Do, 18. Oktober 2018

„Krone“-Interview

28.12.2017 05:59

Sagen Sie weiterhin, was Sie denken, Frau Kneissl?

Die neue Außenministerin Karin Kneissl (52) spricht mit Conny Bischofberger über Bruno Kreisky und Heinz-Christian Strache, Diplomatie und Testosteron und ihre Boxerhunde Winston (Churchill) und Jacky (Kennedy).

Zweimal muss der „Krone“-Termin am Mittwoch nach hinten verschoben werden, weil so viele ausländische Kollegen anrufen (bisher schon mehr als 20). Aber kurz nach 13 Uhr steckt Karin Kneissl dann ihren Kopf aus der imperialen Tür ihres Büros und ruft freundlich „Hallo!“. Die neue Außenministerin entschuldigt sich, dass noch nichts eingerichtet und die Wände noch leer sind. „Das Stehpult, das sicherlich modern und funktional sein mag, musste sofort weg. Ich brauch einen anständigen Schreibtisch.“ Der steht jetzt ein wenig verloren im großen Raum, den Sebastian Kurz früher mit einem schwarz-weißen New-York-Poster geschmückt hatte. „Man soll einmal sehen, dass hier das Büro der neuen österreichischen Außenministerin ist“, findet Kneissl, die ein trachtiges orangefarbenes Sakko trägt. Ihr schweben Webteppiche der Wiener Werkstätten, vielleicht Leihgaben vor, und natürlich österreichische zeitgenössische Kunst. Dreimal läutet während des Interviews ihr Handy, der Klingelton ist das Geräusch einer Dampflok.

„Krone“: Frau Kneissl, Sie haben in den 90er-Jahren im Kabinett des damaligen Außenministers Alois Mock gearbeitet. Als seine Nachfolgerin zurückzukommen, war das für Sie wie eine Heimkehr?
Karin Kneissl: Ja. Ich hatte nach meiner Ansprache tatsächlich einen kleinen Knödel im Hals. Ich war die Allerletzte, die damit gerechnet hätte, dass ich in so einer Funktion zurückkehren würde.

Wieso war es Ihnen damals so wichtig, sich selbstständig zu machen?
Ein ehemaliger Kollege hat gemeint: „Du wirst schon sehen, wo du noch enden wirst.“ Man hat mich als „gefallenes Mädchen“ behandelt, das die Familie verlässt. Das Außenministerium versteht sich ja in seiner ministeriellen „Corporate Identity“ anders als die anderen Ministerien, weil das ganze persönliche Umfeld der Mitarbeiter, durch die Rotation, durch die Auslandseinsätze, auch viel stärker einfließt. Ich hatte damals um eine Karenzierung gebeten, weil ich für ein, zwei Jahre ins universitäre Leben zurückwollte. Mir hatte einfach ein bisschen die intellektuelle Herausforderung gefehlt. Man hat mir diese Karenzierung damals nicht genehmigt, worauf ich gesagt habe: Na gut, dann kündige ich! Das war damals ein Novum.

Gibt es den hochrangigen Beamten noch?
Nicht mehr, der ist mittlerweile in Pension.

Meine geistige Freiheit geht mir über alles.“ So haben Sie argumentiert, wieso Sie ein Angebot der FPÖ, als Präsidentschaftskandidatin ins Rennen zu gehen, abgelehnt haben. Warum sind Sie jetzt Außenministerin auf einem blauen Ticket geworden?
Weil das ein großer Unterschied ist. Heinz Christian Strache hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Außenministerium als Unabhängige zu übernehmen. Meine geistige Freiheit werde ich mir auch im Korsett der Realpolitik bewahren. Es ist immer die Frage, wo man das Korsett leicht aufschnürt, damit es nicht mehr so zwickt (lacht).

Fühlen Sie sich von der FPÖ vereinnahmt?
Überhaupt nicht. Ich bin Ministerin der Republik, aber gut, die FPÖ hat mich eingeladen. Das mag manchen in die falsche Kehle rutschen, aber ich kann nicht nächsten Monat wieder Vorträge halten und sagen, was die Regierung alles tun und machen sollte. Ich betrachte es als eine Pflicht, bei einer solchen Einladung im Dienste unseres Landes zu arbeiten. Ich sehe mich da in der Tradition der Außenminister unter Bruno Kreisky, die alle parteilos waren.  Die Inhalte müssen zählen.

Sie haben sich aber nicht sofort entschieden, sondern drei schlaflose Nächte verbracht. Warum so viele?
Ich musste doch vieles in meinem Kopf ordnen, Verschiedenes abwägen. Da kommt eine große Verantwortung auf einen zu, die alles durcheinanderwirbelt.

Ist es ein Höhepunkt Ihrer Karriere?
Ich persönlich habe mit dem Wort „Karriere“ ein kleines Problem. „Karriere“ kommt ja von „currere“ – laufen, sich abhetzen. Auf Französisch heißt „carrière“ der Steinbruch, wo man sich abrackert. Wir haben im Deutschen das wunderbare Wort „Beruf“. Ich sehe es als eine neue berufliche Phase, in der ich diesem inneren Ruf, um den ich in diesen drei schlaflosen Nächten sicherlich gerungen habe, folge. Viele haben mir gratuliert zum „neuen Job“, aber da reagiere ich sofort mit Widerspruch.

Warum?
Es ist kein Job, es ist eine Riesenaufgabe, ein diplomatischer Dienst, ein Regierungsamt.

Dass die FPÖ auf Sie aufmerksam geworden ist, verdanken Sie unter anderem kritischen Äußerungen zu Flüchtlingen. Angela Merkel habe „grob fahrlässig gehandelt“, die jungen Männer, die zu uns gekommen sind, seien „testosterongesteuert“. Würden Sie das noch einmal sagen?
Ich habe dazu sogar ein Buch geschrieben. Titel: „Testosteron, Macht, Politik“. Das Zitat aus der „Krone bunt“ möchte ich in dem größeren Zusammenhang dargestellt haben. Ich habe in meinem Artikel darauf hingewiesen, dass 80 Prozent der jungen Migranten, die zwischen Sommer und Winter 2015 gekommen sind, zwischen 18 und 30 Jahre alt waren. Dass eben nicht die große Mehrheit weibliche Flüchtlinge und Kinder waren, wie ich es beispielsweise während des Bosnienkrieges erlebt habe.

Die Caritas sagt, es seien viel weniger.
Ich spreche vom Herbst 2015 und da waren es laut Statistiken des Innenministeriums 80 Prozent. Die Statistik des Jahres 2016 habe ich auch noch im Kopf, weil ich dazu auch Vorträge gehalten habe, da waren es 67 Prozent. Die aktuelle Statistik entzieht sich meiner Kenntnis.

Wie war das mit dem Testosteron gemeint?
In dieser Altersgruppe wollen sich junge Männer einen gesellschaftlichen Status verschaffen. Testosteron hat ja nichts mit Aggressivität zu tun, sondern ich habe in meinem Buch – das übrigens auf der Shortlist „Sachbuch des Jahres“ stand, es kommt jetzt die zweite Auflage – darauf hingewiesen, dass zu allen Zeiten der Geschichte, egal in welchem geografischen historischen Zusammenhang, junge Männer zwischen 18 und 30 diejenigen sind, die auf Statussuche sind. Ich beziehe mich da auf die Endokrinologie, also die Hormonforschung. Ich habe auch viele Hintergrundgespräche mit Hormonforschern geführt, die bestätigen, dass es zu allen Zeiten so war, dass das zu politischen Umbrüchen führen konnte. Wer hat 1848 die Revolutionen vom Zaune gebrochen? Es waren junge, arbeitslose, teilweise gut gebildete, zornige Männer.

Dürfen Sie als Außenministerin der Republik Österreich weiterhin sagen, was Sie denken?
Ich werde es versuchen, so gut ich eben kann.

Den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker nannten Sie einen „Brüsseler Cäsar“ und „Zyniker der Macht“. Werden Sie sich entschuldigen?
Ich habe das in einem Text geschrieben, der eine unmittelbare Reaktion auf die Europaparlamentssitzung zum Brexit war, wo Juncker mit ziemlich starken Geschützen aufgefahren ist. Man muss unterscheiden, was Politiker in der Opposition sagen und was sie in der Regierung sagen. Bei mir muss man unterscheiden, was ich als Publizistin oder Analystin gesagt habe und was ich als Außenministerin sage. Das sind unterschiedliche Rollen.

Den Papst haben Sie als „gefährlich naiv“ kritisiert ...
Ich stehe zu all dem. Denn was hat der Papst damals gesagt? Warum habe ich diesen Text geschrieben? Der Papst hat die Flüchtlingslage mit Konzentrationslagern verglichen und das war meine Reaktion auf diesen Text.

Sie sind eine ausgewiesene Nahostexpertin, haben Ihre Kindheit in Jordanien verbracht, auch in Jerusalem gelebt, trotzdem hat Israel jetzt angekündigt, Sie als Außenministerin nicht zu empfangen. War das ein Schock für Sie?
Nein, das war kein Schock.

Wäre es ein Drama, wenn Sie nicht nach Israel reisen könnten?
Ich denke jetzt noch nicht so weit voraus. Ich habe von drei hochrangigen israelischen Diplomaten persönliche Anrufe bekommen. Sie haben mir zu meiner Ernennung gratuliert. Also auf persönlich-professioneller Ebene gibt es sehr wohl Kontakte. Wie sich das Ganze in den nächsten fünf Jahren der Legislaturperiode entwickeln wird, werden wir sehen. Das ist eine innerisraelische Angelegenheit, in die ich mich nicht einzumischen habe.

Heinz-Christian Strache hat Sie als „weiblichen Kreisky“ bezeichnet. Was haben Sie mit ihm gemeinsam außer zwei Boxerhunde?
Ich habe Bruno Kreisky im Unterricht oft als Referenz für die jungen Studenten genommen, weil er Trends wirklich vorausgeahnt hat. Er hat sich beispielsweise um die Ansiedlung internationaler Organisationen bemüht, zu einem Zeitpunkt, als sich noch niemand dafür interessierte. Und Kreisky hat die internationalen Organisationen nach Wien geholt, unter anderem aus sicherheitspolitischen Überlegungen. Das war für ihn Teil einer aktiven Neutralitätspolitik. Kreisky war viel mehr als ein Politiker. Er war ein Staatsmann, der gewisse Entwicklungen erkannt und politisch danach gehandelt hat.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie auch Trends erkannt haben?
Hat man mir zumindest immer wieder als nettes Kompliment entgegengehalten.

Sie sind auch Ministerin für Integration. Werden diese jungen Männer, von denen Sie vorher gesagt haben, dass sie auf Statussuche sind, sich überhaupt integrieren können?
Es kommt immer darauf an, wie sie ihre Erwartungen gestalten. Ich habe - weil ich für den Integrationsfond in den letzten zwei Jahren an einigen Publikationen mitgewirkt habe - im Gespräch mit vielen gemerkt, dass sie völlig überzogene Erwartungen hatten. Das gilt für alle Neuankömmlinge, nicht nur für die Männer. Wenn die nach Europa kommen in der Annahme, dass sie jetzt so viel verdienen, dass sie ihre Großfamilie in Bangladesh oder wo immer versorgen können, dann müssen sie eben begreifen, dass das nicht in dem Umfang möglich sein wird. Es geht darum, diese Erwartungshaltungen an die Realität anzupassen.

Werden Sie die Politik von Sebastian Kurz - Stichwort „geschlossene Balkanroute“ - unterstützen und fortsetzen?
Ich habe bereits am 6. September 2015 gesagt: „Grenzen kann man kontrollieren und muss man kontrollieren.“ Für dieses Credo wurde ich damals heftig kritisiert. Auch was die Mittelmeerroute betrifft, habe ich seit März dieses Jahres immer wieder darauf hingewiesen, dass – nehmen wir ein Land des östlichen Mittelmeerraumes, das ich ganz gut kenne, den Libanon – dass auch dort die Küstengewässer kontrolliert werden müssen.

Also waren Sie früher dran als der jetzige Bundeskanzler?
Ich glaube, da ist kein Wettbewerb. Aber es gilt: Der Staat hat Kontrolle über das Territorium auszuüben.

Sie sprechen sieben Sprachen. In welcher am liebsten?
Den rumänischen Außenminister habe ich zum Beispiel vorher gefragt, was ihm lieber ist: Französisch oder Englisch. Wir haben uns auf Französisch geeinigt, weil für mich ist und bleibt es einfach die Sprache der Diplomatie. Ich habe auch mit dem slowenischen Kollegen auf Französisch gesprochen. Das gibt dem Gespräch in meinen Ohren eine ganz andere Note. Seit Französisch nicht mehr die allgemeine Diplomatensprache ist, ist uns dieser „beau discours“, also diese schöne Rede, die ja auch immer wieder Raum für Ambivalenzen zulässt, verloren gegangen. Das Englische ist die Businesssprache. Ganz klar. Subjekt, Prädikat, Objekt. Deutsch ist eigentlich die Sprache der Philosophie.

Was haben Sie den Außenministern gesagt?
Dass ich meine Treffen gerne auch mit Vorträgen verbinden möchte.

Die österreichische Außenministerin wird Vorträge halten?
Ja, ich möchte meine bilateralen Besuche gerne damit verbinden. Das könnten Vorträge zu diversen Themen sein. Ich würde das auf das jeweilige Land abstimmen.

Frau Kneissl, als Außenministerin werden Sie in Zukunft viel reisen. Werden Sie trotzdem auf Ihrem Bauernhof in Niederösterreich wohnen bleiben?
Ja, und ich muss ja jetzt auch nicht mehr mit dem REX nach Wien fahren, sondern habe das große Glück, dass mich ein Fahrer abholt. So habe ich es heute früh sogar geschafft, die Tiere zu füttern und eine Hunderunde zu machen. Nur beim Stallausmisten hilft mir jetzt jemand.

Mit wie vielen Tieren leben Sie?
Ich habe ein altes Ross, zwei Ponys, zwei Boxerhunde, drei Katzen, sieben Hühner, einen Hahn, zwei Schildkröten, die gerade Winterschlaf halten, zwei Enten, Fische – die sind relativ pflegeleicht – und Kaninchen. Sogar eine Otter kommt manchmal aus dem Gebüsch heraus, um im Biotop baden zu gehen. Es heißt ja, dass Schlangen Glück bringen.

Haben alle Tiere Namen?
Alle außer den Fischen und der Schlange.

Ihr Lieblingstier?
Sind meine zwei Boxerhunde. Sie heißen Winston – nach Churchill - und Jackie – nach Kennedy. Ich finde, Winston Churchill hatte so ein gemütliches, boxerartiges Gesicht, und Menschen, die Boxerhunde haben, sind eher auf der gemütlichen, nicht so rasch aus der Ruhe zu bringenden Seite des Lebens angesiedelt. Kreisky war auch so ein Boxermensch, und Heinz Conrads und Lotte Tobisch. Das sind alles Leute, die einen hohen Grad an Ironie und Humor haben.

Es heißt, dass Hundebesitzer ihren Vierbeinern mit der Zeit immer ähnlicher werden. Wie ist das bei Ihnen?
Ich hoffe, ich sehe noch nicht wie ein Boxerhund aus. Aber etwas Wichtiges habe ich von meinen Hunden jedenfalls gelernt: gewisse Kläffer einfach zu ignorieren.

Sie sind in Wien geboren und haben einen Teil der Kindheit in Jordanien verbracht, wo Ihr Vater Pilot war. Was ist Ihre prägendste Kindheitserinnerung?
Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mit drei, vier Jahren, als wir zu meinen Großeltern nach Innsbruck geflogen sind, über den Wolken immer den lieben Gott gesucht habe. Ich dachte mir, er müsste auf einer Wolke sitzen, aber da saß niemand. Das war meine erste Glaubenskrise.

IHR VATER WAR PILOT IN JORDANIEN
Geboren am 18. Jänner 1965 in Wien. Einen Teil ihrer Kindheit verbringt sie in der jordanischen Hauptstadt Amman, wo ihr Vater als Pilot tätig war, die Mutter arbeitete als Stewardess. Jus- und Arabistik-Studium in Wien, Jerusalem, Amman, Washington, Paris. Ab 1990 arbeitete sie für Außenminister Mock und an den Botschaften in Paris und Madrid. Seit 1998 selbstständige Publizistin, Analytikerin und Buchautorin („Testosteron macht Politik“, „Mein Naher Osten“). Karin Kneissl spricht sieben Sprachen und wohnt mit mehr als 20 Tieren auf einem Bauernhof in Seibersdorf, NÖ.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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