Sa, 18. November 2017

Turn Out The Lights

29.10.2017 18:56

Sängerin Julien Baker trägt jetzt Verantwortung

Julien Baker fällt nicht mit der Tür ins Haus. Die Songs der US-Musikerin sind fragil, oft nur spärlich instrumentiert. Auf ihrem neuen Album "Turn Out The Lights" geht Baker allerdings ein paar Schritte weiter. "Ich habe lange an diesen Stücken gefeilt", betont sie. "Was braucht der Song, was ist seine Essenz?" Entstanden ist so eine direkte wie melancholische Platte.

Die elf Lieder sind eine logische Weiterentwicklung des Debüts "Sprained Ankle". Die heute 22-Jährige hat sich damit vor gut zwei Jahren als Solomusikerin vorgestellt, nachdem sie zuvor in einer Indie-Band erste Gehversuche wagte. Was sie aus dieser Zeit mitgenommen hat? "Das zu machen, was sich natürlich und pur anfühlt", unterstreicht sie im APA-Interview. "Wir taten uns oft schwer, bei einem Stil zu bleiben - wir mochten einfach viele unterschiedliche Dinge."

Zwischen Folk und Alternative
Als Singer-Songwriterin hat sie ihre Stimme aber recht schnell gefunden. Zwischen Folk und Alternative changierend, sind es meist nur ihre Gitarre, ein paar Takte am Klavier und ihr volles, einnehmendes Timbre, die das Grundgerüst liefern. "Es ist ein natürlicher Prozess für mich", beschreibt Baker die Entstehung der Songs. "Ich muss das nicht bewusst anstoßen, es passiert einfach. Was mich beschäftigt, hinterlässt einen Eindruck, und durch die Songs kann ich mich dem nähern."

Dabei ist es für die in Memphis geborene Künstlerin einerlei, ob ein Lied auch für ihr Publikum das Licht der Welt erblickt. "Ob ich die Songs veröffentliche oder nicht, eigentlich sind sie ein Nebenprodukt dieses Prozesses: Durch Musik verarbeite ich Erlebtes. Und so entsteht das Rohmaterial, mit dem ich weiter spielen kann." Der Vorteil bei Album Nummer zwei sei gewesen, dass sie einerseits länger Zeit hatte, andererseits die Entstehung und Auswahl der Songs auf dieses Ergebnis hinzielten.

Gravierende Änderung
Immerhin hat sich in den vergangenen Monaten einiges getan bei Baker: "Beim ersten Album wusste ich nicht, ob ich ein Publikum habe", lacht sie. "Jetzt war mir das klar. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass ich nicht an meine Hörer gedacht hätte." Eingeschränkt sei sie dadurch aber nicht gewesen. "Im Gegenteil", rekapituliert die Sängerin. "Ich war so motiviert, das Ehrlichste zu machen, zu dem ich fähig bin. Schließlich trage ich eine Verantwortung für diese Lieder."

Wie nebenbei klingt auf "Turn Out The Lights" jedenfalls nichts: Teils mit etwas dichteren Arrangements als zuvor, wagt sich Baker öfters aus der Deckung. Ihre Stimme wird da und dort gedoppelt, wirkt selbstbewusster und kraftvoller. Aber insbesondere sind es die Instrumente, die immer wieder die Führungsrolle einnehmen. "Es gibt von jedem Track verschiedene Takes, oft mit vielen Spuren. Davon ausgehend, lief es in umgekehrter Richtung ab: Was kann bleiben, und was muss weg? Alles, was nicht unbedingt notwendig war, wurde wieder weggelassen. Es ging mir um eine subtile Ergänzung, die die rohe Qualität der Stücke unterstützt."

Mitten im Graubereich
Das ist Baker, die wieder vieles in Eigenregie sowie mit befreundeten Musikern umgesetzt hat, eindrucksvoll gelungen. Allen voran "Appointments" oder der Titeltrack zeigen neue Facetten in ihrem Sound. Und inhaltlich geht es natürlich wieder um Beziehungen, in unterschiedlichsten Formen, aber auch um den eigenen Platz in der Welt. "Traurigkeit schließt Freude nicht aus, man kann beides zur selben Zeit empfinden", gibt Baker zu bedenken. "Vieles im Leben passiert in einem Graubereich." Beeindruckend, wie die junge Frau in kurzer Zeit künstlerisch gereift ist. Geht es in dieser Manier weiter, kann man noch einiges erwarten von Julien Baker.

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