Di, 13. November 2018

In der Stadthalle Wien

19.06.2018 01:02

Arcade Fire: Buntes Glitzern in der Indie-Disco

„Wenn ich irgendwo auf der Welt österreichischen Wein auf der Karte sehe, dann bestelle ich keinen anderen“, erzählt uns Arcade-Fire-Gitarrist Richard Reed Parry vor seinem Auftritt in der Wiener Stadthalle. Ähnlich wie Wein reift auch die kanadische Band würdevoll und kräftig. Das sehen Montagabend zwar nur knapp 6000 Fans, die werden aber Zeuge einer fulminanten Liveshow.

Mit einer 360-Grad-Bühne, die einem Boxring nachempfunden und in der Hallenmitte platziert ist, tourten die kanadischen Indie-Helden Arcade Fire im Frühling durch Europa. Nach einer kurzen Verschnaufpause ist die Kultband unter dem Banner „Everything Now Tour“ für weitere Gigs etwas schaumgebremster unterwegs. Auch wenn das Intro selbstbewusst pompös ausfällt. Mit 2100 Pfund Lebendgewicht, zahlreichen Grammy-Auszeichnungen und einer verpassten Oscar-Chance kündigt eine deutschsprachige Stimme aus dem Off die Band an und lässt mit Zusätzen wie „Könige des Pop“ oder „Fürsten des Indie“ keine Zweifel ob deren Stellung aufkommen. Wie Boxer schreiten Win Butler und Co. an den ersten Zuschauerreihen vorbei Richtung Bühne, klatschen mit Fans ab, motivieren sich und erheben ihre Instrumente, um unter einer wuchtigen Klanggewalt „Everything Now“ anzutönen. Jenen Song, der mit seiner ABBA-Melodie und dem tanzbaren Rhythmus letztes Jahr den Weg in die Masse geebnet hat.

Pomp mit Botschaft
„Das war die erste Nummer von uns, die es überhaupt ins Formatradio schaffte“, erzählt uns Gitarrist Richard Reed Parry vor dem Konzert im Interview, „unsere Hits fanden bis dorthin in einer bestimmten Community statt, aber damit sind wir im Mainstream angekommen. Es gibt jetzt offenbar wieder 14-Jährige, die sich für uns interessieren.“ Eine Arcade-Fire-Show ist mehr als schnödes Entertainment. Sie oszilliert zwischen visuellem Bombast, herzhafter Sozialkritik und politischen Spitzen. Wer aus dem Indie-Underground kommt und per se einmal gegen „die da oben“ gekämpft hat, der verliert diese Mentalität im besten Fall auch bei aufsteigender Karriere nicht. Das aktuelle Album ist ein einziger Ritt durch die Probleme der Gegenwart, eine übersättigte Jugendgeneration und das Ausbleiben von zwischenmenschlicher Empathie. Dort, wo die richtig großen Formatradiopopstars auslassen und schweigen, drücken Arcade Fire ihre Finger in die Wunden.

„Wir sind selbst überrascht, wie oft sich die Geschichte wiederholt“, sagt Will Butler, hauptsächlich zuständig für die Synthesizer, „sogar Songs unseres elf Jahre alten Albums ,Neon Bible‘ transportieren ein aktuelles Gefühl der Apokalypse und der Regentschaft von Donald Trump. Jedes Album ist prinzipiell tief in der Entstehungszeit verwurzelt, aber manchmal scheint sich alles im Kreis zu drehen.“ Es ist schade, dass diese kritischen Töne bei einer Arcade-Fire-Show im Glanz des Sichtbaren untergehen. Auf dem Entertainment-Sektor kann ihnen keiner etwas vormachen - die zwei opulenten Videowalls thronen über der Bühne, dazu wechseln die Multiinstrumentalisten regelmäßig ihre Werkzeuge, schillern mit glitzernden Kostümen und schießen einen Hit nach dem anderen in den mit 6000 Zusehern leider sehr schwach besuchten Stadthallen-Orbit. Da vermischt sich sanft Altes wie „No Cars Go“ mit poppig Neuem der Marke „Put Your Money On Me“, ohne dabei die Richtung zu verlieren

Familie und Blutsverwandtschaft
Régine Chassagne verzaubert das Publikum mit exaltierten Tänzen und einer feinen Stimmbrillanz, die irgendwo zwischen Deborah Harry von Blondie und den weiblichen ABBA-Gesängen liegt. Win Butler hält die Rasselbande am besten am Piano zusammen, changiert geschickt zwischen hart und zart, ohne auf den treibenden Rhythmus zu vergessen. Der Rest der Band wirkt wie eine in sich geschlossene, musizierende Kommune. Quasi eine Kelly Family ohne Blutsverwandtschaft, dafür mit mehr Biss und geschicktem Songwriting. Arcade Fire haben den Sprung in die nächsthöhere Ebene geschafft, ohne zu stark an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Eine komfortable Position, von dessen Thron aus es sich sehr gut in der Indie-Welt regieren lässt. Wäre da nicht die ewige Suche nach klanglicher Perfektion und eine gewisse Form von Unsicherheit, wie Parry einräumt.

„Für mich gibt es immer eine unheimlich große Kluft zwischen Kunst und Entertainment. Ersteres willst du als Musiker erschaffen. Möglichst so, dass es gut klingt, aber trotzdem deinen kreativen Geist befriedigt. Zweiteres erwarten sich deine Fans, weil manche Songs sie im Leben begleiten oder ihr Leben sogar mitgeprägt haben. Es ist ein ewiger Kampf zwischen zwei Polen, der befruchtend, aber auch zermürbend sein kann.“ In Wien finden sich beide Seiten in der Mitte, auch wenn es vor allem im Mittelteil des Sets etwas sehr lange dauert, bis das Gros der Anwesenden auf Betriebstemperatur kommt. Butler, Chassagne und Co. mühen sich aber unentwegt und unaufhaltsam ab, schwitzen aus allen Poren und legen eine mit viel Enthusiasmus begleitete Rock’n’Roll-Show hin, ohne selbst den Begriff des Rock’n’Roll für sich selbst zu okkupieren.

Eigene Liga
Als Chassagne „Sprawl II“ intoniert, glitzert die Discokugel in der Hallenmitte noch heller als sonst. Von da an kennt die Party keine Grenzen mehr. Win und Regine durchschreiten die Halle zu einer Minibühne auf der gegenüberliegenden Seite, während Will bei „Rebellion (Lies)“, dem zweifellos eindringlichsten Song einer an Top-Songs nicht armen Liste, mit einem spontanen Energieanfall durch die „Front Of Stage“-Reihen eilt. Zwei Stunden Ekstase später wird es langsam Zeit, sich von einem glanzvollen Showabend zu trennen. Dass Arcade Fire live nichts von ihrer Magie und Stärke der frühen Tage verloren haben, mag auch für jene tröstlich sein, die den Pop im modernen Songkatalog nicht zwingend gutheißen. „Wenn es um die Musik geht, sind wir heute eine wesentlich bessere Band als je zuvor“, sagt uns Parry bestimmt und überzeugt. Man will es ihm glauben und ihm vertrauen. Arcade Fire spielen schließlich noch immer in ihrer eigenen Liga.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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