Mi, 22. Mai 2019
30.04.2019 07:00

Album „Berserker“

Amon Amarth: Wikinger in den Mainstream-Charts

Nach dem überraschenden Nummer-eins-Konzeptalbum „Jomsviking“ und ausgiebigen Touren mussten die bienenfleißigen Metaller von Amon Amarth erst einmal wieder ihre Akkus laden. Mit dem elften Studiowerk „Berserker“ gehen Johan Hegg und Co. nun wieder in den Angriffsmodus über und setzen dabei nicht nur auf kompositorische Gediegenheit, sondern auch auf einen leichten Umbruch im Sound. Selbst überzeugen kann man sich davon am Nova Rock.

Konzeptalben im Metal sind eine gefährliche Sache. Das wissen nicht zuletzt die honorigen Herren von Judas Priest, die sich vor einigen Jahren mit ihrem ambitionierten Doppelwerk „Nostradamus“ zwar einen persönlichen Lebenstraum erfüllten, damit aber kommerziell als auch künstlerisch ziemlich baden gegangen sind. Wesentlich besser ausgestiegen sind vor mittlerweile gut drei Jahren die schwedischen Hobby-Wikinger Amon Amarth, deren „Jomsviking“ sich vollinhaltlich um eben jene legendäre Wikinger-Söldnertruppe drehte und damit in den österreichischen als auch deutschen Albumcharts an die Spitze raste. Wenn der Platz an der Chartsonne auch nur ein kurzes Vergnügen war, ist der dahinterstehende Erfolg noch immer beeindruckend. Sänger Johan Hegg bedient sich beim Gesang vornehmlich einer Growl-Technik und die in gediegenen Molltönen zelebrierten Songs sind zwar rhythmisch und eingängig, für die breite Masse aber gemeinhin doch mit etwas zu viel kompositorischer Brutalität ausgestattet.

Ausverkauf oder Weiterentwicklung
Dem Erfolg tat all dies freilich keinen Abbruch und das Quintett ist damit neben den Thrash-Metal-Größen Slayer, Megadeth und Kreator die härteste Metalband, die auf derartige Breitenwirksamkeit stößt. Freilich - für die Szeneinsider muss man das musikalische Handwerk der Schweden noch einmal unterteilen. Da wären nämlich jene, die seit mehr als 15 Jahren („Versus The World“, 2002) musikalische Redundanz verorten und der ausgeweiteten Catchyness der Amon-Amarth-Kompositionen keine Liebe mehr schenken mag. Fürwahr, angenehme Frische evozierendes Gerumpel der frühen Tage hört man den gereiften Bartträgern längst nicht mehr an, doch ohne den Mut zur Hymnen und zur vertonten Geradlinigkeit könnten sie auch niemals Erfolge in diesem Ausmaß feiern. Wie so oft beißt sich die Katze im Metal hier in den Schwanz. Ist das nun rückgratloser Ausverkauf oder eine kongruente Weiterentwicklung von gereiften Schwertschwingern? Die Wahrheit liegt - wie so oft - wohl irgendwo in der Mitte.

Nach einem Nummer-eins-Album, ausverkauften Touren quer über den Globus und opulenten Bühnenaufbauten mit einem Drachenschiff und atemberaubenden Pyroelementen war ein Reset notwendig. Erstmals flohen Amon Amarth für eine Albumproduktion aus dem tristen Alltag in der Heimat bzw. England (wo man mit Andy Sneap produzierte) und tauschte die Szenerie gegen die Sonne Kaliforniens. Mit Jay Ruston arbeitete man direkt am Glam-Rock-Epizentrum Sunset Strip an den Songs, in der Freizeit zogen sich die Musiker zur Entspannung in ein gemietetes Haus samt Swimming Pool zurück. Dass man in einer derart lebensbejahenden Hemisphäre ein Album namens „Berserker“ schreibt und darauf über den Angriff der Wikinger in Großbritannien singt, ist wohl der konzeptionellen Routine der Band geschuldet. Und ebenjene Routine durchzieht auch die einzelnen Songs, die dieses Mal keinem zusammenhängenden Konzept folgen, aber, so wie in den letzten 20 Jahren auch, wieder den barbarischen Nordmännern huldigt.

Mut zu mehr Klassik
Mit einer Wagenladung Testosteron in den Gitarren verschreiben sich Amon Amarth auf „Berserker“ nicht nur der tiefergeschraubten Harmonielehre der eigenen Vergangenheit, sondern experimentieren mehr als je zuvor mit möglichst viel Breitenwirksamkeit, ohne aber die eigenen Ideale aufzugeben. So gibt es nicht nur partiell Platz für Klargesangspassagen, die Frontmann Hegg schon länger ein wichtiges Anliegen waren, auch die Gitarrenarbeit des Duos Olavi Mikkonen und Johan Söderberg scheint sich durch den kalifornischen Sonneneinfluss verändert zu haben. Hinter dem Überbau „Melodic Death Metal“ ist der Mut zur klassischen Heavy-Gitarre ausgeprägter denn je und deutlich hörbare Einflüsse von Iron Maiden lassen sich vor allem in der zweiten Albumhälfte „When Once Again We Can Set Our Sails“ oder dem pathetischen „Wings Of Eagles“ verorten. Dass man keine Angst vor Geschunkel hat, bewies die Band auf „Jomsviking“ schon mit dem furchtbaren Methorn-Schwinger „Raise Your Horns“, im Gegensatz zur derartigen Peinlichkeiten sind die Riffkanonaden auf den neuen Songs aber zumindest von druckvoller Brillanz, auch wenn Songs wie „Raven’s Flight“ oder „Crack The Sky“ einer Kitschgrenze sehr nahekommen.

„Berserker“ ist musikalisch eine Weiterentwicklung, zumindest aber ein leichte Abkehr vom bisherigen Kurs hin Richtung traditionellerem Heavy Metal. Durch die thematische Ausrichtung werden Amon Amarth natürlich nicht ganz aus ihrer Ecke herauskommen, bemühen sich aber mit Kräften, den Rückenwind ihrer letztjährigen Erfolge zu nützen und ihre Musik möglichst noch weiter in die Breite tragen zu können. Das geht vielleicht zu Lasten der Credibility der alten Tage, aber das Festhalten an vorgefertigten Konzepten und stures auf-der-Stelle-treten hat bislang noch keiner Band entscheidend zum Karriereschub geholfen. Zwischen einer großen US-Tour mit Slayer und einer weiteren mit Arch Enemy sind Amon Amarth mit dem neuen Werk diesen Sommer auf zahlreichen europäischen Festivals zu sehen. So etwa auch Mitte Juni am Nova Rock, wofür es unter www.novarock.at noch Tickets gibt. Mit der großen Arenen-Tour und neuen Bühnensuperlativen ist hierzulande wohl Anfang 2020 zu rechnen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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