20.06.2019 12:12

Sorgerecht entzogen

Hass auf Behörden als Motiv für Brandanschläge

Aus Hass auf die Behörden - seine drei Kinder waren zu Pflegefamilien gebracht worden - soll am Mittwoch in Graz ein 45-jähriger Iraker Amok gelaufen sein. Der mutmaßliche Täter legte im Bezirksgericht West, im Bürgermeisterbüro, in der Bezirkshauptmannschaft sowie im Bahnhofsgebäude Feuer, wo er zudem einen Verkaufsstand demoliert und mit einem Rohr wahllos auf Passanten eingeschlagen haben soll. Es gab zwei Verletzte, der Verdächtige sitzt jetzt in Haft. Er sagt kaum etwas zu den Vorwürfen.

Über Antrag der BH Graz-Umgebung hatte das Pflegschaftsgericht dem Iraker und seiner Frau das Sorgerecht für die drei Kinder entzogen. Nachdem diese aus der Familie geholt worden waren, gelang es dem 45-Jährigen nicht, sie wieder zurückzuholen. Am Dienstag soll er bereits einer Sozialarbeiterin gegenüber die Drohung aus, dass er „alles abheizen“ würde. Am Mittwoch lief er Amok …

  • Um 10.28 Uhr soll der 45-Jährige zunächst am Grieskai 88 im Foyer des Pflegschaftsgerichts vor den Augen der Security-Bediensteten eine Flüssigkeit auf den Boden geschüttet und diese angezündet haben. „Die Stichflamme war rasch gelöscht“, so eine Sprecherin, „ins Innere des Gebäudes wäre der Mann dank der Schleuse niemals gelangt“.
  • Um 10.48 Uhr, zwei Kilometer nordöstlich, ging der mutmaßliche Brandstifter am Hauptplatz ins Rathaus und dort in den ersten Stock. Auf dem Gang und vor dem Büro von Bürgermeister Siegfried Nagl zündete er an mehreren Stellen Prospekte an. „Das geschah auf einer Länge von zehn Metern“, erklärt der Sicherheitsmanager Wolfgang Hübel. Sein Kollege Franz Lammer („Es hat stark geraucht, ich hab’ das Fenster aufgerissen und sofort den Feuerlöscher eingesetzt“) und ein Mitarbeiter hatten die Lage aber rasch im Griff.
  • Um 11.11 Uhr soll der Verdächtige zwei Kilometer nordwestlich am Bahnhofgürtel 85 im vierten Stock der Bezirkshauptmannschaft Graz-Umgebung erneut zugeschlagen haben. „Er hat im Wartezimmer Prospekte und die Pin-Wand in Brand gesteckt“, berichtete ein Angestellter. „Ein Kollege ist dazugekommen und vor der Wahl gestanden - dem Täter nachzulaufen oder das Feuer zu löschen. Er hat Gott sei Dank Zweiteres getan.“ Zur Sicherheit wurden Beamte und Besucher, insgesamt an die 160 Personen, evakuiert.
  • Nach dem dritten Feuer-Attentat flüchtete der mutmaßliche Täter über die Straße, tauchte um 11.17 Uhr im Hauptbahnhof auf und ließ seinem Hass weiter freien Lauf. Er legte erneut ein Feuer, das aber von selbst erlosch, demolierte einen Verkaufsstand und prügelte wahllos auf Passanten ein.

Drei Personen ins Spital gebracht
In der Zwischenzeit lief die Fahndung nach dem Amokläufer auf Hochtouren. Der Iraker wurde auf dem Europaplatz überwältigt, auch ein Passant half beherzt mit. Eine ÖBB-Securitymitarbeiterin verletzte sich dabei leicht an der Hand, eine Kassa-Mitarbeiterin erlitt einen Schock und kam ins Spital. Eine schwangere Kollegin wurde als Vorsichtsmaßnahme ebenfalls eingeliefert.

Verdächtiger amtsbekannt
Nachmittags begann dann die Einvernahme. Dabei zeigte er sich jedoch „nicht sehr gesprächig“. Er äußerte sich bisher kaum zu den Vorwürfen. Fest steht, dass der in der Nähe von Graz wohnhafte Verdächtige als psychisch labil beschrieben wird und wegen seiner Wutanfälle amtsbekannt ist.

Manfred Niederl, Gerald Schwaiger,
Jakob Traby und Ernst Grabenwarter, Kronen Zeitung

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