06.10.2019 13:24 |

Messermorde in Paris

Radikalisierung von Polizeimitarbeiter ignoriert?

Die tödliche Messerattacke in der Polizeipräfektur in Paris sorgt in Frankreich für Entsetzen - und wirft brisante Fragen auf, die auch die Regierung in Erklärungsnot bringen. Jetzt soll untersucht werden, ob Anzeichen einer Radikalisierung des Täters, einem Mitarbeiter des Polizeihauptquartiers, erkennbar waren. Der Angreifer, der vier Menschen mit einem Messer getötet hatte, sei Anhänger einer radikalen Interpretation des Islam gewesen, wie Chefermittler Jean-Francois Ricard bei einer Pressekonferenz in Paris bestätigte. Die Ehefrau des Mannes, der von der Polizei erschossen wurde, befindet sich weiterhin in Polizeigewahrsam.

Der Angreifer, der am Donnerstag im Polizeihauptquartier in der französischen Hauptstadt vier Menschen mit einem Messer getötet hatte, hatte der Anti-Terror-Staatsanwaltschaft zufolge Kontakt zu salafistischen Kreisen. Der 45-jährige Computerexperte, mittlerweile als Mickael Harpon identifiziert, war demnach bereits vor rund zehn Jahren zum Islam konvertiert und habe außerdem Kontakt zu Anhängern der salafistischen Bewegung gehabt, einer ultrakonservativen Strömung innerhalb des Islam.

In den Stunden vor der Tat hatte der 45-Jährige religiöse Nachrichten mit seiner ebenfalls muslimischen Ehefrau - die aber laut Chefermittler Ricard nicht in der Datei für islamistische Gefährder auftaucht - ausgetauscht. Die Ehefrau des Angreifers blieb am Wochenende weiterhin in Gewahrsam. Sie war nach der Tat am Donnerstag festgenommen worden.

Gegenüber Kollegen Zustimmung zu Attentat auf „Charlie Hebdo“ geäußert
Der Angreifer habe auch wegen seines Glaubens in letzter Zeit seine Kleidungsgewohnheiten umgestellt, den Kontakt zu Frauen geändert und gegenüber einem Kollegen Zustimmung zu dem islamistischen Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Jänner 2015 geäußert, wie nun öffentlich wurde. Das Strafregister des aus dem französischen Überseegebiet Martinique stammenden Mannes sei sauber, allerdings habe er in einem Fall von häuslicher Gewalt einen Verweis erhalten.

Unmittelbar vor der Tat habe der Mann zwei Messer gekauft. Seine Bluttat habe nur wenige Minuten gedauert, bis er von einem Polizisten erschossen worden sei. Der Angreifer war nach Angaben des Chefermittlers mit extremer Gewalt vorgegangen. „Die Ermittlungen werden nun fortgesetzt, um die Gründe für diese Tat und die Persönlichkeit des Täters genauer zu bestimmen“, kündigte der Chefermittler an.

Opposition fordert Rücktritt von Innenminister Castaner
Die Bluttat hat in Frankreich auch in der Politik hohe Wellen geschlagen. Oppositionspolitiker fordern die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zu dem Vorfall. Der konservative Abgeordnete Eric Ciotti warf dem französischen Innenminister Christophe Castaner vor, nicht die Wahrheit über eine bekannte mögliche Radikalisierung des Angreifers gesagt zu haben. Weitere konservative Abgeordnete forderten den Rücktritt von Castaner.

Tenor der Kritik: Der Innenminister wollte offenbar verhindern, dass der Fall als Terror eingestuft wird. Nach Ansicht der Oppositionspolitiker hatte der Minister Informationen über den Täter zurückgehalten, als er nach der Tat am Donnerstag erklärte, der Mann sei zuvor nicht negativ aufgefallen. Castaner hatte in Pressestatements zunächst erklärt, es gebe keinen Hinweis darauf, dass der Angreifer sich vor der Tat möglicherweise radikalisiert haben könnte. Die Rede war vielmehr von einem „internen Konflikt“ innerhalb der Polizeidirektion.

Im Zuge der Ermittlungen hat Premierminister Edouard Philippe die Geheimdienstaufsicht gebeten, eine eingehende Überprüfung der Aufdeckung und Behandlung von Radikalisierungsprozessen in allen an der Terrorismusbekämpfung beteiligten Geheimdiensten durchzuführen, wie er am Sonntag auf Twitter mitteilte. Die Prüfung solle zeigen, ob die Erkennungs- und Meldewerkzeuge in der Geheimdienstabteilung der Polizeipräfektur vorhanden waren und funktionierten, so Philippe. Ein „Null-Risiko“ gebe es nie, schrieb der Premier. „Aber wir müssen immer die Maschen des Netzes enger machen.“

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