24.01.2020 18:14 |

Knochen analysiert

Grazer Forscher decken 8000 Jahre alte Morde auf

Wissenschaftler haben zwei Jahrtausende alte Morde in Österreich aufgedeckt: Ein Forschungsprojekt des Universalmuseums Joanneum in Graz nahm die ältesten Menschenfunde in Österreich, ein 8800 Jahre alter, mittelsteinzeitlichen Schädel aus Wöllersdorf in Niederösterreich und ein 7000 Jahre altes, jungsteinzeitlichen Skeletts aus Pöttsching im Burgenland unter die Lupe: Beide wurden getötet.

Bei der Untersuchung wurden unterschiedliche Methoden verwendet: von anthropologischen und archäologischen Befunden über die Anfertigung medizinischer CT-Scans und digitaler 3D-Daten-Aufbereitung zur Entwicklung maßstabgetreuer 3D-Modelle bis hin zur Gesichtsrekonstruktion sowie Entwicklung und Anwendung neuer molekularer Verfahren zur Lebensaltersschätzung.

Bereits im Jahr 2011 hatte ein Team unter der Leitung der Archäologin Dorothea Talaa im niederösterreichischen Wöllersdorf den ältesten Schädelfund Österreichs entdeckt. Mithilfe der Radiokarbondatierung (C14) ließ sich ein Alter von beinahe 9.000 Jahren feststellen. Die gefundene Schädeldeponie stellt laut Talaa „ein besonderes Begräbnisritual für ein Mitglied der mittelsteinzeitlichen Oberschicht dar“. 2015 kam es zur Entdeckung des ältesten Burgenländers in Pöttsching, der um 5.000 vor Christus lebte - wiederum unter der Leitung Talaas.

Mit Steinbeil und Knüppel erschlagen
Die Anthropologin Silvia Renhart vom Universalmuseum Joanneum untersuchte nun beide Funde erneut und diagnostizierte an den Überresten des Mannes aus Wöllersdorf, dass er im Alter zwischen 31 und 40 durch massive Schläge auf den Schädel, wohl mit einem Steinbeil, gewaltsam zu Tode kam. Beim ältesten Burgenländer handelt es sich um einen brutal getöteten Jugendlichen der Epoche der frühjungsteinzeitlichen Kultur der Bandkeramik. Bei dem etwa 15-Jährigen aus Pöttsching sind massive Gewaltspuren festzustellen, die sowohl durch eine Fernwaffe, wohl einen Pfeil, als auch eine Nahwaffe, möglicherweise ein Knüppel, verursacht wurden.

„Offenbar war er vor dem Angriff auf sein Dorf in das unmittelbar neben der Siedlung liegende Abbaugelände für Lehm geflüchtet und dort getötet worden“, ist Archäologin Talaa überzeugt. „Diese ungewöhnlichen, ja einzigartigen Funde brauchten neue Forschungsansätze und -methoden“, so Renhart. Ihr gelang es, namhafte internationale Wissenschafter und Wissenschafterinnen verschiedener Disziplinen unentgeltlich für das Forschungsprojekt zu gewinnen.

3D-Modell rekonstruiert
Unter Einsatz der am Ludwig Boltzmann Institut für Klinisch-Forensische Bildgebung entwickelten Visualisierungstechnik konnte auf Basis der Ergebnisse der Forschungsgruppe FoSIL (Hochschule Mittweida) den stark fragmentierten Schädeln ein lebensnahes und der aktuellen Forschung entsprechendes Gesicht gegeben werden. Schädel, Unterkiefer und weitere lose Knochenfragmente aus Computertomografiedaten wurden zu einem für die Gesichtsrekonstruktion anatomisch korrekten 3D-Modell zusammengesetzt. Auf Basis von CT-Daten wurden Verletzungsmechanismen rekonstruiert und illustriert. Mithilfe von Virtual Reality und 3D-Druck kann nun ein Blick in das Gesicht von 9000 bzw. 7000 Jahre alten Menschen geworfen werden, hieß es am Freitag in der Aussendung des Universalmuseums.

Molekulare Uhren - zu- oder abnehmende Modifikationen von DNA und Proteinen - ticken von Geburt an in jedem Menschen und können noch nach Jahrtausenden Auskunft geben, wie alt ein Individuum zum Todeszeitpunkt war. Eine entsprechende Lebensalterschätzung der vorliegenden Funde führte Stefanie Ritz-Timme vom Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf mit einer neu entwickelten Methode erstmals an so alten menschlichen Überresten durch. Die Ergebnisse bestätigen die anthropologisch vorbestimmten Lebensaltersspannen.

„Ergebnisse machen sprachlos“
„Nach gut zwei intensiven Forschungsjahren machen die Ergebnisse nahezu sprachlos. Nicht nur, dass man endlich Vorfahren ins Antlitz schauen kann, sondern auch, dass die anthropologische Sterbealtersanalyse durch sogenannte ‘molekulare Uhren‘ untermauert werden kann. Letzteres ist sehr wichtig, auch um aufzuzeigen, dass die diagnostizierten Sterbealter ihre Richtigkeit haben und die manchmal schon als überholt abgestempelte physische Anthropologie noch lange nicht ausgedient hat“, meinte Renhart.

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