Mi, 15. August 2018

Fachkräftemangel

23.06.2018 06:00

Überstunden: Warum wir jetzt mehr arbeiten müssen

Die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden sinkt, ebenso der Anteil an Österreichern, die Überstunden leisten. Hochkonjunktur und Fachkräftemangel könnten das ändern.

Wir arbeiten heute um über drei Stunden weniger als vor zehn Jahren, sagt die Statistik Austria. Waren es 2007 im Durchschnitt 33,9 Stunden pro Woche, kamen Arbeitnehmer 2017 auf 30,3 Stunden. Bereinigt man die Zahlen um Geringfügig- und Teilzeitbeschäftigte, bleibt für Vollzeit-Arbeitnehmer eine Verkürzung von 2,6 auf 36,7 Stunden. Der Vollständigkeit halber: Die europäische Eurostat-Erhebung bei Vollzeit-Beschäftigten spricht von 41,2 Stunden Durchschnittsarbeitszeit.

Auch die Zahl derer, die Überstunden leisten, ist gesunken: Vor zehn Jahren, im Jahr vor der Krise, brummte der Wirtschaftsmotor so stark wie lange nicht - und ein Viertel der Österreicher saß länger im Büro. Heute ist es weniger als ein Fünftel. „In der Hochkunjunktur steigen die Überstunden“, sagt Wirtschaftsforscher Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS).

Experte glaubt an Trendumkehr bei Mehrarbeit
Zehn Jahre später sind die Auftragsbücher wieder prall gefüllt - aber dennoch sanken die Überstunden zuletzt. „Ich glaube nicht, dass sich dieser Trend heuer fortsetzt“, erwartet Hofer wieder einen Anstieg. Viel Mehrarbeit, so der Experte, würde in der Industrie geleistet - und der fehlt es an qualifizierten Mitarbeitern. „Wenn weniger Menschen mehr arbeiten müssen, ist das ein Zeichen für den Fachkräftemangel - für die Arbeitgeber ist Mehrarbeit eine teure Lösung.“

Keine „Zuckerln“ vom Arbeitgeber mehr bei Überstunden nötig
Gesetzlich vorgeschriebene Zuschläge erhöhen nämlich die Löhne, hinzu kommen Betriebsvereinbarungen. Sie sind derzeit in Unternehmen mit Betriebsräten rechtlich vorgeschrieben, wenn Mitarbeiter - etwa bei kurzfristigen Aufträgen - über das gesetzliche Maß hinaus arbeiten. In solchen Vereinbarungen werden zusätzliche freie Tage oder finanzielle „Zuckerln“ für die Mitarbeiter festgehalten. Im aktuellen Gesetzesentwurf zur Arbeitszeitflexibilisierung fällt das weg.

Stichwort Lohn: Rund ein Fünftel der Überstunden wird laut Statistik Austria nicht bezahlt. Frauen leisten sogar ein Viertel ihrer Mehrarbeit ohne Entgelt. In Zahlen bedeutet das: Österreichs Arbeitnehmer verzichten auf 45 Millionen Stunden und damit - laut Arbeiterkammer - eine Milliarde Euro. Eine Studie der Uni Wien von 2016 kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die regelmäßig länger arbeiten, seltener jede Stunde korrekt bezahlt bekommen. Das gilt etwa für Führungskräfte. Arbeiter und Arbeiterinnen werden hingegen meist korrekt bezahlt.

Das liegt mitunter daran, dass besser Qualifizierte ihre Überstunden oft mit Pauschalen geregelt haben. „Das macht Sinn, weil wir eine Verschiebung hin zum ,selbstständigen Mitarbeiter’ erleben und das Überstundenmodell sich eher am traditionellen Fließband orientiert“, sagt Wirtschaftsforscher Helmut Hofer. 2017 hatten 541.000 Österreicher so eine Pauschale, 15 Prozent aller Arbeitnehmer. Hinzu kommt die Dunkelziffer jener Arbeitnehmer, die - gezwungen oder aus Nachlässigkeit - keine oder ungenaue Aufzeichnungen führen.

Teresa-Antonia Spari, Kronenzeitung

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