem war bisher starr und überreguliert, nicht einmal die Nutzung von WhatsApp war Lehrern erlaubt“, kritisiert der Bildungsexperte. Die Krise hat das System ordentlich durchgerüttelt, und viele Tabus gelten auf einmal nicht mehr, so Andreas Salcher. Daher wäre jetzt die beste Gelegenheit, uns nicht nur über die vielen Leuchtturm-Schulen zu freuen, die es schon gibt, sondern allen Schulen Wege ins 21. Jahrhundert zu zeigen.

Krise bedeutet bekanntlich nicht nur Chance, sondern auch Gefahr. „Das größte Risiko besteht darin, die 20 Prozent bildungsfernen Schüler, die ohnehin schon benachteiligt waren, völlig zu verlieren“, unterstreicht der Buchautor. „Wir dürfen nicht vergessen, dass bereits vor Corona jeder fünfte Fünfzehnjährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen konnte. Wenn Schüler heuer von 13. März bis zum 18. Mai de facto wenig bis gar nichts gelernt haben und dann weitere neun Wochen im Sommer keine hochwertige Lernunterstützung bekommen, kann man sich die Folgen vorstellen.“

Diese Sorge bestätigt die „Krone“-Umfrage. 70 Prozent sind dafür, dass die Klassenlehrer im Sommer versäumten Stoff unterrichten. „Realistischerweise wird man dafür Lehrer auf freiwilliger Basis und vor allem Lehramtsstudenten gewinnen müssen“, glaubt Salcher. Die heikle Frage ist, ob das auch auf Ö1 von Faßmann angekündigte Summerschooling, voraussichtlich im August, für bestimmte Schüler verpflichtend sein sollte. Wenn man nur auf das Prinzip der Freiwilligkeit vertraut, dann besteht die große Gefahr, dass genau jene, die es am dringendsten bräuchten, nicht teilnehmen.

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„Wir dürfen nicht vergessen, dass bereits vor Corona jeder fünfte Fünfzehnjährige nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen konnte. Wenn Schüler heuer von 13. März bis zum 18. Mai de facto wenig bis gar nichts gelernt haben und dann weitere neun Wochen im Sommer keine hochwertige Lernunterstützung bekommen, kann man sich die Folgen vorstellen.“

Bildungsexperte Dr. Andreas Salcher

Statt der Herbstferien Versäumtes nachholen
Positiv bewertet Salcher auch, dass es im Sommersemester 2020 kein Durchfallen in den Volksschulen gibt. Das helfe allerdings auch den sehr lernschwachen Schülern der 4. Klasse, die im September mit der Mittelstufe beginnen, wenig. Denn sie müssen dann mit einem riesigen Startnachteil beginnen. „Umso notwendiger wird eine verpflichtende Sommerschule für Schüler mit großen Defiziten“, ortet der Experte.

Verlorene Schultage nachholen statt Herbstferien
Eindeutig ist die Antwort der Teilnehmer der „Krone“-Umfrage auf die Frage, ob die Herbstferien heuer wie geplant erstmals durchgeführt werden sollen. 70 Prozent lehnen das ab. Es sollen besser verlorene Schultage nachgeholt werden. Was würden Herbstferien konkret bedeuten? Nach den Sommerferien starten die Schulen in sechs Bundesländern am 13. September. Bereits sechs Wochen danach würde der Schulbetrieb ab 26. Oktober wieder für eine Woche unterbrochen. Ob das heuer sinnvoll ist, vor allem für lernschwache Schüler? Darüber wird es wohl noch eine heftige Diskussion geben, besonders vonseiten der berufstätigen Eltern.

Fazit des Bildungsexperten: „Lernen für die Zukunft heißt, sich richtig aufzustellen für das, was als Nächstes kommt, nicht für das, was in der Vergangenheit passiert ist.“ Salcher zieht den Vergleich mit unserem Tennisstar Dominic Thiem. Er konzentriert sich nicht darauf, wo der Ball gerade ist, sondern wo er gleich sein wird, um rechtzeitig dort zu sein.

Umgelegt auf Schulen bedeute das, endlich von der Belehrungsschule der Vergangenheit mit bis zu 21 eng abgegrenzten Fächern Abschied zu nehmen. „Konzentrieren wir uns auf die drei Dimensionen des Lernens für die Zukunft: 1. Wissen und tiefes Verständnis. 2. Die praktische Anwendung des Wissens auf unbekannte Probleme. 3. Die Entwicklung von Persönlichkeitseigenschaften wie Neugier, Respekt und Mut.“

„Wichtig und vernünftig“
Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike erklärte: „Die bekannt gegebenen Maßnahmen des Bildungsministeriums sehen wir als wichtig und vernünftig an. Natürlich muss aber die Gesundheit weiterhin im Mittelpunkt stehen. (...) Ebenfalls kann man aus dieser Zeit auch positive Schlüsse, wie z.B. die Digitalisierung, ziehen. Diese muss jetzt unbedingt weiterentwickelt werden und an den Schulen Einzug halten.“

Für Bestsellerautor Andreas Salcher ist jedes Kind talentiert. In seinem aktuellen Buch „Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde“ (Ecowin Verlag) erklärt er, wie wir Schulen zu Orten machen könnten, wo unsere Kinder jeden Tag mit Freude lernen. „Es gibt einen Weg vom vergeudeten zum geretteten Talent. Diesen zu kennen, ist jetzt notwendiger denn je“, meint Salcher.

Susanne Zita, Kronen Zeitung

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