19.03.2019 09:00 |

Marie Kreutzer:

Filmreife Heimkehr für steirische Regisseurin

Die Grazer Regisseurin Marie Kreutzer zählt zu den besten Filmemachern Österreichs. Ihr neuer Film „Der Boden unter den Füßen“ feierte bei der „Berlinale“ eine umjubelte Welturaufführung - nun eröffnet Kreutzer damit das Filmfestival Diagonale: Die Regisseurin im Gespräch über ihre Karriere und eine filmreife Heimkehr.

„Krone“: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als sie sich zum ersten Mal gedacht haben: Ich will Filme machen?
Marie Kreutzer: Das mit dem Film ist mir passiert. Ich wollte Schriftstellerin werden und habe mich für „Drehbuch und Dramaturgie“ auf der Filmakademie beworben, weil ich kein anderes Studium finden konnte, in dem es ganz praktisch ums kreative Schreiben ging. Es war zuerst ein böses Erwachen, weil Drehbuchschreiben so ganz anders ist. Das visuelle Erzählen musste ich erst lernen. Aber als ich mal begonnen hatte, in Bildern zu schreiben, war mir sehr schnell klar, dass ich das auch selbst umsetzen will. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, ich habe auf diesen Beruf hingearbeitet, ohne es zu wissen.

Sie haben für „Die Vaterlosen“ 2012 den Großen Diagonale-Preis bekommen und mit „Der Boden unter den Füßen“ nun bei der Berlinale die Uraufführung gefeiert. Wie definieren Sie Erfolg?
Erfolg ist für mich, dass ich die Filme machen kann, die ich machen will, und ich davon leben kann. Das ist in der österreichischen Branche schon sehr viel. Festivals, Preise, Kritiken sind etwas anderes, sagen wir: Anerkennung. Nach der kann man schnell süchtig werden, aber um die geht es eigentlich nicht. Ich will einfach in diesem Medium Geschichten erzählen und Menschen damit bewegen.

In „Der Boden unter den Füßen“ wird eine Unternehmensberaterin aus dem Alltag gerissen, als ihre Schwester einen Selbstmordversuch begeht. Wie kam es zu der Idee?
Meine Tante war schizophren, wie die Figur, die Pia Hierzegger in meinem Film spielt. Ich würde sagen, sie war der Ursprung des Projektes. Und eine Phase in meinen Zwanzigern, in der sie mehr von mir wollte, als ich zu geben bereit war, weil ich mit meinem Leben und meiner Arbeit beschäftigt war. Wofür ich mich schuldig gefühlt habe. Mich hat die Frage angetrieben, was die „richtigen“ Prioritäten sind und ob wir den Menschen, die uns brauchen, etwas schulden. Und wie viel auch die Angst davor, selbst so eine Krankheit zu bekommen, zu einer Flucht vor einem psychisch kranken Menschen führt.

Sie haben den Film ganz „altmodisch“ auf 35 mm gedreht. Warum?
Weil ich mich mit dem digitalen Drehen nicht anfreunden kann und gern ausschließlich analog drehen würde, was leider nicht immer möglich ist. Das sind künstlerische Entscheidungen. Einem Maler schlägt man ja auch nicht vor, auf dem iPad zu malen statt mit Öl auf einer Leinwand.

Sie sind seit zwanzig Jahren im Filmgeschäft. Hat sich in der Zeit für weibliche Filmemacher viel verändert?
Verändert hat sich, dass ich das in jedem Interview gefragt werde, meine männlichen Kollegen aber leider nie. Was die Frage auch irgendwie beantwortet, oder? Gleichberechtigung geht uns alle an. Und wir sind noch sehr weit davon entfernt.

Der Film wird die Diagonale eröffnen, was bedeutet Ihnen diese Österreich-Premiere in der Heimatstadt?
Alles! Zum Glück ist der Film schon „auf der Welt“, er hat schon so einen fulminanten Geburtsort mit der Berlinale, dass ich nicht nervös bin, sondern mich auf den Abend nur mehr freue. Es ist ein Nachhausekommen, auf mehreren Ebenen. Und es ist immer am schönsten, wenn man zu Hause Anerkennung bekommt.

Was kommt als nächstes?
Ich schreibe an einem Landkrimi, an einer Komödie über drei Paare in der Midlife-Crisis, an einem Drehbuch über Kaiserin Elisabeths Kampf gegen das Alter und an einem spannenden Projekt über eine politisch engagierte Journalistin, das deswegen besonders ist, weil wir vier Autorinnen und drei Regisseurinnen sind, die diesen Film zusammen machen wollen. Man ist in dem Beruf nämlich auch oft sehr allein.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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