So, 19. November 2017

Uraufführung

08.10.2017 20:35

Betrunkener Blowjob mit Banane

Klischees sind die lustigen, meist harmlosen kleinen Schwestern der Vorurteile. Gehegt und gepflegt werden sie in Komödien, Kabaretts, an Wirtshaustischen und im Witze-Milieu. Die EU ist da natürlich ein vorzügliches Feld, um es zu beackern. Genau damit beschäftigt sich die Musik-Revue "Hotel Europa" von Marco Dott.

Weil es um Anspruch geht und nicht um Klamauk-Klamotten wird es am Ende moralisch. "Der Krieg kommt schneller zurück, als du denkst", miteinander und nicht jeder für sich, die "Ode an die Freude" darf nicht fehlen. Für einen gilt "Alle Menschen werden Brüder" nie und nimmer: den geburtsgrantigen Concierge Josef (Walter Sachers), dem sind alle "zwida". Da fällt er schon mal ins Fäkal-Vokabular. Nachdem die strenge EU-Contollerin (Genia Maria Karasek), die im Suff naturgemäß anlassig wird, eine Entleerungs-Verordnung erklärt (ha, ha, so sind sie, jetzt schreiben sie auch die Kackwurst-Krümmung vor!), schickt er mit "geht’s scheißen" in die Pause. Oh, la la, sowas von garstig. Das hätte höchstens "Pornojäger" Humer aufgeregt. Bevölkert ist das abgewohnte EU-Hotel mit National-Typen: Alle "Deitschn" (diesfalls Axel Meinhardt) rennen mit Shorts und Socken in den Sandalen rum, haben Handtuch plus Tupperdose dabei, gieren nach Currywurst. Der griechische Tellerwäscher (Marcus Bluhm) will (logisch) mehr Geld, der italienische Piccolo Luigi (Gregor Schleunig) ist ein sprudelnder "Südwind", die Hoteldirektorin (Anja Clementi) agiert als Merkel-Kopie mit Vierfinger-Raute, "Wir schaffen das!" und "In der Ruhe liegt die Kraft". Gar viel, was bei jedem Karneval als Schenkelklopfen-Schnee von gestern gilt.

Salzburger: Uraufführung von Marco Dotts "Hotel Europa", ein großer Erfolg

Es gibt Figuren, die "fallen" aus der Rolle: Die laszive Französin (Julienne Pfeil), die betörend heroisch schmachtet. Dass sie (ebenfalls besoffen) einen Bananen-Blowjob (mit "Kastration") macht, Schwamm drüber. Der Erdogan-Türke (Gürkan Gider), der kein Zimmer bekommt und sich wie ein tobendes Kind auf den Boden wirft - großartig. Der exzentrisch zickende Brite (Gregor Schulz) - fantastisch. Die breite Musikpalette von Beethoven bis Pop befärbeln Tom Reif und Bruno Juen. Es war ein großer Premierenerfolg, wahrscheinlich habe nur ich ein Problem: Werden Klischees klischiert, also überhöht, ist das keine Befreiung, sondern eine Bestärkung und Bewehrung des Vorurteils. Aber: der nächste Fasching ist nah und ich bin wohl ein echt humorloser Europäer.

Hans Langwallner, Kronen Zeitung

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