08.05.2019 09:00 |

„Krone“-Interview

Queen Leer: Mit Stil aus der Zeit gefallen

Mit „Dreams Pyre“ veröffentlicht die blutjunge Band Queen Leer dieser Tage ihr Debütalbum, das sich zwischen Psychedelic, Rock, Folk und Prog bewegt und fernab jedweder Trends funktioniert. Gitarrist David Samitsch und Frontmann Stefan Slamanig gaben uns Einblick in eine Welt der postmodernen Romantik, in der das aus-der-Zeit-gefallen-sein kein Nachteil, sondern eine Motivation ist.

Die metaphorische Nähe zu Shakespeare‘s „King Lear“ kommt nicht von ungefähr - das Wiener/Grazer-Rock-Kollektiv Queen Leer hat sich nicht nur psychedelisch angehauchtem Folk-Rock mit träumerischen Indie-Referenzen verschrieben, sondern ist in besonderem Sinne von Poesie und Literatur geprägt. Aus der Asche von Superior Street formte sich das Quintett Anfang dieses Jahres, um den eigenen Sound präziser und mit mehr Anspruch zu präsentieren. Herausgekommen ist mit „Dreams Pyre“ ein Debütalbum, das sich nicht nur zwischen 70s-Prog, prägnanten Bläsern und modernen Rock-Zitaten bewegt, sondern auch sehr stark von britischer Literatur und alter Romantik geprägt ist. Der Sound der Jungspunde mit den „alten Seelen“ mag vielleicht aus der Zeit gefallen sein, entfacht aber gerade deshalb eine ungemein eindringliche Sogwirkung auf den Hörer. Irgendwo zwischen Beirut, The Tallest Man On Earth und Pink Floyd finden Queen Leer einen Platz, der es wert ist, entdeckt zu werden.

„Krone“:Stefan, David - Queen Leer ist eine seit Jänner existierende Band, die aus den Überresten der Gruppe Superior Street stammt. Warum eigentlich die Namens- und Stiländerung? Was lag dieser Entscheidung zugrunde?
Stefan Slamanig:
Wir haben mit Superior Street viel Blödsinn gemacht, viele Konzerte gespielt und Sachen gemacht, die mit der Gegenwart nichts zu tun haben. Wir wollten dem Ganzen einen neuen Anstrich verleihen und eine neue Präsenz geben. Die Intention ist, dass jene, die uns kennen, uns anders sehen und die anderen uns neu entdecken können. Die Musik, die wir jetzt machen, ist ganz anders als die Musik von davor.
David Samitsch: Es war eine drei Mann Indie-Folk-Band und ist durch musikalische und freundschaftliche Verstrickungen zu etwas gewachsen, das es eigentlich nie war. Deshalb ergab sich der Schnitt und die Veränderung, unsere Musik unter einem neuen Namen zu präsentieren. Meine Texte sind nicht unbedingt die Greifbarsten, was auch mit dem Bandnamen einhergeht, der literarisch geprägt ist. Rein akustisch klingt der Name nicht so schlecht und ich bin ein riesengroßer Aficionado der englischen Literatur. Ich liebe „King Lear“ von Shakespeare und es gibt die Idee, eine Art Queen-Leer-Pop-Art-Figur auftauchen zu lassen, aber das ist noch nicht ausgereift. Es passt auch zur Ambivalenz der Texte. Sie sind nicht so leicht greifbar und man muss vielleicht zweimal hinschauen, aber sie passen besser als zu Superior Street.

Es geht euch also darum, einen konzeptionellen Faden durch dieses neue Projekt zu ziehen?
Samitsch:
Auch „Dreams Pyre“ ist textlich ein Konzeptalbum, das ein Amalgam aus Yates-Metamorphosen und den englischen Spätromantikern darstellt. Es ist ein Zwischenspiel zwischen dem Traumhaften aus der poetischen Inspiration, einer Identität und dem Wandel. Das hängt so zusammen und die Intertextualitäten auf dem Album sind immer gegeben - zum Beispiel in den Songs „Summer’s Dust“ oder „Winter’s Frost“ oder bei „Dreams Pyre“ und „Why, Thisbe?“, wo es eben um die antike Sage von Pyramus und Thisbe geht. Die Songs sind schon miteinander verwoben und das soll in Zukunft auch so bleiben.

Weshalb waren euch diese angesprochenen Gegensätzlichkeiten so wichtig? Wieso wolltet ihr sie ausbreiten?
Samitsch:
Ich finde Bands, die sich nicht so leicht schubladisieren lassen und in der Literatur unterwegs sind, einfach interessanter. Vielleicht glaubt man bei uns musikalisch einiges zu finden, was man so noch nicht wirklich kennt. Wir haben als roten Faden die Bläser durch das Album gezogen und man merkt, dass wir zu viert komponiert haben. Die Gegensätzlichkeiten sind wichtig, um das ganze Werk am Leben zu erhalten. Dadurch treten die Kontraste stärker zutage und Kleinigkeiten kommen besser heraus.
Slamanig: Ich hörte in letzter Zeit so viele Alben, wo Song 1 bis 14 dasselbe sein könnte. Das ist furchtbar fad. Mir ist beim Komponieren klanglich als auch textlich wichtig, dass es sowohl feine, emotionale und traurige Passagen, als auch Explosionen gibt. Das fand ich als Musikkonsument immer spannend und das passiert auch bei uns manchmal.
Samitsch: Ohne Licht kein Schatten und gerade deshalb kann man die lauten Passagen besser genießen, weil man auch den langsamen Aufbau hat. Melancholie und Trauer gehen im Leben auch mit Leichtigkeit und Freude einher. Wenn der Vergleich fehlt, kann man einen Zustand nur schwer beschreiben und die Gegensätzlichkeiten müssen einfach bewusst da sein.
Slamanig: Der Kontext muss passen. Passagen, die wir als Explosion bezeichnen, sind für die meisten Hörer wohl Kuschelrock. (lacht)

Dieser Kontext kommt etwa beim Song „Revelational Reverie“ sehr gut zum Vorschein. Eine sanfte Akustikgitarre leitet den Song ein, bis er sich irgendwann in Richtung Bombast orientiert.
Slamanig:
Speziell der Song ist ein Relikt aus der Zeit, wo ich noch viel Dry The River hörte. Eine Band, die wohl nicht mehr vielen etwas sagt. Ich habe sie aber immer sehr gefeiert und fand an ihr immer besonders, dass sie intime Musik machen und doch irgendwann eskalieren.
Samitsch: Textlich banal runtergebrochen geht es darum, dass die Frage gestellt wird, warum man im Traum so kreativ sein kann, nach dem Aufwachen aber nichts mehr davon übrig ist. Es gibt im Song als auch im Inhalt einen Taktwechsel und dass Text und Musik Hand in Hand gehen, ist uns sehr wichtig. Neben Dry The River kommt auch ein bisschen Pink Floyd vor. Alles Bands, die wir sehr schätzen.

Man kann euch jedenfalls nicht vorwerfen, mit „Dreams Pyre“ irgendwelchen Trends hinterherzulaufen. Das Album beschwört etwas Nostalgie und ist auch im 70s Prog verankert. Ist die viel zitierte „alte, handgemachte Musik“ jene, die euch als Inspiration diente?
Slamanig:
Ich würde gar nicht sagen, dass ich beim Komponieren bewusst Inspirationsquellen hatte. Die Musik entstand so, wie es aus meinem Kopf und Herzen kam. Hauptsächlich bei mir im Homestudio im WG-Zimmer und die Konsequenz daraus ist ein Konglomerat aus persönlichen Vorlieben wie etwa Dry The River, Pink Floyd und Beirut. Die lassen sich nicht abstreiten. (lacht)

Die Bläser sind wirklich gut gelungen, aber da habt ihr euch gewiss auch auf dünnem Eis bewegt, denn sie können sehr schnell Richtung Kitsch abdriften.
Slamanig:
Es gab schon Situationen im Studio, wo dann ein paar Sachen verschwunden sind, die schon da waren. (lacht) Wir haben auch zweistimmige Bläser-Lines ausprobiert und irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass es zu sehr nach alter Volksmusik klang. Die Positionierung ist da wichtig und es darf nicht in jedem Song eine Trompete vorkommen. Das Potenzial zum Kitsch oder zum Alpenländischen war da.
Samitsch: Live ist es nie so realisierbar, was aber auch gut ist. Am Album war es streckenweise der Fall, dass es zu viel war, aber wir hoffen, dass wir die Kurve gekratzt haben. (lacht) Mich stimmt es richtig dankbar im 21. Jahrhundert eine Nische fürs Dichten gefunden zu haben. Stefan ist ein Kompositions- und Arrangierungsmastermind und es ist schön zu sehen, wie er kleine Details, wie den Einsatz einer Querflöte so einsetzt, dass es ein rundes Ganzes ergibt. „Dearest Meadows“ habe ich auf der Akustikgitarre aufgenommen und Stefan per Whatsapp geschickt. Am Ende kommt dann ein Lied raus, das so klingt, als würden Feen durch den Wald hüpfen. (lacht) Vielleicht ist es etwas kitschig, aber es ist zumindest bewusster Kitsch.

Das Verträumte und Feenhafte, wenn man so will, strahlt auch das gezeichnete und unglaublich nostalgische Cover-Artwork aus. Das könnte direkt aus der Hochzeit des Prog in den 70er-Jahren stammen.
Samitsch:
Als das Cover fertig war, haben wir gesagt, dass wir gerne mehr darüber wissen möchten, würden wir die Platte im Laden entdecken.
Slamanig: Es waren Anstöße von mir und ich wollte etwas Collagenartiges, Psychedelisches haben und der Künstler hat das wunderbar umgesetzt. Das Cover soll auf jeden Fall neugierig machen.
Samitsch: Das Optische und das Akustische sollen für den Hörer Hand in Hand gehen.

Inwiefern hängt das ganze Album textlich zusammen? „Dreams Pyre“ ist in erster Linie kein fröhlicher, zwingend lebensbejahender Titel.
Samitsch:
(lacht) Die Texte sind in einer turbulenten Zeit entstanden. Ich glaube, dieses Album kann man nur in seinen 20ern schreiben, das wäre anders gar nicht möglich gewesen. Ich war für ein Auslandssemester in Schottland und hatte dort viel Freizeit. Ich habe sehr viele schottische Gedichte gelesen und auch Briten wie Keats oder Byron, die beide früh verstorben sind. Es klingt wohl elitär, aber die Texte sind ein bewusstes Gegenprogramm zu leichten Nonsens-Lyrics. Man muss schon mehrmals reinlesen, um sie zu erfassen, aber das macht Kunst aus. Sie soll nicht gleich verbraucht sein. Die Zielgruppe dürfte in unserem Alter oder auch darüber sein und die können vielleicht was damit anfangen oder sich in Zeilen wiederfinden. So geht es mir oft in der Poesie. Ich finde mich in einem Vers und merke, dass ich da schon mal war.

Wie hast du deine Liebe zur englischen Literatur und der Romantik mit deinem persönlichen Leben verbinden können?
Samitsch:
Ich hatte das Glück, dass ich den Großteil der Texte in Schottland schrieb. Es war eine Umbruchphase in meinem Leben und ich habe alles hinterfragt. Das Gesamtbild hat mich nicht ganz zufriedengestellt und ich habe einiges geändert. Daher wohl auch das Traumhafte, das ich rausbringen wollte. Ich hatte zu dieser Zeit in Schottland wenig, aber eine intensive Unizeit. Ich wollte einen Shakespeare-Kurs besuchen, aber der war voll und ich wurde umgebucht zur englischen Romantik. Das war im Endeffekt einer der besten Zufälle meines Lebens. Wäre das nicht passiert, würde das Album in der Form gar nicht existieren. Ich hatte einen grandiosen Professor und man kann sich mich wirklich mit alten Poesiebänden, Gitarre und Schreibblock unter einem Baum liegend vorstellen. Das ist nicht mal stilisiert, sondern echt so passiert. (lacht) Die immerwährende Erinnerung an die Zeit, wo ich mich mit dem Guten und Schönen befassen konnte und das Album sind das Produkt aus einer Verkettung glücklicher Umstände.

Kannst du das auf dich bezogen präzisieren?
Samitsch:
Es ist das ästhetische Lebensideal des geisteswissenschaftlichen Studenten in seinen 20ern, sich mit den menschlichen Wahrheiten zu beschäftigen. Meine jetzige Lebenssituation ist anders als jene, als ich die Songs schrieb. Ich lese zum Beispiel irrsinnig gerne Sachen, die ich nicht verstehe und versuche auch als Lehrer in der AHS sowas in den Unterricht einfließen zu lassen. Ich habe die Schüler etwa „Dreams Pyre“ analysieren lassen und das ist ein Zugang, den sie nicht kennen, weil es nicht sofort messbar ist. Aber gerade die Dinge, die schwerer messbar sind, lösen etwas in dir aus.

In einer Gesellschaft wie der heutigen ist dieses Selbstinterpretative oft verloren gegangen. Es gibt kaum mehr Zeit, um innezuhalten, weil man permanent mit Infos überschüttet wird und selbst keine Ruhe findet.
Samitsch:
Überall werden Deutungsansätze für Verhaltensweisen angeboten. Durch Social Media ist das Leben viel vergleichbarer und Individualismus ist immer schwerer zu erreichen. Genauso wie es heute schwer ist, kein Hipster zu sein, wenn man sich für Literatur und Altes interessiert, weil man als Geschichtsinteressierter da hineinkategorisiert wird und als Snob gilt. Es ist viel da und es wird viel angeboten. Im Titelsong gibt es den Refrain „don’t be afraid of the streams in your mind“. Wenn du dich mit dir selbst beschäftigst, wird etwas passieren. Das ist nicht immer schön und toll, aber wichtig für die persönliche Reifung. Es wird umso schwerer, wenn man permanent mit Medien konfrontiert wird oder Imperative hat, wie man sich verhalten soll. Natürlich gab es das immer, aber durch die sozialen Medien ist das Privatleben wie nie zuvor in Konkurrenz gestellt worden. Das Album stellt schon auch die Aussage, mal abzuschalten und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Auf positive oder negative Art und Weise.

Du hast das in deiner märchenhaften Erzählung deiner Schottlandzeit so gehabt, aber auch für dich ist das wahrscheinlich kein alltäglicher Luxus?
Samitsch:
Ich finde es auch jetzt im Arbeitsalltag sehr schade, wie selten man dazu kommt, einfach mal inne zu halten und zu überlegen, warum man was überhaupt macht. Diesen Luxus hat man fast nie und wenn man ihn hat, muss man ihn bestmöglich nutzen.
Slamanig: Das Hirn rattert ständig und man ist mit Reizen überflutet. Man schaut ständig aufs Handy und präsentiert sich auf einem Selfie in einer Stimmung, die im Moment gar nicht echt ist. Das zerreißt einen schon auf gewisse Art und Weise.
Samitsch: Ich habe mittlerweile gelernt, das Handy auch mal einen halben Tag abzuschalten, wenn ich mich voll auf ein Buch konzentrieren will. Nur ein Piepser bringt dich so raus und nimmt dir Erfahrung und Grundstimmung, dich von einem Buch mitreißen zu lassen. Die permanente Erreichbarkeit ist für Sparten wie die Kunst schon problematisch. Ein Mozart, Schiller oder Goethe waren genial, aber sie hatten nicht den Druck, sich selbst vermarkten zu müssen. Sie haben sich hingesetzt und in Ruhe ihr Latein und Griechisch einverleibt. Heute muss man überall Experte sein, um als Band wahrgenommen zu werden.
Slamanig: Der tägliche Klick- und Like-Bait gehört dazu und die Spotify-Statistik ist schon sehr praktisch und interessant. (lacht) Du musst ständig Content anbieten und Facebook ist schon altmodisch. Davids Schüler haben ja gar keinen Account mehr. Es ist traurig, aber ich versuche mich der extrem kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Leute heute anzupassen. Sie schauen sich eine halbe Sekunde ein Bild an und entscheiden, ob sie es gut oder nicht gut finden.
Samitsch: Wir sehen uns als Albumband und haben oft überlegt, wie ein einzelner Song auf die Leute überhaupt wirkt, wenn er aus dem Kontext gerissen ist. Die Leute wissen oft gar nicht, was der Song ist und von wem. Er ist Teil einer Playlist, die sowieso permanent läuft. Die Zuordnung von früher einmal ist einfach nicht mehr vorhanden. Es ist die Frage, wie zeitgemäß der Anspruch eines Albums noch ist. Natürlich wollen wir das selbst so machen, aber können das auch andere noch genießen? Das ist halt die Frage.
Slamanig: Mir ist ehrlich gesagt auch egal, was der Markt sagt. Wir müssen nicht von der Band leben und das macht uns ziemlich frei. Jede Probe macht jedem von uns extreme Freude und Queen Leer ist unser Ventil für Herzblut. Wenn es gerade zufällig in die Zeit passt, dann haben wir Glück.

Hat sich das Textliche sehr schnell mit dem Musikalischen kombiniert? Immerhin muss sich ja beides zusammenfügen.
Slamanig:
Es war ziemlich pragmatisch. Die Musik war in allen Fällen vor dem Text da, was wir hinkünftig eigentlich umgekehrt machen möchten. Ich habe daheim komponiert und Demos aufgenommen oder im Proberaum die verschiedenen Akkordschemen gesammelt. Ohne Text einen Klang zu machen ist komisch, aber Samy kannte den Sound, konnte seine Texte nach den metrischen Gegebenheiten komplettieren.
Samitsch: Besonders „Winter’s Frost“ ist eine Nummer, die für uns wie aus einem Guss klingt. So als wäre sie in einem extrem privaten Moment entstanden, obwohl der Text von mir und die Musik von Stefan ist. Wir vertrauen dem jeweils anderen extrem und das ist sicher ein wichtiger Faktor. Da käme dann sonst keiner in der Band, der das ändern wollte. Jeder kann seinen Expertenbereich frei ausspielen und es gibt niemals so etwas wie Revierkämpfe, nur um sich als Person einzubringen. Vielleicht klappt das Wechselspiel zwischen uns deshalb so gut.
Slamanig: Das macht auch das Konzept Band aus. Aber nicht nur in der Kunst: Wenn in einer Firma jeder das macht, was er am besten kann, kommt das beste Ergebnis raus. Man muss sich vertrauen können. So wie Schubert die Texte von Müller bekommen hat und daraus einen Zyklus machte. Der Zyklus ist im Prinzip das Album von früher. (lacht)

Euch ist es offenbar ein wichtiges Anliegen, musikalisch als auch textlich Zeitlosigkeit zu transportieren.
Samitsch:
Mir persönlich ist es textlich wichtig, nichts zu schreiben, das in konservierter Form draußen bleibt und wo ich mir in zehn Jahre auf den Kopf greife, was mich da geritten hat.
Slamanig: Man kann nicht mit der Intention der Zeitlosigkeit Musik machen. Erst Jahre später kann man beurteilen, ob das gelungen ist oder nicht. Es ist schwer zu sagen.

Andererseits hast du gesagt, dass die Texte auf „Dreams Pyre“ nur von einem Mittzwanziger kommen können, was wiederum impliziert, dass du dir da vielleicht in späteren Jahren trotzdem mal auf den Kopf greifst…
Samitsch:
 Das wird zu 90 Prozent tatsächlich so sein. Das ist ein interessanter Aspekt, weil die Zeitlosigkeit dann wieder ein Widerspruch in sich ist. Warten wir einmal ab, wie es kommt.

Schon die Songtitel alleine zergehen einem bei der Aussprache auf der Zunge. Ist das auch so ein Teil, dass ihr nicht dem Zufall überlässt, sondern sehr gut durchdenkt?
Samitsch:
Mir ist das extrem wichtig, weil ich Banalität vermeiden möchte. The Tallest Man On Earth veröffentlichte unlängst „I Love You It’s A Fever Dream“ und wurde für diesen Titel stark kritisiert. Ich würde da nicht sofort schreien, aber von der Thematik und vom Akustischen muss es einfach gut klingen. Es muss sich auch nicht alles Reimen, aber einfach gut zueinanderpassen. Dafür ernte ich bandintern vielleicht am wenigsten Verständnis, aber ich brauche oft sehr viel Zeit, bis ich mit Texten wirklich zufrieden bin.
Slamanig: Oft kommen wir erst Monate später drauf, wie genial das eigentlich ist, was du da gemacht hast. (lacht) Man muss aufpassen, dass man den Text nicht als Mittel sieht, um einen Song fertigzustellen, sondern wirklich vorsichtig ist, um ihm die verdiente Wertschätzung zu vermitteln.
Samitsch: Einen bestimmten Arbeitsmodus haben wir gar nicht. Es bleibt bei uns immer spannend. Pyramus und Thisbe kommunizierten durch ein Loch in die Wand. Wir halt durch Dropbox und Whatsapp, weil wir in Graz und Wien leben. (lacht)

Besteht nicht die Gefahr, dass die Texte zu verkopft und verschroben werden, wenn du zu lange an ihnen feilst?
Samitsch:
Das Verkopfte ist generell eine Krankheit von mir. Wenn ich mir über das auch noch Gedanken mache, würde ich in Depressionen verfallen. (lacht) Nur ein verschwindend geringer Anteil von Musikhörern hört auf den Text und live ist es sowieso immer schwerer, das Verständnis für die Texte zu evozieren. Mir reicht es eigentlich, wenn ich mich darüber freue. Wenn es fertig ist und ich kann es stehenlassen, weil es mir so passt, dann bin ich sehr happy und ausgeglichen. Im Nachhinein denkt man sich immer, dass etwas nicht perfekt ist, aber irgendwann muss man es lassen. Wie sehr muss ein Paul McCartney „Let It Be“ hassen, wenn er es seit fast 50 Jahren permanent spielt? Aber manchmal ist ein Text eben das, was er ist.

Live zu sehen sind Queen Leer das nächste Mal am 26. Juni im Vorprogramm von Wayne Graham im Wiener Fluc. Karten und alle weiteren Infos gibt es unter www.fluc.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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