11.11.2018 07:00 |

Buch-Rezension

Rave On: Hinter den Kulissen der Electro-Szene

Eat, Sleep, Rave, Repeat - frei nach dem Song von Fatboy Slim leben Fans der elektronischen Musik über den Globus verstreut. Szenekenner Matthew Collin beleuchtet in seinem gelungenen Buch „Rave On - Eine globale Reise durch die Electronic Dance Music“ nicht nur die wichtigsten Orte, sondern auch Menschen, DJs, Fans und Drogen, die mit dem Grundthema verknüpft sind. Ein profundes Werk, das auch nicht vor kritischen Tönen zur Szene-Kommerzialisierung zurückschreckt.

EDM, Goa, House, Psytrance, Acid House, Techno. Über die Jahrzehnte entwickelte sich weltweit eine bass- und beatlastige Szene mit zahlreichen Subkulturen, die längst nicht nur zur Party und bloßen Beschallung dient, sondern immer wieder sozial- oder kapitalismuskritische Positionen einnimmt. Oder in anderen Worten gesagt - die Technoszene ist natürlich hedonistisch, aber nicht nur! Eine fast 400-seitige Reise durch die verschiedenen Genres bietet nun der britische Journalist und Experte Matthew Collin in seinem Buch „Rave On - Eine globale Reise durch die Electronic Dance Music“. Der passionierte Fan und Experte schreibt nicht nur für den „Guardian“, das „Mix Mag“ oder war für die BBC tätigt, sondern hat 1997 mit John Godfrey bereits die Dance-Szenebibel „Altered State - Im Rausch der Sinne“ auf den Markt gebracht.

Um die Welt raven
In seinem neuen, aufwändig recherchierten Werk beleuchtet Collin Ursprünge, Wesen und Zukunftsaussichten der globalen Techno-Szene und reist dabei von Chicago über Berlin, Südafrika, Ibiza und Shanghai bis hin nach New York und San Francisco. Das Besondere dabei - der Brite hat sich nicht nur in diverse Sekundärliteratur vergraben, sondern all die Plätze, Partytempel und Hedonismushütten in Jetsetter-Manier selbst besucht und dabei unzählige Interviews mit diversen Protagonisten der elektronischen Musikwelt geführt. So spannt der Autor seine Reise von der House-Kultur in Chicago über den weltweit vielleicht spannendsten Technotempel Berghain in Berlin über die Kommerzialisierung Ibizas bis hin zum Erwachen einer völlig neuen und gegen die rassistische Alltäglichkeit kämpfende DJ-Subkultur im immer noch von der Apartheid paralysierten Südafrika.

In „Altered States“ betrachte Collin die aufstrebende Rave-Szene und die damit einhergehende Wiederauferstehung von Hippie-Kultur, Gemeinschaftsdenken und anarchistischer Lebensqualität. In „Rave On“ sieht er die Szene nun mit etwa 20 Jahren Verspätung und vergleicht den damaligen Stand mit dem heutigen, der sich wesentlich stärker mit der Kapitalisierung der Welt befassen muss. So spricht der Autor deutlich an, wie die leeren Räume in Berlin nach dem Mauerfall zuerst zu wahren Technopalästen wurden, dann aber ebenso von der Gentrifizierung vernichtet wurden wie die vielen Underground-Clubs in New York, die der einstige Bürgermeister Rudy Giuliani mit beachtlicher Geschwindigkeit schließen ließ. Doch wo Repressalien, dort auch aufkeimende Bewegungen. So thront der Berghain mit seinem weltbekannten Türsteher Sven Marquardt als unumstößliche Instanz für Partygänger aus ganz Europa, entwickelt sich in Brooklyn eine queere House-Szene und kämpfen diverse Klubs in Ibiza gegen den EDM-Totalausverkauf. Auch von illegalen Rave-Partys in österreichischen Lichtungen wird berichtet.

Die wahren Helden
Collin legt viel Wert darauf, die gesamte Electro-Szene nicht heilig zu sprechen, sondern einen möglichst kritischen Zugang dazu zu finden. So behandelt er sehr detailliert die Kommerzialisierung des DJings durch das Aufkommen von EDM-Stars wie David Guetta, Skrillex oder Steve Aoki, die auf der Bühne nur mehr oberflächlich an ihren Knöpfen drücken, die Turntables aber bereits mit vorgefütterten USB-Sticks füttern und somit den Improvisationsgedanken ad absurdum führen. Vor allem der Personenkult der aktuell so großen EDM-Stars wird kritisch hinterfragt, während selbst berühmte DJs wie Paul Oakenfold, Frankie Knuckles oder Sven Väth früher in erster Linie Dienstleister und nicht selbst Heroen für eine Generation Partywütiger waren. Collin ist es ein Anliegen, die wahren Innovatoren und Erschaffer diverser Substile ins verdiente Rampenlicht zu rücken, das allzu oft von abgefeierten Trittbrettfahrern eingenommen wird.

„Alles was seit 1987 an elektronischer Tanzmusik veröffentlicht wurde, folgt der Blaupause der Originale“, erzählt Collin der „Taz“ in einem Interview. Wie skurril sich die Szenen in den diversen Ländern mittlerweile unterscheiden, skizziert Collin anhand der Beispiele Dubai und Las Vegas. In den künstlich erschaffenen, mondän leuchtenden Städten werden Besucher nach Klassen eingeteilt, können sich für mehrere Tausend Dollar mit edlem Champagner vor Aoki setzen und werden per Rampensystem über den Rest der Anwesenden erhoben, während der gemeine Fan meist schon an der Eingangstür abgewiesen wird. „Der Dancefloor bleibt in vielen Bereichen den Reichen reserviert. Die Nighlife-Industrie macht derzeit jährlich etwa sechs Milliarden Euro Umsatz. Kein Normalraver kann nachvollziehen, warum DJs derzeit nonstop um die Welt fliegen und pro Engagement 350.000 Dollar einstreifen.“

Opulente Zusammenfassung
Dass Raver zu sein durchaus gefährlich sein kann, wird ebenso beeindruckend skizziert. Etwa wenn in der israelischen Partymetropole Tel Aviv Juden und Araber gemeinsam auf den Dancefloors feiern, das aber von den staatlichen Überwachungseinrichtungen nicht gerne gesehen wird, oder sich LGBT-Menschen im konservativen Georgien mit viel Mühe eine eigene Szene erschaffen haben. Man kommt leider nicht umhin zu erkennen, dass Collin die generelle Drogenproblematik und den konstanten Konsum von Ecstasy, MDMA und Co. nicht nur verharmlost, sondern in diversen Kapiteln fast schon zu glorifizieren scheint. Wer sich daran nicht stößt und einen wirklich profunden Blick auf die kunterbunte Welt der elektronischen Musik erhaschen will, der investiert seine paar Euro hier genau richtig. Eine bessere Zusammenfassung über die Rave-Welt ist derzeit kaum zu finden.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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