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06.12.2016 - 18:41
Foto: Warner Music

Y'akoto: "Meine Musik soll mich überdauern"

19.09.2014, 17:00
Die Hamburgerin Y'akoto hat nicht nur Blues und Soul in der Stimme, sondern auch die Weltpolitik in ihren Gedanken. Im "Krone"-Talk spricht die 26-Jährige nicht nur über ihr brandneues Album "Moody Blues", sondern auch über die Wichtigkeit von echten Freundschaften, mögliche Ursachen für Kriege und warum Afrika in gewissen Bereichen reicher als Europa ist.

"Krone": Y'akoto, "Moody Blues" ist nach dem "Babyblues" dein zweites Album und eine schöne Weiterentwicklung. Zudem habe ich gelesen, bist du nun "berührbar und verletztlich" geworden. Wie kann man das verstehen?
Y'akoto: Das war ich schon immer, habe aber am Anfang gedacht, dass ich das verstecken muss, weil es nicht gesellschaftstauglich ist. Mittlerweile kann ich es aber akzeptieren und damit arbeiten. Zu sagen, ich wäre reifer geworden, wäre aber totaler Quatsch. Man ist immer am Anfang und lernt jeden Tag neu.

"Krone": Hast du auf "Moody Blues" nun auch tiefer blicken lassen?
Y'akoto: Ich habe einfach das gemacht, was ich schon auf "Babyblues" gemacht habe. Entweder eine persönliche Geschichte oder eine Geschichte aus meiner persönlichen Sicht schreiben. Ich habe versucht, mich nicht so zu verstecken.

"Krone": Ist es schwierig, persönliche Texte zu schreiben und sie mit anderen zu teilen?
Y'akoto: Zu schreiben nicht, aber das Vortragen ist schwieriger. (lacht) Sich klar zu werden, dass man in der Öffentlichkeit steht, bringt an sich schon eine gewisse Nervosität mit. Alles, was du sagst, ist nicht mehr nur für deine Freunde, Familie und dein Team bestimmt. Das war schon eine Überwindung für mich. Bei mir ist alles ein Zusammenspiel aus Musik und Text und ich kalkuliere dabei im Vorfeld überhaupt nichts.

"Krone": "Perfect Timing" ist auf diesem sehr nachdenklichen Album eines der wenigen flotten, positiv klingenden Lieder. Wie sieht es mit deinem perfekten Timing aus?
Y'akoto: Eher schlecht. Der Song ist eine Hommage an den Moment. Dass man einfach einmal sitzenbleibt und alles vorbeigehen lässt – egal ob man gerade die Liebe seines Lebens verpasst oder eine Chance vergeben hat. Die Welt dreht sich ohnehin weiter.

"Krone": Fällt es dir leicht, einfach loszulassen?
Y'akoto: Nein, aber das geht doch den meisten anderen auch so. Menschen fällt es generell schwer, Dinge passieren zu lassen. Ein Flugzeug ist das beste Beispiel dafür. Dort kannst du nichts kontrollieren – alles liegt in der Hand von ein paar Frauen und Männern, die ganz vorne sitzen, und der Rest ist Luftloch und Wetter.

"Krone": Beim Songschreiben kannst du hingegen alles kontrollieren. Lässt du dein Team auch am Songwritingprozess teilhaben? Stellst du deren Ideen über deine, wenn sie besser klingen?
Y'akoto: Ausschließlich dann, wenn sie besser sind. Ansonsten ziehe ich schon meine Linie durch. Vor der Kamera Interviews geben muss, dann schließlich ich und nicht mein Team.

"Krone": Der Song "Carry This" ist deine persönliche Hymne. Warum?
Y'akoto: Den Song könnte ich immer wieder singen. Darin geht es um Freundschaft, und diese hat bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Sie ist bedingungslos, nicht berechnend und man nimmt nichts von sich. Freunde sind ungemein wichtig und Freundschaften müssen gepflegt werden. An Beziehungen knüpft man klarerweise auch hohe Erwartungen, aber Freundschaften entwickeln sich einfach langsam und schön. Meine Freundinnen haben mich über viele Jahre hinweg immer unterstützt.

"Krone": Erlebst du in der Stunde deines Erfolgs, wo sich richtige und falsche Freunde befinden?
Y'akoto: Es gibt keine falschen Freunde. Es gibt aber temporäre Freundschaften und welche, die auf einen gewissen Nutzen basieren. Diese sind auch sehr wichtig und ich finde sie total in Ordnung. Ich glaube, dass ich falsche Freunde gar nicht anziehe, und alle meine Freunde waren schon vor meinem ersten Album da.

"Krone": Bei deiner Karriere ist es doch schwierig, diese Freundschaften zu wahren und zu pflegen?
Y'akoto: Das ist der einzige Nachteil an meinem Job. Ich bin fast nie zur perfekten Zeit am perfekten Ort. Mittlerweile gibt es in meinem Freundeskreis schon Hochzeiten, Geburtstage, Babytermine oder Familienfeste. Die gehen sich oft nicht aus. Manchmal fällt mir schon ein Anruf schwer, wenn ich weiß, dass ich mich lange nicht mehr gemeldet habe. Die Familie vermisse ich auf Tour schon, weil sie ein Schutzraum ist und man dort ganz selbst sein kann. Manchmal reicht es schon, eine Person mitzuhaben – das ist sehr schön.

"Krone": "Down To The River" thematisiert Selbstmord. Welchen Bezug hast du zu diesem ernsten Thema?
Y'akoto: Leben und Tod haben mich schon immer fasziniert. Das habe ich schon im ersten Album behandelt. Ich beschäftigte mich mit dem Zwischenraum zwischen Leben und Tod und dachte mir dann: Was passiert später? Es gibt zudem viele Menschen, die sich aktiv für den Weg in den Tod entscheiden und ich habe mich immer gefragt, warum. Ich habe dazu viel gelesen und recherchiert und oft ist es die pure Hoffnungslosigkeit. Der Wille, von seinen eigenen Bedürfnissen frei zu sein.

"Krone": Hoffnungslosigkeit herrscht weltweit in vielen Bereichen. Warum können Menschen trotz der Geschichte, die uns viel lehren sollte, noch immer nicht ohne Waffen und Krieg miteinander umgehen?
Y'akoto: Sie haben die Empathie verlernt. Ein Mann, der ein Kind umbringt, seine Frau vergewaltigt oder ein ganzes Dorf in die Luft bombt, hat niemals gelernt, sich in die Haut von anderen hineinzuversetzen.

"Krone": Der kleinste gemeinsame Nenner für all die Krisenherde ist die Religion.
Y'akoto: Das ist abhängig von der Religion. Da ist auch keine Religion besser als die andere. Wenn ich in die Geschichte zurückblicke, hat jede Religion Dreck am Stecken. Dahinter stecken immer Menschen und gespaltet in jenen stecken gewaltbereite Individuen, die maßlos sind. Einen anderen Menschen zu töten finde ich maßlos.

"Krone": Wird Religion von den Tätern oft als Deckmantel für schlimme Taten missbraucht?
Y'akoto: Es sind immer die Menschen. Menschen suchen normalerweise Gemeinschaft und Zugehörigkeit, und das bietet Religion – auch in Minderheitsgesellschaften. Das stärkt das Sicherheitsgefühl und das Selbstvertrauen. Jeder Mensch will doch geliebt werden, Anerkennung und Respekt. Das kennt doch jeder von uns. Wenn ihnen dieses Gefühl genommen wird, werden sie ziemlich grausam.

"Krone": Kriege werden vor allem von Männern getrieben. Männer sind auch das zentrale Thema des Songs "Mother And Son", wo es darum geht, dass viele Kinder ohne Väter aufwachsen. Welchen Zugang hast du hier gehabt?
Y'akoto: Jeden möglichen – es geht um Väter, die in den Krieg ziehen, oder auch Väter, die 24 Stunden am Tag arbeiten. Das Musikgeschäft ist leider noch sehr männerdominiert, deshalb bin ich viel mit ihnen unterwegs. Ich merke dann, dass es sie beschäftigt, wenn sie ohne Vater und damit einhergehend ohne Vorbild aufwachsen. Es macht sie sehr aggressiv und traurig, und so geht es sehr vielen.

"Krone": Du hast einen ghanaischen Vater und mit Hamburg, Paris und Lomé in Togo verschiedene Orte, an denen du lebst. Sieht man den Wohlfahrtskontinent Europa aus einer anderen Perspektive, wenn man in Afrika ist?
Y'akoto: Natürlich gibt es vor allem wirtschaftlich große Unterschiede, aber was für mich hier in Europa wirklich befremdlich ist, ist der unglaubliche Drang zur Isolation. Hier will jeder für sich leben und für seine eigene Familie – das Gemeinschaftsgefühl ist eher weniger ausgeprägt. Gesellschaftliche Unterschiede haben mich immer beschäftigt. Je südlicher man kommt, umso mehr sind die Leute aus klimatischen Gründen draußen und die Sozialisation wird höher. Große Unterschiede gibt es bei der Chancenfreiheit. Allein schon gesundheitlich. Mich hat schon in den USA extrem schockiert, dass man nicht automatisch krankenversichert ist. Da bin ich schon froh, Europäerin zu sein.

"Krone": Wie definierst du Heimat für dich?
Y'akoto: Ich pendle meist zwischen Westafrika und Europa. Heimat ist für mich abhängig von den Menschen und nicht von der Geografie. Aber klar gibt es auch Orte, die mir sehr gefallen. Die Menschen, die ich liebe, befinden sich auch an verschiedenen Orten. Die Briefe und Rechnungen flattern mir in Hamburg ins Haus und somit ist diese Stadt meine derzeitige Heimat. Ich verspüre zudem hierzulande eine starke Obsession zum Wort "Heimat" – das ist auch in Deutschland immer sehr wichtig. (lacht) Vielleicht ist das geschichtlich begründet. Die Familie gibt mir auch ein Gefühl von Zuhause. Da kann ich auch 20 Jahre weg sein und in irgendeiner WG wohnen – wenn ich zurückkomme, fühle ich mich gleich wieder wie eh und je. Etwas Gefühlsbetontes wie Heimat einzuordnen, ist sehr schwierig. Außerdem ist das ein ständiger Veränderungsprozess. Wenn ich mit jemandem unbedingt zusammen sein will, kann auch eine einsame Insel mit demjenigen zur Heimat werden.

"Krone": Dreht sich der Song "Off The Boat" um die afrikanischen Bootsflüchtlinge?
Y'akoto: Ich bin dafür, dass das jeder für sich klärt. Dein Standpunkt ist aber natürlich auch völlig berechtigt, aber ich achte darauf, dass ich sehr offen schreibe und genau solche Diskussionen anrege. (lacht) Ich habe keine Lösungen, denn ich bin kein Politiker und kenne mich mit den Systemen und Gesetzen nicht aus, aber ich schreibe sehr szenisch. Das Kommen und Gehen zieht sich bei mir als roter Faden durch das Album, und das betrifft meist die Männer. Die sind ja frei und haben keine Kinder, müssen nicht so oft zu Hause sein. Ich fühle mich oft als Reporterin und beobachte sehr viel. Männer ziehen los und nehmen große Risiken auf sich, um für sich und ihre Familie ein besseres Leben zu haben. In "Off The Boat" beschreibe ich einen Mann, der seine Geliebte zurücklässt und das Letzte, das er verkaufen muss, ist der Ring. Mich berühren solche Kleinigkeiten.

"Krone": Fühlst du, dass du als Frau in gewissen Bereichen zu wenig Freiheiten hast?
Y'akoto: Nein, aber es wäre fatal, würde ich immer nur aus persönlichen Bedürfnissen heraus schreiben. Ich war nie Bootsflüchtling und kenne auch keinen aus meiner Familie. Mein deutscher Opa musste fliehen, als Hamburg zerbombt wurde, aber sonst war alles okay bei uns. Man muss nicht immer alles selber erleben oder mit dem persönlich zu tun haben, über das man schreibt.

"Krone": Du beschreibst deine Musik auch immer als "Soul- suchend". Weshalb?
Y'akoto: Für mich ist die Suche immer interessanter. Wenn ich schreibe oder am Klavier sitze, dann suche ich. Soul wird ja auch von jedem anders interpretiert und ich suche immer die Essenz. Es ist für mich sehr intim und persönlich und daher die Seele meiner Musik. So etwas hat Bestand. Künstler, die verstorben sind, hinterlassen uns ihre Seele in ihrer Musik. Ein Schauspieler hinterlässt sein Werk. Das fasziniert uns doch alle. Ich definiere Soul also nicht als Musikrichtung, sondern als Seele. Das ist aber wohl ein durchaus interessantes Missverständnis. (lacht)

"Krone": Ist es für dich ein Ziel, Musik zu erschaffen, die die Zeiten überdauert und Geschichte schreibt?
Y'akoto: Das wäre natürlich wunderschön, aber so weit bin ich noch nicht, dass ich so über mich selbst nachdenke. Ich will Musik machen, die ich mir selber gerne anhöre, die mich überdauert.

"Krone": Du wirst sehr oft mit großen Sängerinnen wie Nina Simone oder Billie Holliday in Verbindung gebracht. Ist das für dich belastend oder ärgerlich?
Y'akoto: Das denke nicht ich mir aus, sondern die Presse oder Menschen, die sich mit mir beschäftigen. Wenn jemand mit mir sprechen will, hat er meist schon ein ganz bestimmtes Thema im Kopf, ich kann das ja nicht kontrollieren, wohin die Gesprächsreise geht. Mit Nina Simone habe ich eigentlich nichts am Hut, aber die Freiheit muss man auch lassen. (lacht) Ist ja auch egal. Ich habe letztens mit einem Freund von mir über Beziehungen und Freundschaften geredet, das war echt geil. Sein O- Ton war: "Ich würde für Nina Simone vor den Bus springen, aber ich würde sie nicht vögeln." (lacht) Sie ist halt eine wichtige Persönlichkeit und war prägend für die damalige Zeit und das schwarze Frauenbild. Aber ich würde mir ihre Musik nicht zum Essen anhören. Die Frauen haben damals sehr viel durchlebt und sind für etwas eingestanden. Sie haben ihr Leben in Gefahr gebracht - so etwas kenne ich ja nicht. Ich kann in Ruhe meine Musik machen und darf auftreten – stell dir mal vor, du hättest Auftrittsverbot. Ich würde dann wohl endgültig den Hut draufhauen.

Y'akoto wird im Zuge des Wiener Waves Festivals am 2. Oktober bei der "Warner Music Night" im Porgy & Bess live zu sehen sein. Eine Tour mit Österreich- Terminen im Jahr 2015 steht im Raum, ist aber noch nicht fixiert.

19.09.2014, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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