Di, 21. November 2017

„Krone“-Interview

17.09.2013 15:58

2raumwohnung: „Einmal Punk, immer Punk“

Nach vierjähriger Abwesenheit sind die deutschen Electro-Aushängeschilder 2raumwohnung wieder in aller Munde. Mit dem neuen Album "Achtung fertig" besinnen sich Inga Humpe und Tommi Eckart wieder auf ihre Wurzeln und lassen die Experimentierfreudigkeit links liegen. Im "Krone"-Interview spricht Humpe über das Punk-Sein im höheren Alter, warum es in Österreich nie so ganz mit dem großen Durchbruch klappte und wie sie ihr Burn-out überstanden hat.

"Krone": Inga, euer neues Album nennt sich "Achtung fertig" – was ist mit dem "los" passiert?
Inga Humpe: Das "los" überlassen wir dem Hörer und Käufer – der hat ja auch das letzte Wort (lacht).

"Krone": Früher mal habt ihr eure Alben im Stakkato-Takt veröffentlicht. Jetzt lagen zwischen "Lasso" und "Achtung fertig" vier lange Jahre. Warum die Auszeit?
Humpe: Wir hatten keine Lust, eine Deadline zu vereinbaren, bevor wir nicht die ganze Musik zusammengetragen hatten. An dem Album selbst haben wir ungefähr zwei Jahre gearbeitet. Vorher haben wir noch viel live gespielt und in Frankfurt diese Sinfonieorchester-Geschichte mit Moritz Eckert gemacht. Ich habe mit dem Udo Lindenberg dazwischen auch das Duett "Ein Herz kann man nicht reparieren" gemacht und dann ging es langsam los.

"Krone": Auf "Achtung fertig" klingt ihr viel stärker nach eurer eigenen Vergangenheit. Wieder mehr Electro-Pop und weniger Experimente. Was war der Grund für diese Rückbesinnung?
Humpe: Wir waren ja längere Zeit in Kalifornien und hatten den Blick von außen auf Deutschland und es gibt eine große Tradition von deutscher elektronischer Musik. Die Gitarren auf den letzten Alben waren hauptsächlich deswegen drauf, weil die Musiker sie eingespielt haben, mit denen wir auch live aufgetreten sind. Wir haben uns jetzt bewusst darauf besinnt, wer wir real sind, wie wir angefangen haben und wie wir auch von außen gesehen werden. In dem Zusammenhang sind wir wieder verstärkt auf die elektronische Musik zurückgekommen, obwohl wir sie ja nie wirklich verlassen haben. Wir haben aber auch gedacht, dass der Gitarrensound im deutschsprachigen Raum so verbreitet ist, weil es eben so viele Band in diese Richtung gibt. Wir wollten was anderes als die anderen machen.

"Krone": Habt ihr in Kalifornien nur das Album aufgenommen, oder habt ihr dort auch gewohnt?
Humpe: Insgesamt haben wir dort schon viel Zeit verbracht. Einmal waren es zwei Monate, das andere Mal drei, aber wir haben hauptsächlich geschrieben. Da waren sehr etwa 30 andere Leute beteiligt, wir waren eine wirklich große Kommune in der 2raumwohnung. Gefertigt haben wir das Album dann in Berlin.

"Krone": "Viele Köche verderben den Brei" ist somit keine Redensart, die du gutheißt?
Humpe: Nein, es wurde ja auch nicht gekocht, sondern an einem Album gearbeitet (lacht).

"Krone": Wolltet ihr schon bewusst mal aus Berlin raus, als ihr nach Kalifornien gegangen seid?
Humpe: Das war absolut nötig, weil wir bislang wirklich fast alles in Berlin produziert haben. Wir haben es geliebt, in der Fremde zu sein, weil wir einen ganz anderen Blick auf die Sachen bekommen haben. Das ist das Schöne am Reisen und Fremdsein – es ist alles so neu.

"Krone": Zwischen Berlin und Los Angeles herrscht nicht nur vom Klima, sondern auch von der Mentalität her ein großer Unterschied. Hat sich dieser auf dem Album widergespiegelt?
Humpe: Ich glaube, am stärksten hört man den L.A.-Sound im Lied "Ich dich auch", weil das Lied auch ein bisschen langsamer ist. Das ist auch ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Städten.

"Krone": Von dir stammt das Zitat: "Texte schreiben ist die Pest." Fällt es dir immer so schwer, Worte und Gefühle auf Papier zu bringen?
Humpe: Auf diesem Album war es besonders schwierig, weil ich auch mit verschiedenen Autoren an dem Album gearbeitet habe. Es gab die schönsten Melodien, die besten Kompositionen und ich musste dann hinterher den deutschen Text darauf anpassen. Auf bestehende Melodien einen Text zu machen, ist ein Handwerk für Fortgeschrittene.

"Krone": Sehr viele Songs auf "Achtung fertig" drehen sich um Liebe und Zweisamkeit. Steckt in 2raumwohnung so viel Romantik?
Humpe: Nicht ausschließlich. Hauptsächlich geht es um Gefühle und Empfinden, was natürlich auch zwischenmenschliche Sachen sind. Das sind nicht so die romantischen Aspekte. Wir sehen Musik eher als Verstärker von Gefühlen. Wir beschreiben im Prinzip, wie wir die Welt wahrnehmen.

"Krone": Den Eröffnungssong "Ich mag's genauso (wie's gerade läuft)" könnte man auf 2raumwohnung ummünzen. Läuft bei euch alles so, wie ihr es euch wünscht?
Humpe: Wir erlebten in Kalifornien als auch in Berlin ein richtiges Abenteuer und konnten alle Ideen, die wir hatten, endlich wieder umsetzen. Berlin ist auch eine sehr wilde Stadt, die uns immer wieder aufs Neue inspiriert – wir können uns wirklich nicht beklagen.

"Krone": Ich finde, dass das Album sehr leichtfüßig und entspannt klingt. Besteht da auch der Wunsch, es damit endgültig in die Mainstream-Charts zu schaffen?
Humpe: So etwas kann man nicht sagen. Ich glaube nicht, dass wir uns so ein Ziel von Natur aus setzen, aber wenn es dann passieren sollte, haben wir natürlich auf keinen Fall was dagegen.

"Krone": Bevor die Stadt Berlin richtig hip wurde, habt ihr sie mit 2raumwohnung mitunter schon hip gemacht. Wie hat sich die Stadt für dich verändert und welche Auswirkungen hat das auf deine Kunst?
Humpe: Mit der Stadt Berlin wächst auch die musikalische Vielfalt, und das ist wirklich klasse. Es gibt immer noch große Undergroundbewegungen und eine große Subkultur, allerdings auch breitenwirksam erfolgreiche Acts. Es kommt einfach sehr viel an guter und eigenwilliger Energie in Berlin zusammen.

"Krone": Tommi Eckart und du sind seit mittlerweile 20 Jahren ein Paar. Welche Vor- und Nachteile bringt das bei der Arbeit mit sich?
Humpe: Eigentlich hat das nur Vorteile, weil ich finde, dass Tommi die besten Beats und Grooves hat. Er ist für mich einfach der beste Musiker, mit dem ich mir vorstellen kann zusammenzuarbeiten. Die Leute, die nicht Musiker sind und zusammen waren, deren Beziehungen haben nicht so lange gehalten.

"Krone": Das "Intro-Magazin" warf euch vor, dass "Achtung fertig" der Nihilismus vergangener Tage fehlen würde. Habt ihr den schon satt oder lodert das Feuer noch so stark wie früher?
Humpe: Dass uns der Nihilismus fehlt, das ist schon richtig gesagt. Wir haben uns aber auch konzentriert, auf diesem Album so etwas wie Anti-Frust-Musik zu machen. In so eine Musik passt kein Nihilismus rein und außerdem sind wir keine Nihilisten. Ich kann aber auch verstehen, wenn die Leute sagen: "Diese ewig gut Gelaunten, die passen nicht zu mir" – das ist für mich auch völlig okay.

"Krone": Ihr stammt beide aus der New-Wave-, Pop- und Punk-Ecke der frühen 80er-Jahre. Steckt ihn euch noch viel Rebellion und jugendlicher Protest?
Humpe: Jugendlicher Protest wohl nicht mehr, aber wenn man einmal seine Meinung und Einstellung hatte, dann bleibt das auch. Du kennst ja den Spruch: "Einmal Punk, immer Punk." Die Punks sind diejenigen, die gegen herrschende System auftreten, und das fällt uns überhaupt nicht schwer.

"Krone": Was stört euch hauptsächlich an den bestehenden Systemen?
Humpe: Wir machen bestimmte Sachen einfach nicht mit. Ich interessiere mich aber auch nicht so für die bestehenden Systeme. Wir haben das Glück, sehr individuell sein zu können. Wir gehen zum Beispiel nicht in den großen Supermarkt, sondern in den kleinen Bio-Laden.

"Krone": Ist das eine Metapher für eure Musik?
Humpe: Könnte man so sagen. Obwohl es in Los Angeles natürlich riesige Bio-Läden gibt, in denen wir auch einkaufen (lacht).

"Krone": Könnte eine künstlerisch vielfältige, große Stadt wie Los Angeles Neuankömmlinge nicht förmlich auffressen?
Humpe: Das passiert nicht, weil die Stadt kein kultureute treffen. Das gibt es in L.A. nicht und deswegen ist die einzige Beschäftigung der Leute dort die kreative Arbeit.

"Krone": Deine Schwester Annette und du werden oft als die "Humpe-Hitfabrik" bezeichnet. Wie stehst du zu dieser Aussage?
Humpe: Ich finde das schon ganz lustig, sehe mich selbst aber nicht als Hitfabrik. Was ich ein bisschen vermisse, sind Wegbestreiter aus den alten Zeiten. Als wir mit 2raumwohnung angefangen haben, gab es noch Miss Kittin, die Chicks On Speed und Talk Talk. So viele interessante elektronische Bands mit Gesang. Da sind wir mittlerweile ein bisschen alleine. Es gibt auch von damals her gesehen sehr wenige Frauen, die da mit uns streiten.

"Krone": Hat sich die musikalische Landschaft für Frauen nicht zum Positiven verändert?
Humpe: Nicht positiv genug. Gerade in der elektronischen Musikszene gibt es einen Frauenanteil von unter zehn Prozent. Das ist eindeutig zu wenig.

"Krone": Was kann man dagegen machen?
Humpe: Man kann eine Vorbildfunktion für jüngere Menschen haben. So wie das mir jetzt der Fall ist.

"Krone": Du hast in deiner Karriere schon mehrfach Gold eingeheimst und auch den Berliner Bären bekommen. Wie wichtig sind dir als Punk solche Auszeichnungen?
Humpe: (lacht) So eine Auszeichnung kann man immer aus dem Hotelzimmerfenster werfen – das ist für einen Punk gut genug.

"Krone": Im Herbst spielt ihr ein paar Konzerte in Deutschland und auch in Zürich. Habt ihr auch Österreich auf dem Radar?
Humpe: Noch nicht, aber wenn sich das Album gut verkauft und wir im Radio gespielt werden, dann kommen wir gerne. Vielleicht nächstes Jahr. Jetzt ist erst einmal eine kleine Tour geplant.

"Krone": Im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz hat es für euch in Österreich nie so ganz gut geklappt. Weißt du, woran das liegen könnte?
Humpe: Keine Ahnung. Anfangs hat uns FM4 gespielt und dann Ö3 nicht, später war das dann umgekehrt. Das ist das Dilemma bei euch in Österreich, das uns trifft. Bei diesen internen Kämpfen geht manchmal etwas verloren.

"Krone": Du hattest unlängst auch schwierige Zeiten zu durchleben und musstest gegen ein Burn-out ankämpfen.
Humpe: Das ist mittlerweile schon sechs, sieben Jahre her und ich habe mein Leben dann auch geändert.

"Krone": Inwiefern hast du die Kurve gekratzt, sodass Motivation und Kraft zurückgekehrt sind?
Humpe: Ich habe einfach alles verlangsamt. Das ist nicht sehr einfach, weil es nicht vom einen auf den anderen Tag geht. Ich war auch nicht richtig krank, sondern nur geschockt über dieses Erlebnis.

"Krone": Würdest du dich selbst als getriebene Person mit Workaholic-Tendenzen bezeichnen?
Humpe: Überhaupt nicht, ich bin extrem undramatisch. Ich habe drei Jahre lang ohne einen einzigen freien Tag gearbeitet und das hat mir auch sehr gut gefallen. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich da über meine Grenzen gegangen bin.

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