Mo, 20. August 2018

Die Mercosur-Serie

11.05.2018 06:00

Der tägliche Kampf der Bauern ums Überleben

In Europa formiert sich eine Bauern-Lobby gegen den Mercosur-Pakt: Viele können mit den Dumpingpreisen der südamerikanischen Rinderbarone nicht mithalten. Wie es unseren Landwirten geht - die „Krone“ fragte nach.

„Bauer zu sein wird immer schwieriger. Der Klimawandel setzt uns zu - ganz zu schweigen von Marktzwängen und den strengen Auflagen aus Brüssel“, weiß der Land- und Forstwirt Franz Fischer aus dem Waldviertler Zemmendorf in Niederösterreich. Seit Jahrzehnten bestellt er die Äcker seiner Vorfahren.

Er ist einer von vielen, die den Handelspakt zwischen EU und dem Mercosur kritisch verfolgen. Der Deal: gelockerte Kontrollstandards bei Lebensmittelimporten aus Südamerika, dafür mehr Autoexporte. Soll heißen: Billigfleisch gegen EU-Autoflotte, Soja-Futter und Ethanol gegen europäische Produkte. Fast zollfrei, anstatt bis zu 30 Prozent Aufschlag. 100.000 Tonnen zollfreies Rindfleisch sind im Gespräch.

Dabei kämpfen heimische Landwirte schon jetzt mit der ausländischen Konkurrenz, für die, wie es scheint, andere Regeln gelten. „Während wir uns überzogenen Gesetzesauflagen unterwerfen, spielt es bei Importen - zum Beispiel bei Butter oder Käse - keine Rolle, wenn Hormone und Gentechnik bei der Fütterung eingesetzt werden“, prangert der Bauernrebell Leo Steinbichler an.

Massentierhaltung versus Almbetrieb
Fragwürdig: Ein rot-weiß-rotes Unternehmen liefert jährlich Zehntausende Hormonchips an brasilianische Rinderbarone. „Diese ,Biochemie’ wird dort Kälbern eingepflanzt, damit sie zu Monster-Fleischbergen heranwachsen. Genau solches Fleisch soll künftig zu Dumpingpreisen nach Europa kommen. Dass hier ein Bauer mit seinen paar Almkühen nicht mithalten kann, ist klar“, so der Agrarexperte Wilfried Oschischnig.

Wie schwer es Landwirte haben, zeigt auch ein Blick auf die Kilopreise für Milch. Sie sind auf bis zu 31 Cent heruntergerasselt. Die Erlöse decken aber nur zu 70 Prozent die Produktionskosten. Nötig wäre ein Mindestlohn von 40 Cent.

Arche-Hof-Bauer Thomas Strubreiter aus Oberscheffau (Salzburg):
„Unser großes Glück ist, dass wir mit unseren seltenen Haustierrassen auf den Arche-Höfen nicht austauschbar sind. So gesehen wäre die Zucht dieses Viehs eine echte Chance für Österreichs Bergbauern. Überhaupt gewinnt der Begriff Heimat in Zeiten, in denen viele Menschen flüchten müssen, immer mehr Bedeutung.“

Herbert Kammerhofer, Milchbauer aus Aflenz (Steiermark):
„Mercosur wird unsere Branche zwar weniger betreffen, der Milchpreis geht aber auch so derzeit massiv den Bach hinunter. Mittelfristig ist leider keine Besserung in Sicht. Ich selbst habe nur 15 Kühe. Die Agrarpolitik wünscht sich große und hochverschuldete Landwirtschaftsbetriebe, die sind leichter steuer- und manipulierbar.“

Bio-Landwirt Simon Vetter aus Lustenau in Vorarlberg:
„Wir sind ein bäuerlicher Familienbetrieb und haben einen florierenden Ab-Hof-Verkauf von Gemüse und Fleisch mit treuen Kunden. Wir punkten mit wertvollen Produkten aus der Natur. Daher fürchte ich die Konkurrenz nicht. Wettbewerb ist nichts Schlechtes, nur muss er mit gleichen Lanzen ausgetragen werden.“

Christine Saahs, Demeter-Winzerin aus Mautern (Niederösterreich):
„Qualität und fairer Anbau stehen für mich als Winzerin an oberster Stelle. Die Gier und Brutalität, mit der landwirtschaftliche Güter auf Kosten der Natur in Massen produziert werden, sind uns ein Dorn im Auge. Der Raubbau an der Natur wird durch solche Freihandelsabkommen von der EU gefördert.“

Zitrusfrüchte-Biobauer Michi Ceron aus Faak am See (Kärnten):
„Ziel einer gesunden Landwirtschaft kann nur bedeuten, ohne Pestizide wie im Mercosur auszukommen. Als Kärntner Öko-Bauer sehe ich täglich, wie Nahrung entsteht. Das ist mein Leben und bedeutet für mich Natur pur. Ich bin europaweit der einzige zertifizierte Bio-Zitronenbauer mit 280 verschiedenen Sorten.“

Paradeiser-Legende Erich Stekovics aus Frauenkirchen (Burgenland):
„Die EU und offenbar viele unserer Politiker wollen nicht begreifen, dass Freihandelsabkommen wie CETA und Mercosur der Ruin für die klein strukturierte Landwirtschaft in Österreich sind. Die alten Gemüse- und Obstsorten sind in akuter Gefahr, von der Gentechnik verschluckt zu werden.“

Schafbauer Hannes Fitsch aus Nassereith in Tirol:
„Gegen Billigimporte, wie sie jetzt mit Mercosur aus südamerikanischer Massentierhaltung drohen, sind wir kleinen Tiroler Bergbauern chancenlos. Denn wir haben auch wegen der strengen Tierschutzstandards, die wir gerne aus Respekt vor allem Lebenden einhalten, hohe Kosten bei der Erzeugung.“

Bäcker und Bauer vom Mauracherhof in Pogendorf (Oberösterreich):
„Da wird ganz klar die industrielle Landwirtschaft großer Agrarkonzerne gefördert. Die Vielfalt der alten, wertvollen Sorten, wie sie unsere Vorfahren zu schätzen wussten, kommt bei Mercosur sicherlich gänzlich unter die Räder. Unsere Landwirte bauen beispielsweise noch das rare ,Ebners Rotkorn’ an.“

Daten und Fakten

  • In Österreich werden Landwirtschaftsflächen in der Größe von 619.380 Hektar biologisch bewirtschaftet. 228.605 Hektar entfallen auf Äcker, 380.473 Hektar auf Grünflächen und Almen.
  • Der Anteil der Biohöfe von den gesamten landwirtschaftlichen Betrieben (162.018) beläuft sich derzeit mit 23.117 bereits auf 20 Prozent, wobei bereits mehr als 22 Prozent der agrarisch genutzten Flächen biologisch bewirtschaftet werden.
  • 100.000 Tonnen Rindfleisch sollen zollfrei von Südamerika in die EU wandern. Die Mercosur-Staaten fordern sogar ein Kontingent von 200.000 Tonnen Rindfleisch. Die 60.000 heimischen Rinderbauern produzieren etwas mehr als 220.000 Tonnen Fleisch.

A. Halouska, M. Perry, R. Loy, J. Traby und M. Pichler, Kronen Zeitung

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