Di, 21. November 2017

„Krone“-Interview

06.11.2017 17:09

JP Cooper: „Ich arbeite hart für meinen Sohn“

Als Stimme der Jones-Blue-Single "Perfect Strangers" wurde er einem breiteren Publikum bekannt, der "September Song" und "She's On My Mind" folgten. Mittlerweile ist der 34-jährige Spätstarter JP Cooper aus Manchester mit seiner Mischung aus Soul, Indie Rock, R&B, Dance und Grunge in aller Munde - und kommt nach einem gefeierten Frequency-Gig ins Wiener WUK. Wir haben nicht nur 2x2 Tickets für das Konzerthighlight für euch, sondern auch ein umfassendes Interview samt Österreich-Bezug mit dem sympathischen Rastaträger geführt.

"Krone": JP, dein Auftritt beim Frequency war dein zweites Mal in Österreich, nachdem du im Frühling für ein paar Interviews in Wien warst.
JP Cooper: Offiziell ja, aber davor habe ich eine Wienerin gedatet. Eigentlich ist sie aus Amstetten, aber sie lebte in Wien. Das ist schon länger her. Ich habe sie in Spanien im Urlaub getroffen und dann noch einmal in Prag und später sind wir ein paar Mal zwischen Österreich und England hin- und hergefahren. Sie ist ein tolles Mädchen und mittlerweile Chirurgin.

Du kennst die Kellergeschichten von Amstetten?
Natürlich. Als sie Fritzl enttarnten und das Rätsel gelöst haben, war ich sogar dort. Es lief Tag und Nacht in den Nachrichten, einfach nur irre. Aber Österreich ist natürlich ein wunderschönes Land. Ich mag den Winter mit dem Schnee hier, so etwas haben wir in England leider nicht. Die Parks sind wundervoll, aber natürlich bin ich am liebsten hier, wenn die Sonne scheint.

Unlängst hast du endlich dein Debütalbum veröffentlicht, auf das viele Leute schon ziemlich lange gewartet haben. Warum hat sich das so lange gezogen?
Ich denke das Label hatte sehr viel Geduld mit mir. Du hast aber nur eine Chance, mit dem Debütalbum deine Visitenkarte abzugeben. Ich hatte schon Material für drei Alben zusammen, aber ich war nicht zu 100 Prozent glücklich mit den Songs. Wir haben es nicht fertig aufgenommen, aber die Songs standen schon alle fest, bis ich draufkam, dass es mir nicht gefiel. Es ging dann zurück ans Storyboard, um noch einmal neu durchzustarten. Wir haben in den letzten drei Jahren eine sehr langsame Entwicklung genommen und ich bin extrem froh darüber, dass alle so viel Geduld mit mir hatten. Ich bin kein professioneller Schreiber und musste das Material erst wachsen lassen.

Hast du die früheren, bereits fertiggestellten Ideen verworfen, oder schlummern sie noch auf diversen Festplatten?
Manche habe ich übrig gelassen, aber nicht alle. Bevor wir das Album schlussendlich im Kasten hatten, gab es fünf verschiedene Versionen. Wir haben sicher an die 80 Songs eingespielt und wer weiß - vielleicht komme ich noch einmal darauf zurück. Ich werde aber weiterhin an neuen Songs schreiben, denn das habe ich mittlerweile liebgewonnen. Ich mag es schon auf der Bühne zu stehen, aber mein Herz ist im Studio verhaftet.

"Raised Under Grey Skies" ist der Albumtitel des Werkes. Spielt er auf deine Heimatstadt Middleton in Manchester an?
Manchester ist sehr bekannt für seinen Regen und eine trübe Atmosphäre. Der Titel spielt aber auch auf einen gleichnamigen Song an, der sehr autobiografisch ist und quasi die Seele des Albums ist. Ich gebe einen großen Einblick in mein Familienleben, als ich jünger war, was auch ein wichtiger Grund dafür war, warum ich heute Musik mache. Ich denke, der Song erklärt mich und meine Heimat sehr gut.

Manchester ist eine sehr industrielle und auch rustikale Stadt. Kann es dort für einen jungen Mann wie dich, der Kunst und Kultur verfallen ist, schon mal schwierig werden?
Das kann schon sein. Meine Eltern waren visuelle Künstler. Zwar ohne Erfolg, aber mit viel Leidenschaft. Manchester ist eine Stadt, in der die Working-Class-Mentalität überwiegt und das lokale Fußballspiel alle anderen Probleme überragt - für Kunst ist da bei vielen maximal in ihren Träumen Platz. Es war schon etwas schwierig in meinen Jugendtagen, aber die Musik wird in Manchester glücklicherweise angesehen, schon aufgrund ihrer Historie. In Manchester redest du aber nicht über deine Gefühle, weshalb die Musik von dort eher für Partys oder zum Mitsingen geeignet ist als für eine intensive Auseinandersetzung. Heute hat sich die Lage stark gebessert. Ich habe in der Schule absichtlich schlecht gesungen, weil ich von den anderen nicht gemobbt werden wollte. So lässt sich die Stadt wohl am besten beschreiben. (lacht)

Du hast also länger gebraucht den nötigen Mut zu finden, dich und deine Stimme auch wirklich entfalten zu lassen?
Als ich Grunge entdeckte, änderte sich mein Leben fundamental. Ich liebte die Attitüde und auch die Tatsache, dass keine Musik damit vergleichbar war. Hinter den lauten Gitarren versteckte sich sehr viel Blues und Soul. Alles an dieser Musik hat mich gepackt und ich verliebte mich total, übernahm auch die Attitüde der Musiker des Grunge.

Ist das Debütalbum somit eine Zusammenfassung deines bisherigen Lebens?
Teilweise, es gibt aber auch ein paar Geschichten, die nicht direkt mit meinem Leben zu tun haben. Der Großteil ist aber schon daraus gegriffen.

Hat der Song "Passport Home" im erweiterten Sinne etwas mit der Flüchtlingskrise zu tun?
Nein, aber als ich den Song fertiggeschrieben hatte, wurde mir erst klar, dass er zu so vielen Menschen und ihr Leben passt. Der Ursprung war ein trivialer - ich war gerade in den USA und habe meinen Reisepass verloren. Als ich draufkam, war ich gerade im Studio und habe sofort an dem Song geschrieben. Es gibt so viele Menschen in unseren Leben, die in dem Sinne wie Reisepässe sind, als dass sie immer durch die Welt pendeln und kein richtig standhaftes Daheim haben. Der Song hat auch etwas Sehnsüchtiges, denn ich bin selbst Vater und verbringe viel zu viel Zeit weit von meinem Sohn entfernt. Ich bin mir sicher, dass dieser Song ganz viele Menschen erreichen kann. Im Video dazu geht es um eine Frau, die versucht, ihr Visa zu bekommen. Ich bin niemand, der explizit politische Songs schreibt, aber diese Nummer atmet sicher den Geist davon.

Dein Sohn ist mittlerweile fünf Jahre alt. Nimmst du ihn manchmal mit auf Tour?
Es ist schwierig. Er war mit mir auf einem Festival an der Küste in Südengland, weil das logistisch viel einfacher ist. Wir haben stets eine großartige Zeit zusammen und ich würde mir wünschen, er wäre immer dabei. Jetzt geht er aber schon zur Schule und ich versuche ihn in den Ferien öfter mitzunehmen. Es ist aber nicht nur wichtig, dass er sieht, was ich mache, sondern dass er auch sieht, dass es richtig schwere Arbeit ist. Er sollte wissen, dass es viele Wege zum Erfolg gibt. Ich will niemanden von einer Uni abraten, aber man muss zeigen, dass es auch Menschen ohne Universitätsabschluss gibt, die Erfolg haben können. Ob das die Musik ist, Sport oder Autoreparaturen ist nebensächlich - man muss 'Talent erkennen und fördern.

Hat seine Geburt dich und deinen Zugang zur Musik und deinem Job verändert?
Definitiv. Es hat meine Arbeitsethik fundamental verändert. Ich schätze die Zeit, die ich mit dem kleinen Mann verbringen kann. Wenn er in meiner Nähe ist, dann braucht er mich in seiner vollen Persönlichkeit, aber wenn er nicht da ist, vermisse ich ihn unendlich. Du lernst einfach die gemeinsame Zeit wirklich zu schätzen. Wenn ich nicht bei ihm bin, dann muss ich meinen Job so gut wie möglich machen. Wenn ich nicht wirklich hart arbeite und alles gebe, fühle ich mich extrem schuldig. Ich möchte ihm einfach die besten Möglichkeiten für seine Zukunft geben - das gibt mir inneren Frieden.

Was ist denn der persönlichste Song, den du für "Raised Under Grey Skies" geschrieben hast?
Möglicherweise der Titeltrack, weil er einfach meine Kindheit zusammenfasst. Die Leute werden den Song aus unterschiedlichsten Perspektiven wahrnehmen und viele glauben, dass es ein Song über Gott wäre. Das war nie so geplant, aber wenn das jemand so sieht ist das natürlich total okay für mich. "Beneath The Streetlights And The Moon" dreht sich hauptsächlich um Dinge, die man an jemandem vermisst, wenn er nicht mehr in deinem Leben ist. Mein Fokus für die Zukunft liegt darauf, noch offener und ehrlicher zu sein, noch weniger von der Wahrheit meines Lebens aus Angst herausschneiden. Das ist für alle Künstler eine große Herausforderung.

Fällt es dir manchmal auch schwer, dich für deine Fans zu öffnen?
Ich finde das gar nicht so schwierig. Mir ist die Öffentlichkeit ziemlich egal, es ist immer dann schwierig, wenn ich weiß, dass die Menschen, um die sich die Songs drehen, draufkommen, dass sie gemeint sind. (lacht) Es geht bei mir immer um echte Menschen und ihre Geschichten, denn ich bin sehr ehrlich und offen.

Deine Eintrittskarte in den europäischen Markt war der Song "Perfect Strangers" mit Jonas Blues. Reicht es dir mittlerweile schon, diese Nummer zu spielen?
(lacht) Nein. Der Song war ziemlich seltsam für mich, denn vor zehn Jahren dachte ich noch, ich würde mir eher ins Gesicht schießen als einmal professionell Musik zu veröffentlichen. Ich war nicht wirklich ein Fan von Dance-Music und damals gab es für mich die Möglichkeit, ein Instrumental zu schreiben. Ich machte mir einen Spaß daraus und tat es einfach. Plötzlich kam Jonas zu mir und sagte, er mochte meine Stimme auf seiner Demo und so kam der Stein ins Rollen. Ich liebe es, mit anderen zusammenzuarbeiten, aber ich liebe auch die Freiheit, die ich in meiner Arbeit genieße. Eine Menge der Songs, die ich in den letzten Jahren veröffentlichte, unterscheiden sich musikalisch stark voneinander, so werde ich auch in Zukunft weitermachen. Es kann ruhig irgendwo zwischen Rage Against The Machine, Björk und Die Antwoord liegen. Ich will mich nicht beschränken und habe "Perfect Strangers" dann einfach veröffentlicht. Die Fans fanden die Nummer anfangs seltsam, aber sie wurde ein Hit. Ich habe dabei viel über mich selbst gelernt, denn dein Ego kann dich sehr oft von guten Möglichkeiten abhalten, weil du oft glaubst, du wärst für viele Dinge zu cool. Ich habe letztes Jahr viele Dance-Festivals vor Tausenden Menschen gespielt, die Spaß hatten und lachten. Das habe ich diesem Song zu verdanken, den ich anfangs gar nicht so mochte. Man muss sich einfach öffnen und darf keine Barrieren aufbauen.

Hattest du vor zehn Jahren, als du noch überhaupt nicht mit einer Karriere als Profimusiker gerechnet hast, einen Plan B in der Tasche?
Ich bin niemand, der überhaupt jemals Pläne machte. Wie gesagt komme ich aus einer Working-Class-Gegend und keiner meiner Freunde hat sich jemals Gedanken darüber gemacht, ein nettes Auto zu kaufen oder ein eigenes Haus zu bauen. Meine Kumpels hatten keine Ahnung, was sie mit 30 machen wollten. Es ging eher um eine Lage wie "okay cool, wir sind alle pleite, ist halt so". Als ich dann mit den Songs durchstartete, musste ich mich erst selbst ordnen. Man muss diese Möglichkeiten aber auch ausnutzen. Ich habe in Cafés, Bars und Kaufhäusern gearbeitet - eben überall dort, wo man keine große Verantwortung übernehmen muss. Ich wollte meine Stunden runterbiegen und habe jede freie Minute für die Musik aufgewendet. Spät aber doch hat sich das ausgezahlt, denn ich war bereits 30, als ich meinen ersten Plattenvertrag unterschrieb. Nun bin ich hier und gebe Interviews in Österreich.

2x2 Tickets gewinnen!
Vorerst kommt JP Cooper aber für seine erste Single-Show nach Wien. Am 11. November feiert er mit Rhyan Lewis im Gepäck den Faschingsbeginn im Wiener WUK. Wir haben 2x2 Karten zurückgelegt, die Sie hier gewinnen können. Schreiben Sie uns einfach eine E-Mail mit dem Kennwort "JP Cooper" und Ihren Daten und senden Sie sie an pop@kronenzeitung.at. Einsendeschluss ist Donnerstag, 9. November, 12 Uhr. Die Gewinner werden von uns verständigt. Karten für das Konzert erhalten Sie unter www.musicticket.at.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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