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17.01.2017 - 12:45
Foto: Klemens Groh

Hat die Auszeit Sie stärker gemacht, Frau Wiener?

30.05.2015, 16:28
Sarah Wiener ist zurück. Vier Monate lang zog die Starköchin nach privaten und beruflichen Turbulenzen durch Südamerika. Mit der "Krone" spricht sie über Schmerz und Demut, ihre neue Farm und Wiener Charme in Berlin.

Das Cafè "Prückl" am Wiener Stubenring, Sarah Wiener winkt schon von Weitem. Sie hat am Donnerstag an den "Erdgesprächen" teilgenommen und diskutierte am Freitag auf Puls4 über TTIP. "Bitte nur ein heißes Wasser", sagt sie zum Ober (heute sehr freundlich) und zieht ein recyceltes Teesackerl aus der Tasche. "Da sind meine eigenen Alpen- und Wildkräuter drin, von Bauern gemahlen, garantiert aromafrei und unbestrahlt."

Die bekannteste TV- Köchin Deutschlands - aufgewachsen in Wien - trägt eine orangefarbene Seidenbluse, dazu eine Bernsteinkette ihrer Mutter. Am Revers des schwarzen Gehrocks steckt ein Button: "Ökostrom ja, bitte!" Gekonnt steckt sie das Mikro an, lässt den Sender von "Servus- Krone" in den Ausschnitt rutschen und fängt ihn lachend auf. Das Interview wird mitgefilmt, kein Problem für einen Fernsehprofi wie sie.

Hier können Sie sich drei Mitschnitte aus dem Interview anhören: Sarah Wiener über die Gründe für ihre Auszeit , was ihre erste Maßnahme als Ministerin wäre  und über TTIP .

"Krone": Frau Wiener, Sie haben sich Ende 2014 - dem Jahr Ihrer Scheidung ...
Sarah Wiener: Ich bin noch nicht geschieden!

"Krone": Pardon! ... dem Jahr Ihrer Trennung und auch großer beruflicher Veränderungen eine Auszeit genommen. Können Sie den Moment beschreiben, in dem Sie wussten, dass Sie Ihr Leben ändern wollen?
Wiener: Ich wollte nicht mein Leben ändern. Ich war nur sehr erschöpft. Ich habe zehn Jahre sehr intensiv und leidenschaftlich gearbeitet, habe mich für sehr, sehr vieles ganz schnell begeistert und habe sehr viel Energie in bestimme Projekte gesteckt. Dann kam der Punkt, wo ich wusste: Ich muss mal zurückdrehen und mich fragen: Will ich das machen und wie will ich es machen? Diese Auszeit war extrem wichtig, um mich zu regenerieren, um nachzudenken.

"Krone": Worüber?
Wiener: Wenn man in den Medien präsent ist, gerät man in diesen Strom, wird von einer Welle mitgerissen, wo man redet und redet und sich wiederholt und irgendwann hört man sich selber zu und fragt sich: Denkst du noch oder laberst du nur noch irgendwelche Platitüden herunter, die du irgendwann mal gedacht hast? Es geht um die Frage: Wie bist du verortet in dieser Welt? Wo willst du hin? Wer bist du?

"Krone": Mercedes hat 2014 den Vertrag mit Ihnen aufgelöst - Sie hatten in zwei Restaurants in Stuttgart und Bremen gekocht. Da gab es böse Vorwürfe, Sie hätten Mitarbeiter ausgebeutet.
Wiener: Also erstens: Mercedes hat nicht mir gekündigt, sondern einer meiner GmbHs. Mit mir hat Mercedes gar nicht geredet. Trotzdem: Ich hätte als Unternehmerin vielleicht nachprüfen müssen, was meine Betriebsleiter in ihre Dienstpläne hineinschreiben. Das kann man mir vorwerfen. Andererseits bin ich nicht im Tagesgeschäft, dafür habe ich Geschäftsführer. Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht. Offensichtlich wissen da einige Leute nicht, wie Gastronomie funktioniert, dass es da eben Überstunden gibt. Da habe ich ein anderes Verständnis von Dienstleistung. Ich werde auch weiterhin meinen Mitarbeitern vertrauen und ihnen Verantwortung geben, auch wenn es am Ende mich trifft.

"Krone": Hat das wehgetan?
Wiener: Na klar tut das weh, gesagt zu kriegen, du beutest die Mitarbeiter aus. Vor allem, wenn man denkt, dass es nicht so ist.

"Krone": Hatten Sie nicht mehr die Kontrolle über Ihre Geschäfte?
Wiener: Ich habe offensichtlich so viele Sachen gemacht, dass ich nicht mehr wirklich die Fäden in der Hand hatte. Deshalb war die Konsequenz, mich auf meine Kernkompetenz zu beschränken und alle Restaurants, bis auf eines, zuzusperren.

"Krone": Auch das legendäre "Speisezimmer" in Berlin?
Wiener: Das war auch so eine Schreckreaktion auf Mercedes. Das "Speisezimmer" ist jetzt ein Veranstaltungsort, man kann es mieten. Vielleicht machen wir irgendwann einmal einen Tag pro Woche auf, ich weiß es nicht... Ich habe ja in der letzten Zeit nicht mehr selbst gekocht in meinen Restaurants. Und musste mir eingestehen: So gerne ich die "Queen of Gastronomie" wäre, aber ich bin es einfach nicht. Ich bin Köchin, ich bin Unternehmerin, ich bin Stifterin, Anstifterin, ich habe Visionen. Zum Unternehmertum gehört auch, dass man scheitern kann oder erkennen muss: Das war ein Fehler. Den Fehler habe ich korrigiert.

"Krone": Warum sind Sie dann nach Südamerika gegangen?
Wiener: Ich wollte in die Sonne, ich wollte weit weg, nicht irgendwo hin, wo die Leute sagen: "Ach, Frau Wiener, Sie auch hier?" Gleichzeitig wollte ich Nationalparks und Biofarmen erforschen. Und mir anschauen, was Monsanto und Co. in der Praxis am Boden verbricht. Die genmanipulierten Monokulturen, von denen wir immer reden, die wollte ich mir anschauen.

"Krone": Was war das Schlimmste, was Sie da gesehen haben?
Wiener: Ich bin auf einem 100.000 Hektar großen Feld gestanden mit Maismonokultur auf der einen und Sojakultur auf der anderen Seite - bis zum Horizont! Totgespritzte, verdichtete Böden mit Glyphosat, die nicht mehr verwurzelt sind, wo es kein Leben mehr gibt. Da war kein Ton zu hören, da gibt es keinen Vogel und kein Insekt mehr. Da wächst nicht einmal ein Grasbüschel oder Wildkraut. Und die Menschen müssen 600 Kilometer weit fahren, um ein Gemüse aus dem Glashaus zu bekommen. Oder gehen eben in die üblichen Supermärkte. Denn der Mais und das Soja ist Tierfutter für die Massentierhaltung. Es ist ein Wahnsinn. (Sie zieht ihr iPad aus der Tasche und zeigt uns Fotos der missratenen, genmanipulierten Maiskolben und verödeten Landschaften.)

"Krone": Ist da der Wunsch nach einer Biofarm in Ihnen gewachsen?
Wiener: Diesen Wunsch hatte ich seit Jahren. Aufs Land zu gehen, Bäuerin zu werden, zum Ursprung der Lebensmittel und meine Bienen zu haben. Davon habe ich immer geträumt. Also insofern bin ich sehr glücklich.

"Krone": Hat die Auszeit in Südamerika Sie stärker gemacht?
Wiener: Klarer. Fokussierter. Eigentlich war es noch zu kurz. (lacht) Wenn man sich wirklich die Zeit nimmt, sich hinsetzt und über sich selbst nachdenkt, ist das sehr hilfreich.

"Krone": Sie mussten neben beruflichen Abschieden auch Ihre private Trennung verarbeiten. Was machen Abschiede mit Ihnen?
Wiener: Jeder Abschied ist natürlich schmerzhaft, aber wir müssen alle permanent Abschied nehmen. Das ganze Leben ist eine einzige Übung im Abschiednehmen und im Loslassen. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um, wie kann ich es akzeptieren? Es ist eigentlich eine Demutsübung sich selber und dem Leben gegenüber.

"Krone": Was hilft am besten gegen Schmerz?
Wiener: Alkohol. (lacht) Nein, im Ernst: Sich dem zu stellen.

"Krone": Ihr Neubeginn ist eine Farm in Uckermark, was findet dort statt?
Wiener: Das ist ein ehemaliger DDR- Betrieb und er schaut auch so aus: 720 Hektar mit 600 Rindern, Milch- und Fleischkühen. Wir haben auch Angler Sattelschweine, eine aussterbende Rasse. Eigene Metzgerei, eigene Schlachterei, Restaurant, Hofladen, Urlaub am Bauernhof. Als ich das erste Mal hinkam, hatte ich fast ein religiöses Erlebnis. Ich sah, was da alles im Argen liegt und dachte, offensichtlich will das Universum, dass ich dafür Verantwortung übernehme. Wir stehen jetzt am Nullpunkt und investieren alle Ressourcen und Energie in diesen Traum. Es ist ein Zehn- zwanzig- Jahres- Projekt. Eine Lebensaufgabe.

"Krone": Wird der Tag kommen, an dem Sarah Wiener sagt: Kein Fleisch mehr?
Wiener: Ich habe in meiner Auszeit fast nur vegan gelebt. Ich esse wenig Fleisch. Meine Vision ist aber, wirklich gutes Fleisch zu produzieren, von Tieren, die zu Tode kommen ohne Stress.

"Krone": Darf bei Ihnen am Hof ein Huhn zum Frühstückstisch kommen?
Wiener: Wenn es das schafft, durchs Wohnzimmer hereinzuflattern, darf es auch bei mir am Tisch sitzen. Ich selbst habe nur ein Huhn, es heißt "Renate" und hat neun Kinder, alle selber gebrütet. (Sie zählt die Namen auf.) Renate legt jeden Tag ein grünes Ei, mein erster sichtbarer Erfolg auf meinem Hof.

"Krone": Wenn Sie einen Tag lang Gesundheits- , Landwirtschafts- und Umweltministerin wären, was würden Sie dann durchsetzen?
Wiener: Bodengebundene Landwirtschaft. Jeder darf nur so viele Tiere halten, wie er von seinem eigenen Land ernähren kann. Ich bin sicher, dass wir uns in 30 Jahren mit Grauen abwenden werden davon, wie wir mit Millionen Tieren umgegangen sind. Mit den Schweinen, diesen sensiblen, liebevollen, charakterstarken Tieren. Sie werden gezwungen, in ihrem eigenen Kot und Urin zu liegen und dann Kraftfutter zu fressen. Dieses ganze Elend, dieser ganze Stress, die Maschinerie des Tötens, geht in dieses Fleisch hinein, und wir sollen das dann essen, weil es einfach billig ist.

"Krone": In Brüssel wird gerade um TTIP gefeilscht, haben Sie dagegen unterschrieben?
Wiener: Natürlich. Manchen ist nicht ganz klar, dass diese Verhandlungen die Zukunft unserer Enkelkinder noch beeinflussen werden. Ein Bollwerk für die Qualität, für die Vielfalt, für die Regionalität, für die Kleinbauern und Familienbetriebe zu errichten ist extrem wichtig. Da geht es um Transparenz. Österreich ist ja Vorreiter der Ökobewegung und kleiner Strukturen, was kann Österreich für ein Interesse daran haben, TTIP zu unterschreiben? Was ist da los? Ich verstehe es nicht.

"Krone": Ihr Name steht für gesundes, genussvolles Essen. Wären Sie heute so erfolgreich, wenn Sie Sarah Huber heißen würden?
Wiener: Ich werde Ihnen was sagen: In Berlin ist es nicht ganz so witzig, Wiener zu heißen. Aber der Wiener Charme hilft dabei, und da die Wiener eine gute Küche haben, hilft es auch, Wiener zu heißen und nicht Hamburger.

"Krone": Hatten Sie nie das Bedürfnis, in Wien ein Lokal zu eröffnen?
Wiener: Es gab ein paar Angebote. Wenn ich ein Restaurant gefunden hätte, das mich anspringt, wäre ich vielleicht schwach geworden. Da muss Feuer und Leidenschaft da sein, und so war es nicht.

"Krone": Vielleicht passiert es noch?
Wiener: Bei mir ist alles möglich, weil ich sehr spontan bin und immer meinem Herzen und meinen Emotionen folge.

"Krone": Wir sitzen hier im traditionsreichen Café "Prückl". Im Jänner mussten zwei Frauen dieses Kaffeehaus verlassen, weil sie sich geküsst haben...
Wiener: Das wäre in Berlin nicht vorstellbar, dass jemand wegen seiner sexuellen Präferenz, wegen seiner Haarfarbe oder seiner Schminke aus einem Lokal geschmissen wird. Da merkt man erst, wie mittelalterlich Wien dann doch manchmal ist, im Vergleich zu Berlin.

"Krone": Wären Sie so couragiert gewesen, der Besitzerin - quasi von Wirtin zu Wirtin - die Meinung zu sagen?
Wiener: Ja, wäre ich dabei gewesen, hätte ich Sie gefragt: "Was ist? Warum machen Sie das?" Klar, wenn sich so ein verliebtes Paar abschleckt, was ich vor 20 Jahren auch gemacht habe, sagen reifere Damen vielleicht, das muss ja nicht in dieser demonstrativen Öffentlichkeit sei. Aber eine Gesellschaft lebt ja von Toleranz und Großzügigkeit, und wenn es mich nicht verletzt, mein Gott, dann schau' ich halt woanders hin.

"Krone": Heißt das, dass Sie für die Homo- Ehe sind und die Wiener Ampelpärchen cool finden?
Wiener: Das heißt, dass ich umgeben bin - auch in meiner Firma - von Schwulen und Lesben und es für mich überhaupt kein Kriterium ist, was Leute privat machen oder nicht machen. Ich finde, dass Individualität und eigene Lebensmodelle die Gesellschaft und das Leben ungeheuer bereichern. Ich freue mich, wenn schon allein diese Fragestellung eines Tages als absurd angesehen würde.

Ihre Karriere: Geboren am 27. August 1962 als Tochter der Künstlerin Lore Heuermann und des Schriftstellers und Jazzmusikers Ossi Wiener in Deutschland, aufgewachsen in Wien. Mit 17 türmt sie aus dem Internat und trampt durch Europa. Mit 23 wird sie Mutter und lebt von der Sozialhilfe. Die preisgekrönte Fernsehköchin und Buchautorin beschäftigt mit ihrer Sarah Wiener Gruppe 100 Mitarbeiter im Handel und im Eventcatering. 2012 gründete sie eine Holzofenbäckerei, 2013 eine eigene Bio- Lebensmittelmarke. Sarah Wiener betreibt einen Biohof mit Rindern, Schweinen und Bienen in Brandenburg. Privat trennte sie sich 2014 von ihrem Ehemann, dem Schauspieler Peter Lohmeyer.

30.05.2015, 16:28
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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