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10.12.2016 - 02:30
Foto: Klemens Groh

24 Stunden an der Grenze in Spielfeld

14.02.2016, 10:10

"Aufsperren!" - ein soldatischer Befehl öffnet das "Tor in die Freiheit". Um Punkt neun Uhr haben die Slowenen die Schleusen aufgemacht und die ersten 100 Asylwerber Richtung Spielfeld losgeschickt. Jetzt kommen sie. Nach monatelanger Flucht, lebensgefährlichem Transfer übers Meer und einer Odyssee durch fünf sichere europäische Länder - Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien - sind sie am Vorabend per Bahn in Sentilj gelandet. Dort wurden sie erstversorgt und haben die Nacht im Zeltlager verbracht.

Jetzt marschieren sie inmitten meterhoher Zäune Richtung Österreich. Ruhig, ratlos, geordnet. Weder Trauer, Angst noch Enttäuschung sind spürbar. Es ist eine Art Apathie, die die stumme Hundertschaft eint. Eine hoffnungsvolle Gelassenheit liegt über den Familien, Paaren mit Kleinkindern oder jungen Burschen, die in Gruppen dahertrotten - 69.400 Personen waren es im heurigen Jänner.

Afghane spricht kaum Englisch, will aber studieren

Österreichs Kommunikation mit den Balkanstaaten hat funktioniert: Es sind kaum Iraner oder Nordafrikaner in der Reihe. "Es kommen praktisch nur noch Syrer, Iraker und Afghanen", so ein Hauptmann. "Where do you come from?", so meine erste Reporterfrage durch den Zaun. "Afghanistan!" "And what was your job?" "What did you work?", will ich wissen. Keine Antwort. "What was your profession?", versuche ich es noch einmal. Doch der 19- Jährige versteht mich nicht. Erst auf den Zuruf "Germany?" reagiert er lächelnd: "Yes, Yes - study." Mehr ist aus dem einfältig dreinblickenden Burschen nicht herauszuholen. Er beherrscht also kaum Englisch und kein Deutsch, will aber in "Germany" studieren. Freundlich grinsend schiebt er den Rollstuhl einer knapp 50- jährigen Frau, seiner Mutter, durch das Tor, auf dessen Spitze eine rot- weiß- rote Flagge verloren weht.

Auch seine Eltern und seine beiden Brüder, von denen einer auch noch taub ist, können nur ein paar Brocken Englisch. "War! Bagdad! Germany", wiederholen sie gebetsmühlenartig. Eine kriegsvertriebene Familie, fünf bedauernswerte Menschen, die heute ebenso wie 968 weitere Personen im Laufe des Tages per Bus ins Transitlager Braunau in Oberösterreich gebracht werden.

Hoffen auf Verpflegung, Unterkunft und Job

Viele von ihnen sind Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge, die über Mundpropaganda gehört haben, dass in Deutschland Unterkunft, Verpflegung und bestimmt auch ein Job auf sie warten. Hochgebildete Ingenieure oder Ärzte sind heute praktisch nicht unter den Asylwerbern. Interessiert, um nicht zu sagen hypnotisiert, starren einige junge Männer auf Soldatinnen und eine blonde Polizistin. "Viele von uns würden gerne heiraten", gibt ein 17- jähriger Bursche aus Kabul offen zu. Er hat sich mit vier Freunden bis hierher durchgeschlagen. Um 12.45 Uhr fährt bereits der zehnte Heeresbus ab - 500 Asylwerber, die alle nach Deutschland wollen, sind somit vorerst "abgearbeitet".

Video- Archiv: Tag 1 des neuen Grenzmanagements

Video: krone.tv

Militärpolizisten observieren

Die Caritas stellt hervorragende Dolmetscher zur Verfügung. Leute, die selbst als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und die Situation kennen. "Wenn Menschen ihre Muttersprache hören, bleiben sie ruhig", erklärt Hauptmann Peter Bleyer. Das Heer hat sogar eine Handy- App eingesetzt, die das Mobiltelefon jedes Soldaten in einen Mini- Sprachroboter verwandelt und dann leicht verständliche Anweisungen, Erklärungen etc. in mehreren Sprachen geben kann.

Primär besteht der Assistenz- Auftrag in der Sicherung des mehrere Hektar umfassenden Areals mit zwei Kompanien, also rund 240 Leuten. Und es sind auch Soldaten, die die Asylwerber als Erste in Empfang nehmen: beim Sicherheitscheck. Bei der Perlustrierung wird nach Waffen, Messern, Drogen etc. gesucht.

Gleichzeitig observieren Militärpolizisten Ankommende. Zufällig treffe ich einen Major, mit dem ich erst im Herbst im afrikanischen Mali war. Als einer von zehn Bodyguards hat er den Minister in Bamako bewacht. In genau demselben Hotel, in dem drei Monate später ein Dschihadisten- Kommando 27 Hotelgäste bei einer Geiselnahme getötet hat. Jetzt achten die Elitesoldaten auf verdächtige Handymelodien, Flüchtlingskinder, die auffällig oft oder laut "Allahu Akbar" singen, oder Fingerprints, die Terrorverbindungen vermuten lassen.

Und genau diese Erfassung von Fingerabdrücken hat aktuell zu politischen Querelen geführt. Gespeichert dürfen Fingerabdrücke derzeit nur von jenen werden, die bei uns um Asyl ansuchen (heuer bisher rund 8500 Anträge - hochgerechnet aufs Jahr 100.000 und somit sogar mehr als im Vorjahr). "Fingerprints von Leuten, die nach Deutschland weiterreisen, können nur für den Fahndungsabgleich verwendet werden", so Innenministeriumssprecher Karl- Heinz Grundböck.

Das heißt: Scheint ein Asylwerber nicht in der "Kriminal- bzw. Terroristendatei" auf, werden seine Daten gelöscht. Spätere Ermittlungen gibt es nicht, und Wege, Kontakte etc. von IS- Killern, wie von jenen in Paris, können nicht mehr zurückverfolgt werden. "Erfreulicherweise schaut es jetzt so aus, dass wir uns nach Gesprächen mit dem Koalitionspartner in Kürze auf eine Speicherung aller Fingerabdrücke einigen", so Innenministerin Johanna Mikl- Leitner im "Krone"- Gespräch zuversichtlich.

Nachmittags hören wir von einem besonders motivierten Afghanen. Er spricht gebrochen Englisch und wiederholt immer wieder "Red Bull, Red Bull". Schließlich wird er verstanden: Er will keinen Energydrink, sondern nach Fuschl in Salzburg, um dort mit dem "Red Bull"- Konzern Geschäfte zu machen. Aber so wie dieser junge Mann sind - abgesehen von den kriegsvertriebenen Syrern - noch immer Tausende bedauerliche "Glücksritter" in einer Art Goldgräberstimmung Richtung Europa unterwegs. "Wer nichts zu verlieren hat, versucht alles und wird sich selbst von einem Zaun nicht stoppen lassen", meint ein Soldat zur neuen Völkerwanderung.

Video- Archiv: So wurden die Einsatzkräfte überrannt

Video: Esterreicher, krone.tv

Ein Bauzaun, der kein Grenzzaun ist

Während um 16.30 Uhr letzte Asylwerber österreichischen Boden betreten und Bus Nr. 22 Richtung Braunau rollt, macht sich das "Krone"- Team mit einer gemischten Streife aus Polizei und Bundesheer Richtung Grenzzaun auf. Nach fünf Minuten haben wir das zwei Meter hohe Maschendrahtgitter neben einem Weingarten im südsteirischen Hügelland erreicht.

"Hier sichern wir die grüne Grenze", so der Patrouillenkommandant. Doch angesichts dieses Bauzaunes (Kosten: 80.000 Euro pro Kilometer), den selbst ich mit meinen knapp 100 Kilo problemlos in 30 Sekunden überklettern könnte, kommen mir Zweifel. Erst vor drei Wochen bin ich an der bulgarischen EU- Außengrenze zur Türkei vor einem ganz anderen Wall gestanden: Denn Sofia macht seine 160- Kilometer- Grenze mit einem um einen Meter höheren NATO- Zaun mit rasiermesserscharfen Metallzacken und Bodensensoren dicht - eine Drei- Meter- Hürde, die kaum oder nur mit schlimmsten Schnittverletzungen zu überwinden ist.

Mit der Dunkelheit kehrt in der Grenzstation Ruhe ein. Doch für Polizei und Militär heißt es jetzt: Sicherheitsvorkehrungen hochfahren! Patrouillen marschieren auf. Geländefahrzeuge kontrollieren Grenzwege im Wald und halten mit Wärmekameras Ausschau nach illegalen Einwanderern. Der neue, entscheidungsstarke Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil bedankt sich beim "Truppenbesuch an der Front" persönlich "für den hervorragenden Assistenzeinsatz". "Von 1007 Flüchtlingen haben 37 in Österreich um Asyl angesucht, zwei wurden zurückgewiesen", fasst Kontrollinspektor Leo Josefus den Flüchtlingsansturm beim Morgenbriefing nach 24 Stunden zusammen.

Bis zu 6000 Personen will man hier, wo im Herbst ein Hexenkessel brodelte, täglich durchschleusen. "Das Grenzmanagementsystem macht's möglich. So nehmen wir allen, die zu uns kommen, die Angst", ist man sich einig. Der Schrecken des damaligen Tumults, als Flüchtlinge Stauden und Plastik angezündet hatten, Rauchschwaden die Sicht versperrten und Alte, Kinder sowie Schwangere von einer brüllenden Tausendschaft gegen die Absperrungen gedrückt wurden, sitzt noch allen tief in den Knochen.

Und auch bei den Einheimischen hat ein "gewisses Umdenken" eingesetzt: Da sich einige Flüchtlinge angesichts des Teufelsbildes und des Worts "Hell" an der Fassade des örtlichen Bordells am Horizont erschreckt hatten, hat man diese Schriftzüge nun diskret grau übermalt, um die ankommenden Flüchtlinge nicht gleich in der Hölle willkommen zu heißen...

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14.02.2016, 10:10
Christoph Matzl und Klemens Groh, Kronen Zeitung
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