26.11.2019 15:20 |

30 Milliarden Euro

Europas Drogenmarkt finanziert den Terrorismus

Europas Drogenmarkt hat derzeit jährlich ein Volumen von rund 30 Milliarden Euro. Weltweit waren es 2014 zwischen 426 und 652 Milliarden US-Dollar. Dies geht aus dem EU-Drogenmarkt-Bericht 2019 von Europäischer Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) und Europol hervor. Die Folgen durch organisiertes Verbrechen und den Drogenmarkt als Finanzinstrument für Terroristen sind groß.

Der Bericht wurde am Dienstag in Brüssel präsentiert, EMCDDA und Europol steuern schon seit einigen Jahren regelmäßig ihre Daten bei. Die wichtigsten Informationen (siehe auch Grafik oben) aus Europa: Vom Gesamtmarkt für illegale Drogen in der Höhe von 30 Milliarden Euro (Endverbraucherpreis) entfallen 39 Prozent auf Cannabis (11,6 Milliarden Euro), 31 Prozent auf Kokain (9,1 Milliarden Euro) und 25 Prozent auf Heroin (7,4 Milliarden Euro). Amphetamin (drei Prozent/eine Milliarde Euro) und Ecstasy/MDMA (zwei Prozent/500 Millionen Euro) rangieren unter „ferner liefen“.

Weltweit dürften vergangenes Jahr 181 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren Cannabis bzw. Cannabis-Produkte konsumiert haben, in Europa waren es 24,7 Millionen, von diesen 17,5 Millionen 15- bis 34-Jährige, heißt es in dem Report.

THC-Gehalt hat sich binnen zehn Jahren verdoppelt
„Der Bericht veranschaulicht, dass Cannabiskraut und -Harz zwar nach wie vor den Markt dominieren, Cannabisprodukte in Europa jedoch immer vielfältiger werden.“ Zum Angebot zählen heute hochwirksame Extrakte, auf Cannabis basierende medizinische und gesundheitsorientierte Produkte sowie immer mehr Cannabidiol (CBD) oder Produkte mit niedrigem THC-Gehalt in verschiedenen Formen. Wirksamkeit und potenzielle gesundheitliche Auswirkungen dieser Produkte müssten „genau überwacht werden“, schreiben die Autoren, die vor allem den in Europa in den vergangenen zehn Jahren quasi verdoppelten THC-Gehalt von Cannabis bzw. Cannabisharz hervorheben.

Kokain wurde indes im gleichen Zeitraum weltweit von 18,1 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren konsumiert. In ​Europa gab es vier Millionen Konsumenten, 2,6 Millionen von ihnen im Alter von 15 bis 34 Jahren. „Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der untersuchten Proben stammten aus Kolumbien. Fast ein Fünftel (19 Prozent) aller Proben kamen aus Peru“, stellen die Autoren des Berichts fest.

Europas Mafia dominiert Kokainschmuggel
Kokainkonsum ist in West- und Südeuropa am verbreitetsten. Der Schmuggel läuft vor allem über die Containerschifffahrt. „Die Rekordproduktion in Lateinamerika hat den illegalen Handel in die EU verstärkt“, so die Experten. Eine neue Entwicklung: „Die Präsenz europäisch organisierter krimineller Gruppen in Lateinamerika ermöglicht eine End-to-End-Steuerung der Lieferkette.“ Europäische Mafia & Co. wollen alle Margen des Kokainschmuggels nach Europa beherrschen.

Die Involvierung von organisierter Kriminalität und letztlich auch von Terrorgruppen stellt eine Gefahr dar, die (politisch) weit über die Bedeutung gesundheitlicher Risiken für die Drogenkonsumenten selbst hinausreicht. EMCDDA und Europol listen hier auf: Terrorismus, Menschenhandel und Schlepperei, Bandenkriminalität und Mordserien, Geldwäsche und Korruption werden durch den Drogenmarkt gefördert bzw. finanziert.

Eine in dem Report zitierte Studie aus 2018 listet für die bekanntesten Terrorgruppen in Afrika (Boko Haram, al-Shaabab etc.), Kolumbien (FARC) und in arabischen Ländern (IS etc.) Drogeneinkünfte von rund 300​ Millionen Euro im Jahr auf - 28 Prozent aller Einkünfte der Terrororganisationen. An zweiter Stelle der Finanzierungsquellen kommen dann erst Erdöl und Erdgas (207 Millionen Euro). Viele Attentäter in Europa seien auch Drogendealer gewesen. In Haft wegen solcher Delikte hätten sich einige von ihnen erst radikalisiert.

Afghanistan seit 20 Jahren weltweit größter Opiumproduzent
Gesundheitlich gefährlich für Abhängige mit problematischem Konsum vor allem durch das Injizieren von Suchtgift ist Heroin. Weltweit wird „H“ in einem Jahr von 34,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren benutzt, davon entfallen auf Europa 1,3 Millionen Personen. Wobei Afghanistan seit nunmehr 20 Jahren der größte Opiumproduzent der Welt ist, der 2017 einen Anteil von 78 Prozent am weltweiten Anbau hatte - ein Rekord. Die Türkei und die Balkanroute seien noch immer die Haupttransportwege Richtung Europa, doch es gebe Anzeichen einer neuen Route von Süden her über den Suezkanal.

Hoch wirksame (synthetische) Opioide „stellen ein steigendes Gesundheitsrisiko dar“, heißt es in dem Report weiter. Während in Europa Fentanyl-Schmerzmittel aus der Medizin wegen der strengen Verschreibungsregeln kaum Probleme verursachen, sind regional - vor allem im Baltikum und in Skandinavien - Fentanyle aus Russland und vor allem aus China aufgetaucht. Das Darknet und Online-Plattformen spielen hier eine wichtige Rolle.

Niederlande als Hauptproduktionsstätte für Europas Ecstasy
Amphetamin, MDMA (Ecstasy) und Methamphetamin haben vergangenes Jahr weltweit 28,9 Millionen Menschen benutzt (15 bis 64 Jahre). In Europa gab es 1,7 Millionen Amphetaminkonsumenten (1,25 Millionen zwischen 15 und 34 Jahre alt), 2,6 Millionen Menschen (2,06 Millionen von ihnen junge Erwachsene) nahmen Ecstasy/MDMA ein. Die meisten Drogen dieser Sorte, die in der EU konsumiert werden, werden fast ausschließlich in Europa produziert, heißt es dazu in dem Report. Für Ecstasy gibt es in den Niederlanden strukturiert aufgebaute Produktions- und Versorgungsketten.

Von 2015 bis 2017 wurden in Europa 355 „Amphetamin-Küchen“ etc. entdeckt. 225 davon waren in den Niederlanden situiert, 50 in Belgien und 32 in Polen. Auch die europäische Ecstasy-Produktion konzentriert sich auf die Niederlande und Belgien. „Im​ Mai 2019 wurde ein illegales Methamphetamin-Labor auf einem 85 Meter langen, in Deutschland registrierten Frachtschiff ausgehoben, das in Moerdijk in den Niederlanden ankerte“, schreiben die Autoren des Berichts. An Bord wurden 300 Liter Methamphetamin-Öl beschlagnahmt. Der 65-jährige niederländische Kapitän des Schiffs und drei Mexikaner als Gehilfen kamen in Haft.

„Klarer Weckruf für politische Entscheidungsträger“
Alexis Goosdeel, Direktor der EMCDDA in Lissabon, erklärte anlässlich der Präsentation des Reports: „Dieser Bericht ist ein klarer Weckruf für politische Entscheidungsträger, sich mit dem rasch wachsenden Drogenmarkt zu befassen, der immer globaler, vernetzter und digitaler wird.“ Catherine de Bolle, Exekutivdirektorin von Europol, ergänzte: „Europol beobachtet einen deutlichen Anstieg der Aktivitäten im Bereich des illegalen Handels, sowohl in unserer operativen Arbeit als auch auf der Grundlage der Daten, die wir von den EU-Mitgliedsstaaten erhalten.“ Darauf müsse die Strafverfolgung reagieren. Massiver Drogenkonsum von Menschen ist allerdings vor allem ein chronisches Gesundheitsproblem.

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