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08.12.2016 - 19:08
Edith F. verbrachte weite Strecken ihres Lebens in Haft.
Foto: Reinhard Holl, Martin A. Jöchl

Das verpfuschte Leben der "Rekordgefangenen"

02.10.2016, 08:14

Sie beging nur kleine Eigentumsdelikte. Aber sehr viele. Und wurde zur "Rekordgefangenen" Österreichs. Dann flüchtete sie aus der Haft. Und war seitdem ein "U- Boot". Das verpfuschte Leben der Edith F.

Die zierliche weißhaarige Frau, die jetzt in einem Wiener Gastgarten sitzt und Kamillentee trinkt, wirkt wie eine nette Omi. Gutmütig der Blick, um den Mund ein sanfter Zug, in den Händen ein dickes Stofftaschentuch. Ständig laufen Tränen über ihre Wangen. "Bei mir war einfach alles verpfuscht, von Anfang an", sagt die 68- Jährige.

Aufgewachsen in Linz, in desolaten Familienverhältnissen. Fünf Geschwister. Die Mutter arbeitslos, den Vater lernte sie nie kennen. "Wir wohnten in einer Barackensiedlung, meine Kleider hatten Löcher, in der Schule galt ich deshalb als Aussätzige."

Vom Ziehvater sexuell missbraucht

Mit 14 ein Ferialjob in einer Bäckerei. Edith F.s erste Straftat: "Ich sollte die Tageslosung zur Bank bringen. Da sah ich in einer Auslage so schöne Schuhe. 50 Schilling kosteten sie. Ich kaufte sie." Eine Anzeige, "und dann musste ich in ein Heim. Worüber ich gar nicht traurig war. Weil ich damit dem Freund meiner Mama entkam." Der sie regelmäßig sexuell missbrauchte.

Aber auch in ihrem neuen Zuhause fühlte sie sich nicht wohl. "Die Erzieherinnen schlugen oft zu. Und als eine Gruppe Mädchen ausriss, schloss ich mich an." Einbrüche, Diebstähle - in Bauernhäusern. "Schnell wurden wir gefasst." Zwei Monate Haft. "Danach ließ ich aus Geschäften Gewand und Lebensmittel mitgehen. Und ich wanderte abermals in den Kerker."

So ging das ewig weiter. Mit Unterbrechungen von nie mehr als ein paar Wochen musste die Frau immer wieder ins Gefängnis, immer wegen Minimal- Eigentumsdelikten. Und ihre Strafen wurden zunehmend höher.

42 Jahre und 23 Tage hinter Gittern

Insgesamt saß Edith F. 42 Jahre und 23 Tage lang hinter Gittern. Sie ist damit Österreichs "Rekordgefangene". "Die Justizanstalt Schwarzau", schluchzt sie, "ist meine Heimat gewesen, die einzige, die ich je hatte. Ich arbeitete dort als Köchin, führte ein geregeltes Dasein. Vielleicht wurde ich ständig rückfällig, weil ich wusste, dass ich draußen keine Chance habe."

Obwohl es "drinnen" nicht einfach gewesen sei: "Vor allem früher, da herrschten im Kerker ja harte Gesetze." Die schlimmsten Mörderinnen waren ihre Zellengenossinnen. Adrienne Eckhardt, die Lainzer Todesschwestern, Elfriede Blauensteiner, "ich kannte sie alle. Gemocht habe ich keine von ihnen. Weil ich sie für ihre Taten verachtete. Trotzdem hielt ich mich an sie. Weil sie nie Prügeleien begannen", Musterinsassinnen waren: "Und irgendwann geschah es meistens: Sie gingen, ich blieb."

Zwillinge in Haft geboren

Edith F.s Erinnerungen an ihre Zeiten in Freiheit? "Ende der 1970er- Jahre verliebte ich mich. Und wurde schwanger. Doch das merkte ich erst, als ich abermals saß." In der Schwarzau brachte sie Zwillinge zur Welt. "18 Monate durften sie bei mir bleiben, danach stimmte ich schweren Herzens einer Adoption zu. Meine Kinder sollten bei anständigen Leuten groß werden."

1998 ihr letzter Prozess. Vorwurf: Betrug. Urteil: sieben Jahre. Im Dezember 2005 - vier Monate vor ihrer geplanten Entlassung - kehrte sie von einem Haftausgang nicht zurück: "Plötzlich wollte ich nur noch frei sein. Und wurde in Wahrheit völlig unfrei." Edith F. lebte fortan als "U- Boot". In Wien, ständig in der "fürchterlichen Angst", entdeckt zu werden.

"Ich bin sehr einsam gewesen"

Mit Aushilfsjobs - als Putzfrau, Tellerwäscherin, Büglerin - hielt sie sich über Wasser, wohnte in kalten Untermietszimmern. "Ich bin sehr einsam gewesen, meine einzigen Freunde waren Tiere." Enten, Tauben, die sie bei Spaziergängen in Parks fütterte. Vor drei Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide. Schwere Unterleibsprobleme, ein Bandscheibenvorfall, eine Geschwulst an der Schilddrüse. "Von meinem wenigen Lohn bezahlte ich teure Privatärzte." Letztlich standen dringend einige Operationen an: "Wie hätte ich mir die leisten sollen?"

Daher im Sommer der Entschluss, ihr "Schattendasein" aufzugeben: "Und ich begab mich auf die Suche nach einem guten Anwalt." Sie fand ihn in Nikolaus Rast. "Er hat dafür gesorgt, dass ich in Freiheit bleiben und endlich ein normales Leben führen darf."

Edith F.s Wünsche für die Zukunft? "Dass ich wieder halbwegs gesund werde. Ein Hündchen zum Liebhaben. Eine kleine Wohnung. Dass ich meine zwei Kinder noch einmal sehen werde, traue ich mich nicht zu hoffen."

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Martina Prewein, Kronen Zeitung/red
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