Fr, 27. April 2018

Landesrat Seitinger

17.01.2018 15:02

"Wir wehren uns mit Händen und Füßen"

Man weiß mittlerweile, die Vernetzung von Saatgut-, Düngemittel- und Chemiekonzernen ist gewaltig - aber wie extrem und unter Umständen gefährlich die Abhängigkeit ist, ist den Steirern oft nicht bewusst. "Wenn ein Konzern einen Schalter umlegt, kann er auf der Welt eine Hungersnot auslösen!" - Mit diesem Schock-Satz ließ jetzt Johann Seitinger aufhorchen. Der Agrar-Landesrat klärt auf, forciert "Klasse statt Masse" und will sich mit "Händen und Füßen" wehren.

"Krone": Herr Seitinger, Sie ließen mit dem erschreckenden "Hungersnot"-Satz aufhorchen, was meinen Sie damit?
Johann Seitinger: Wie ich es sage: Die Saatgut-, Düngemittel- und Chemiekonzerne sind mittlerweile so eng vernetzt, dass sie eine riesige Macht in der Hand haben. Sie beherrschen den Markt, haben die Kontrolle. Vom Körndl bis hin zum Pflanzenschutz.

"Krone": Was heißt das praktisch?
Seitinger: Es gibt weltweit nur noch wenige Mega-Anbieter, man muss von ihnen zu ihren Preisen kaufen, ob man will oder nicht. Es ist eine gigantische Markt- und Machtkonzentration. Und es ist ja nicht nur das Saatgut. Man braucht dann die Düngemittel auch dazu, die Chemie, den Pflanzenschutz. Alles aus einer Hand. Ein Kreislauf. Eine Geißel.

"Krone": Wie konnte man in diese Abhängigkeit geraten, was ist mit Gesetzen, dem Staat?
Seitinger: Man hat sicher teilweise übersehen, dass Großkonzerne sich in so einer Art zusammen schließen. Und die Konzerne haben dann die Gesetze mitgeformt. Ein einziger davon hat den Umsatz, der dem Gesamtbudget Österreichs entspricht. Das beantwortet viele Fragen.

"Krone": Früher hat man ein Drittel der Ernte für Aussaat zurückgelegt. Ferkel behalten, um mit ihnen neu zu züchten. Das ist teils unmöglich geworden! Der Mais von heute etwa reproduziert sich gar nicht mehr, Hybridhühner auch nicht. Mit welcher Begründung konnte das denn derart entgleisen?
Seitinger: Dass sonst Krankheiten ins System kommen. Aber: Dagegen heißt es mit aller Kraft ankämpfen. Wir haben allein 3000 Sorten Paradeis, viele von uns wissen, dass nur die alten Sorten wirklich schmecken. Über Jahrhunderte wurden sie resistent gegen Schädlinge gezüchtet. Weder Vielfalt noch Geschmack noch Rückkehr zu weniger Chemie dürfen wir uns nehmen lassen. Zum Glück haben wir noch kleine Saatguthersteller, wie die Saatgut in Gleisdorf. Sowas müssen wir mit aller Kraft erhalten.

"Krone": Grad in der Steiermark hängt doch viel davon ab.
Seitinger: Genau, wir haben uns "Klasse statt Masse" auf die Fahnen geheftet, wollen den Feinkostladen Österreichs sogar noch erweitern. Da passt diese Strategie: "eine einzige Nahrung, eine Geschmacksrichtung, ohne Alternative" nicht dazu. Dagegen werden wir uns mit Händen und Füßen wehren.

"Krone": Wie stehen die Chancen unseres kleinen Landes gegen die Mega-Konzerne?
Seitinger: Die Frage stellt sich mir nicht. Man muss den Mut haben sich klar zu positionieren - auch gegen so eine vermeintliche Übermacht.

Christa Blümel, Kronen Zeitung

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