Wer nach dem Dreistunden-Marathon im Halbfinale gegen den Franzosen Gilles Simon einen müden Djokovic erwartet hatte, sah sich getäuscht. Er zeigte sich gut erholt, spielte von Beginn an enorm stark und kaufte Dawydenko damit den Schneid ab. "Im ersten Satz war ich absolut chancenlos. Er war von der Grundlinie viel stärker als ich", erklärte der Russe. Dawydenko war viel fehlerhafter als in den Partien zuvor und vor allem als am Samstag, als er dem müden Federer-Bezwinger Andy Murray keine Chance gelassen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass sein Spiel praktisch ausschließlich auf aggressives Grundlinientennis ausgerichtet ist.
Katastrophale Angriffe von Dawydenko
Dies auch, weil sein Netzspiel nach wie vor absolut ungenügend ist. Sobald er die Servicelinie überschreitet, sinken seine Chancen auf einen Punktgewinn massiv. Stellvertretend dafür war das Service-Game beim Stand von 1:1 im zweiten Satz, als er Djokovic das Break mit einem verschlagenen Smash, einem Doppelfehler, einem haarsträubenden Topspin-Volley und einem weiteren verschlagenen Flugball schenkte.
Blutige Siegesfeier von Djokovic
Djokovic begann der rechte Schlagarm erst mit dem Sieg vor Augen kurz zu zittern. Wie gegen Simon servierte er bei 5:3 nicht aus, beging beim Breakball einen Doppelfehler und musste dann in eine kurze "Verlängerung". "Es stand viel auf dem Spiel. Dieser Titel ist für mich wie ein Grand Slam. Es ist mir aber gelungen, anschließend die Nerven zu behalten", analysierte Djokovic, der für ein Novum sorgte, als er vor der Siegerehrung zweimal den Physiotherapeuten auf den Platz rief. "Ein Schnitt im Finger. Ich habe mich beim Jubeln mit meinem Team verletzt. Aber in Momenten des Glücks hat man keine Schmerzen."
Siege bei wenigen, aber wichtigen Turnieren
Mit diesem Titel, der ihm 1,24 Millionen Dollar (978.304 Euro) und den Schlüssel für einen großen Mercedes eintrug, beendete Djokovic eine sechsmonatige Durststrecke. Er hatte seit seinem Triumph in Rom keinen Titel mehr gewonnen. In diesem Jahr war er eher Gourmet als Gourmand, er hat "nur" vier Turniere für sich entschieden - allerdings mit jenem in Melbourne, Indian Wells, Rom und nun Shanghai durchwegs große Events.
Djokovic: "Nummer 1, mein Lebensziel"
Nachdem er nun seit eineinhalb Jahren die klare Nummer 3 auf der Tour ist und der Nummer 2 so nahe wie noch nie ist, scheint er für den Sprung nach noch weiter oben bereit. Er will sich aber nicht unter Druck setzen lassen: "Ich habe gelernt, dass es sich nicht auszahlt, wenn ich mich zu stark auf die Weltrangliste konzentriere. Ich muss mein Spiel weiter verbessern, und dann werden auch die Resultate kommen. Ich weiß aber, dass ich das Potenzial habe, die Nummer 1 zu erreichen, mein Lebensziel."
Neue Nummer 1 im Doppel: Nenad Zimonjic
Das Erreichen dieses Ziels hat ihm Nenad Zimonjic seit gestern voraus. Djokovics Landsmann gewann das Doppel an der Seite von Daniel Nestor mit einem 7:6,6:2-Finalsieg gegen die US-Zwillinge Bob und Mike Bryan. Für die Bryans war es um ihren dritten Masters-Cup-Titel nach 2003 und 2004 gegangen. Durch die Niederlage haben sie es verpasst, zum vierten Mal in Folge ein Jahr an der Weltranglisten-Spitze zu beenden. Nun beenden Nestor/Zimonjic das Jahr als Nummer 1 der Doppel-Weltrangliste. Der Serbe steht erstmals auf Rang 1 des individuellen Doppel-Rankings, da er zwei Turniere weniger bestritt als Nestor.
Großes Jahr für serbisches Tennis
Für Serbien geht damit ein großartiges Tennis-Jahr zu Ende, in dem auch Ana Ivanovic und Jelena Jankovic den Sprung auf den Thron schafften. "Serbien gewöhnt sich langsam an die Nummern 1. Ich bin unter Druck", schmunzelte Djokovic nach dem letzten von vier Masters-Cup-Auflagen in Shanghai. Ab 2009 wird die inoffizielle Tennis-WM bis einschließlich 2012 in London ausgetragen.
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