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08.12.2016 - 21:49
Tamara E. in der Wohnung in Trofaiach. Auf dem Tisch steht ein Bild, das sie mit ihrem Enkel zeigt.
Foto: Martina Prewein, APA/EXPA/DOMINIK ANGERER

Jetzt spricht seine Mutter: "Er ist kein Teufel"

16.10.2016, 00:05

In der "Krone" spricht jetzt die Mutter des jungen Polizisten, der seine schwangere Lebensgefährtin und den kleinen Sohn getötet hat. Plus: das Geständnis des Täters. "Plötzlich", sagt er, "war in mir eine große Wut."

Blank geputzte Böden. Gemütliche Sofas. In bunten Farben gestrichene Wände. Regale, in denen gerahmte Fotos stehen. Sie zeigen eine scheinbar glückliche Familie. Hier, in dieser Drei- Zimmer- Wohnung am Rande von Trofaiach (Steiermark), sitzt Tamara E. jetzt an ihrem Küchentisch. Ständig zieht sie Papiertaschentücher aus einem Karton und wischt damit Tränen von ihren Wangen. "Ich kann einfach nicht zu weinen aufhören", sagt sie.

"Keine Antwort auf die Frage nach dem Warum"

"Ihr Sohn, ihr geliebter Daniel, hat ein abscheuliches Verbrechen begangen; am 2. Oktober seine im sechsten Monat schwangere Lebensgefährtin und den eindreiviertel Jahre alten Noah umgebracht. "Wie soll ich das alles verstehen?", schluchzt die 42- Jährige: "Wie, wie?" Ihr "Bub", ein Polizist - im Gefängnis. Der Enkel, "mein Goldschatz" - tot. "Nein, ich weiß keine Antwort auf die Frage nach dem Warum."

Niemals hätte sie Daniel etwas Böses zugetraut, "niemals!". Weil er doch von klein an "so freundlich, so hilfsbereit, so fleißig" gewesen sei. "Und keinen, wirklich nicht den geringsten Verdacht" habe sie geschöpft, als er am 5. Oktober zu ihr kam, um sich, wie er erklärte, in seiner Heimat ein wenig zu erholen - "und zu fangen."

Die Geschichte, die der junge Beamte seiner Mutter erzählte, war dieselbe, die er davor seinen Wachzimmer- Kollegen in Wien zu Protokoll gegeben hatte: Am 3. Oktober, um die Mittagszeit, sei er mit seiner Freundin, Klaudia K., in Streit geraten. Die 25- Jährige habe danach Kleidung für sich und Noah in eine Tasche gepackt - und die gemeinsame Wohnung in Wien- Margareten verlassen. Seitdem fehle von den beiden jede Spur: "Vielleicht will mich Klaudia mit dieser Aktion bestrafen ..."

Daniel L. mit seinem Sohn in seiner Dienststelle
Foto: Martina Prewein

"Er wirkte einfach nur sehr traurig"

Tamara E.: "Daniel wirkte sehr traurig. Er sagte, er habe mit Klaudia Schluss gemacht." Nannte er einen Grund dafür? "Das musste er nicht. Ich wusste ja, dass die Beziehung der zwei nicht gut gewesen ist. Eigentlich von Beginn an." Was war der Beginn? "Ich glaube, ich sollte zuerst über meinen Buben sprechen, über seine Geschichte…"

Daniel L. wurde unehelich geboren, "als ältestes von drei Kindern". Der Vater kümmerte sich wenig um sie. Trotzdem, der Bursch liebte ihn abgöttisch, und als der Mann 2009 Suizid beging, "fiel Daniel in ein tiefes seelisches Loch". Die Mutter hatte da längst Kurt E. geheiratet: "Mein Sohn mochte ihn immer sehr." Genauso wie seine Halbgeschwister, ein Zwillingspärchen, 2002 geboren. Der Bub: schwer behindert. "Daniel tat alles für ihn. Er spielte mit ihm, er versuchte, ihn zu fördern."

Was gibt es sonst aus Daniels Jugend zu berichten?

"Wir hatten nie viel Geld", sagt seine Mutter. Ihr Gatte: ein Versicherungsangestellter. Sie verdiente als Reinigungskraft dazu: "Ich war so stolz, als Daniel schon in der Hauptschule beschloss, Polizist zu werden."

Der Beruf habe zu ihm gepasst, "denn er war ja extrem verantwortungsbewusst. Er lernte brav, auch später in der Handelsakademie. Nebenbei suchte er sich Aushilfsjobs, um das Haushaltsbudget zu entlasten. Er gewann Medaillen im Tischtennis und im Fußball. Er tanzte gerne in der Disco."

Daniel L., für seine Freunde war er ein "toller Kumpel", stets fröhlich und ein guter Zuhörer. Über sich selbst sprach er kaum: "Mitunter schien er bedrückt, aber wenn wir ihn fragten, ob ihn etwas belasten würde, sagte er jedes Mal Nein."

Nach der Matura absolvierte er den Grundwehrdienst, "danach begann er, sich auf sein einziges Ziel vorzubereiten." Trieb verbissen Sport, las Bücher über Psychotests. 2013 schaffte er in der Kärntner Polizeischule die Aufnahmeprüfung. Sein Traum: irgendwann in Wien Wega- Beamter zu sein, zu reisen, das Leben zu genießen.

Das letzte Foto der jungen Familie: Es wurde bei einem Urlaub am Gardasee gemacht.
Foto: Martina Prewein

Klaudia K. auf Dating- Portal kennengelernt

Mädchen interessierten ihn wenig. Trotzdem loggte er sich 2014, während seiner Zeit im Internat, "vielleicht, weil er in der Fremde einsam war", in ein Dating- Portal ein. Wo er Klaudia K. kennenlernte. Um zwei Jahre älter als er, in Liebesdingen erfahren: "Sie wurde seine erste Freundin." Schnell.

Bald wurde die Frau schwanger: "Daniel zweifelte seine Vaterschaft an. Doch er ließ nie einen DNA- Test machen. Wenn er erfahren würde, dass Noah nicht von ihm sei, würde er Klaudia und den Buben nicht mehr lieben können, sagte er." 2015 fing Daniel D. in Wien zu arbeiten an. "Mein Sohn machte viele Überstunden." Seine Lebensgefährtin fühlte sich deswegen vernachlässigt, "die beiden stritten oft".

Der letzte Urlaub der Familie

Noch mehr Streit gab es, als Klaudia K. im April 2016 abermals schwanger wurde. Den Sommer verbrachte sie mit Noah bei ihren Eltern in Kärnten. Ende August ein Urlaub mit Freund und Kind am Gardasee. "Daniel", so Tamara E., "lud auch mich, meinen Mann und die Zwillinge dazu ein." Die Woche in Italien sei "der blanke Horror" gewesen: "Weil Klaudia ständig meinen Buben kritisierte."

Am 7. Oktober wurde Daniel L. in Trofaiach verhaftet. Die Nacht davor hatte er durchgeweint. Tamara E.: "Ich saß an seinem Bett, wollte ihn trösten. Er sagte bloß: 'Mach dir bitte keine Sorgen, Mami, alles ist okay.'"

Claudia K. wurde erschossen.
Foto: Martina Prewein

Das Geständnis des Polizisten

In Verhören beteuert Daniel L., er hätte seine Gräueltat in einer "heftigen Gemütsregung" begangen. Aber es gibt Indizien, dass er sie eiskalt geplant haben könnte. "Meine Beziehung zu Klaudia ist immer schwierig gewesen", gab der 23- Jährige vor der Kripo zu Protokoll: "Sie klammerte, war krankhaft eifersüchtig, kontrollierte ständig mein Handy. Sie nahm mir oft meine Geldbörse weg, damit ich mir nichts kaufen konnte. Ich musste kochen und putzen. Sie hat mich auch häufig geschlagen."

Die "schlimme häusliche Situation" habe sich, seinen Angaben zufolge, in den vergangenen zwei Monaten verschärft": "Sie sagte dauernd, dass ich einen Scheiß- Beruf hätte." Am 2. Oktober sei es - wieder einmal - zwischen dem Paar zu einem Streit gekommen: "Klaudia wurde - wieder einmal - handgreiflich. Ich sagte zu ihr, dass ich mich von ihr trennen werde.

"Ich griff zu meiner Dienstwaffe"

Da rastete sie völlig aus. Beschimpfte mich, prügelte auf mich ein und schrie: 'Du wirst Noah nie mehr sehen.' Plötzlich habe ich eine große Wut und einen Hass empfunden, und ich griff zu meiner Dienstwaffe. Ich hatte sie schon oft nachhause mitgenommen, sie lag in meinem Kleiderschrank. Klaudia saß auf dem Bett, ich habe die Augen zugemacht und einmal in ihre Richtung geschossen." Die Kugel traf die Frau in den Kopf. "Ich bin dann in das Wohnzimmer gegangen und habe meinen Sohn erwürgt. Weil ich nicht wollte, dass er ohne Mutter aufwachsen muss."

Daniel L. bedeckte die Leichen mit Tüchern: "Ich konnte ihren Anblick einfach nicht ertragen." In der Folge sei er "in der Umgebung spazieren gegangen" und hätte überlegt, sich umzubringen: "Aber nicht ernsthaft."

Daniel L.s Anwälte Iris Augendoppler und Ernst Schillhammer
Foto: Andi Schiel

"Wollte sie nicht verstecken"

Schließlich kehrte Daniel L. nachhause zurück: "Ich verpackte Klaudia und Noah in Müllsäcke, brachte sie in mein Kellerabteil. Und dann reinigte ich die Wohnung vom Blut." Am 5. Oktober erstattet er eine Vermisstenanzeige. Tags darauf kaufte er einen Trolley, holte aus dem Abstellraum eine Reisetasche, "ich legte die Toten in die Behältnisse, verstaute sie im Kofferraum meines Renault Clio und fuhr zu meiner Familie nach Trofaiach." Erst kurz vor seiner Festnahme legte er "die Behältnisse" auf einer Wiese in der Nähe seines Elternhauses ab: "Ich wollte sie ja nicht verstecken."

Foto: "Krone"-Grafik

Vor Bluttat Müllsäcke und Axt gekauft

Am 29. September hatte der Polizist in einem Baumarkt in Wien- Favoriten Müllsäcke und eine Axt gekauft und diese anschließend unter sein Ehebett gelegt. Klaudia K. fand das Werkzeug und tauschte es gegen Blumen um. In einer Handynachricht an ihre Mutter schrieb sie: "Daniel muss zu einem Psychologen. Er zittert so viel, er hat Blackouts. Ich hab Angst."

Im Verhör erklärte Daniel L., die Axt wäre sein Geburtstagsgeschenk für einen Cousin gewesen: "Ich verstand Klaudias Aufregung darüber nicht." Am 1. Oktober kommunizierte die Frau zum letzten Mal per SMS mit ihrer Mutter: "Heute hat Daniel gesagt, dass er mich gern hat." Am Tag darauf waren sie und Noah tot.

16.10.2016, 00:05
Martina Prewein, Kronen Zeitung
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