Sa, 16. Dezember 2017

"Krone"-Interview

28.04.2012 15:37

Petzner: "Grasser wird zu Recht von der Justiz verfolgt"

Im U-Ausschuss leistet er Top-Arbeit – aber auch mit privaten Ausrutschern fällt er dort auf. Im Interview mit Conny Bischofberger spricht Stefan Petzner über den U-Ausschuss, Karl-Heinz Grasser, nächtelanges Aktenlesen sowie Rauchen am Parlaments-Klo und Schmetterlinge im Bauch.

"Strandbar Hermann" am Wiener Donaukanal. Am Ufer fädelt ein einsamer Großstadtfischer Würmer auf seine Angel. Im heißen Sand gibt es keinen einzigen freien Liegestuhl mehr. Stefan Petzner (31) erscheint in Sakko und schwarzem Hemd mit roten, viereckigen Knöpfen, dazu trägt er eine weiß-graue Jeans, slim-fit. Zwischen linkem Zeige- und Mittelfinger, wo ein Platin-Ring sitzt, verwandelt sich eine Marlboro zu Asche, die rechte Hand umklammert zwei Mobiltelefone, von denen eins (das Nokia) schon klingelt, bevor er noch "Hallo" gesagt hat. "Herr Staatssekretär... I ruf di zruck, gell? Servus."

"Das war der Osterhase", grinst der BZÖ-Mann – gemeint ist Medienstaatssekretär Josef Ostermayer – und nimmt mit zwei Zigarettenpackungen und seinen Handys auf einer der stylishen roten Plastik-Couchen Platz. Das Nokia ist fürs Reden, mit dem iPhone füttert er seine Twitter- und Facebook-Accounts mit politischen, aber auch privaten Details. Er könne sich schlecht konzentrieren, zwitscherte Petzner diese Woche, weil er "Schmetterlinge im Bauch" habe.

Verliebt sieht er eigentlich nicht aus. Eher geschafft. Nach so einem Untersuchungsausschuss-Marathon sei er manchmal fix und fertig, erzählt der orange Aufdecker und bestellt Wodka mit Red Bull. "Zwei Centiliter, mit Strohhalm."

"Krone": Herr Petzner, es hat 23 Grad und man darf rauchen. Ist das für einen Sonnenanbeter und Kettenraucher ein paradiesischer Zustand?
Stefan Petzner: Ja, ist schön hier! Die Sonne liebe ich, aber die Hitze mag ich weniger. Und was das Rauchen betrifft: Ich wollte mit 30 immer versuchen, aufzuhören. Das ist ein Prozess, der grad stattfindet. Irgendwann wird der Tag kommen.

"Krone": Nach einem halben Jahr Korruptions-Untersuchungsausschuss: Welche Note geben Sie ihm?
Petzner: Manche werden jetzt sagen: Na eh klar! Aber ich sage ganz objektiv: Knapp, aber doch ein Sehr gut.

"Krone": Und sich selber?
Petzner: Das hat Peter Pilz für mich formuliert: Stefan Petzner ist immer gut vorbereitet und leistet einen wertvollen Beitrag im U-Ausschuss.

"Krone": Den Sie und Herr Pilz aber auch zur Selbstinszenierung nützen, oder streiten Sie das ab?
Petzner: Der U-Ausschuss ist eine öffentlich zugängliche, politische Arena. Natürlich spielt da auch die Darstellung eine Rolle. Es wäre unehrlich, das abzustreiten. Aber während Pilz aus jeder Geschichte einen Skandal fabriziert, einen Mega-GAU, konzentriere ich mich auf die Sache. Wenn's wie beim Mensdorff nötig ist, nehm' ich dabei die Zeugen auch mit Schmäh und Witz von der Seit'n, um was rauszukriegen, während der Pilz sie frontal angeht. Ergebnis: Bei Pilz hat Mensdorff nix gesagt, bei mir hat er plötzlich zu plaudern begonnen.

"Krone": Haben Sie dafür einen Fragetechnik-Kurs belegt?
Petzner: Das nicht, aber ich hab' mir von einem sehr erfolgreichen, renommierten Klagenfurter Anwalt Tipps geben lassen.

"Krone": In diesem Ausschuss wird das "Who is Who" der österreichischen Politik und Wirtschaft vorgeladen, aber die Zeugen haben alle Erinnerungslücken und leiden unter Wahrnehmungsschwäche. Was hat das alles für einen Sinn?
Petzner: Auch eine Entschlagung kann sehr vielsagend sein. Sie zeigt mitunter, dass man einen wunden Punkt getroffen hat. Außerdem: Dass sich ein Beschuldigter in einem Strafverfahren vor dem U-Ausschuss auch entschlagen kann, ist ein gesetzlich verankertes Grundrecht. Und daran rüttelt man nicht. Was hat das alles für einen Sinn? Der Vorschlag zum Parteienfinanzierungsgesetz, den die Regierung am Freitag aus dem Boden gestampft hat, das ist auch ein Erfolg des Untersuchungsausschusses. Denn der U-Ausschuss hat erst den Druck auf die Regierung erzeugt, endlich was zu tun. Und wir haben beim Thema Korruption das Problembewusstsein in der Bevölkerung geschärft. Damit hat der Ausschuss schon zwei große Ziele erreicht, noch bevor er bei der Hälfte angekommen ist.

"Krone": Der Ausgangspunkt der Korruption ist Haiders Kärnten – Ihre politische Heimat. Wie geht es Ihnen damit?
Petzner: Stefan Petzner ist ein stolzer Kärntner, es ist das schönste Stückchen Erde, das es gibt. Es haben einzelne Personen aus Kärnten Malversationen zu verantworten - dafür aber ein ganzes Land an den Pranger zu stellen ist unfair. Karl-Heinz Grasser zum Beispiel, der sogar den Jörg Haider beim Buwog-Verkauf aufs Kreuz gelegt hat. Nur der Pilz will sich halt noch immer an Jörg Haider reiben, aber es gelingt ihm nicht. Denn Haider ist der Einzige, der mit Peter Hochegger keine Geschäfte gemacht hat. Im Gegenteil: Haider hat sogar per Weisung einen Werbeauftrag der Landesregierung an Hochegger untersagt.

"Krone": Dafür sind 720.000 Euro von der Telekom ans BZÖ geflossen. Wie können Sie das mit Ihrer Rolle im Ausschuss vereinbaren?
Petzner: Indem ich gemeinsam mit unserem Obmann Josef Bucher das Prinzip festgelegt habe, alles aufzuklären. Ohne Rücksicht auf Parteifarben. Auch die eigene nicht. Die Menschen honorieren diese Ehrlichkeit. Wir legen in den Umfragen zu.

"Krone": Peter Pilz schreibt in seinem Blog, Sie wären umgefallen, hätten aus Angst vor der Ladung Westenthalers Ihr Versprechen, einer zweiten Sondersitzung zuzustimmen, gebrochen. Korrekt?
Petzner: Das ist ein Blödsinn. Der Stefan Petzner hat gelernt, sich vor nichts und niemandem zu fürchten. Wir haben Westenthaler ja selber auf die Ladungsliste gesetzt. Die anderen Fraktionen haben diese Liste abgelehnt. Eine Sondersitzung hätte nichts gebracht, außer einer weiteren Vergiftung des politischen Klimas. Es muss aber die Aufklärung im Mittelpunkt stehen, nicht der Parteienstreit.

"Krone": Wie lange wird der Ausschuss noch dauern?
Petzner: Wir sind jetzt bei der Causa zwei von sieben. Also mindestens bis Ende des Jahres. Er ist erst dann fertig, wenn alles untersucht ist. Dafür müssen wir uns die Zeit nehmen, die notwendig ist.

"Krone": Und auch die Kosten in Kauf nehmen?
Petzner: Viele Leute glauben, wir kriegen da ein Extrahonorar. Das ist falsch. Wir kriegen unser Abgeordnetengehalt - mehr nicht. Dafür studieren wir Aktenberge, die so hoch sind wie der Stephansdom, Hunderttausende Seiten, von denen eine einzige entscheidend sein kann.

"Krone": Und wie findet man die?
Petzner: Es gibt ein elektronisches Suchsystem. Ich bin aber ein Mensch, der das Papier in der Hand halten will. Ich will auch die Zeitung angreifen können, oder ein Buch. Deshalb kommen alle entscheidenden Akten in Mappen, ich und meine drei Mitarbeiter sortieren das nach Buchstaben, Farben und Zahlen, wir haben ein eigenes Ordnungssystem entwickelt, damit wir Akten nach dem Lesen auch wieder finden. Mein Vorteil ist, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe, ich kann Seiten im Kopf abspeichern und später abrufen.

"Krone": Kriegen Sie manchmal Kopfweh vom Aktenlesen?
Petzner: Es ist anstrengend, und nach drei U-Ausschuss-Tagen bin ich – wie heute – an der physischen und psychischen Belastungsgrenze. Mehr als zwei Stunden Schlaf pro Nacht sind da nicht drin.

"Krone": Was wird am Ende dieses U-Ausschusses stehen?
Petzner: Sehr, sehr viel. So hat die Befragung von Grassers ehemaligem Kabinettschef am Donnerstag den Durchbruch in der Causa Buwog gebracht. Grasser ist aufgeflogen und Traumüller hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet. Dafür verdient er Respekt. Das möchte ich ganz bewusst gesagt haben, weil man liest, dass es ihm nicht so gut geht nach seiner Befragung im Ausschuss.

"Krone": Wird es zu einer Anklage kommen?
Petzner: Grasser ist ja der beste Selbstdarsteller ever. Aber nach dem Aktenstudium und dcht von der Justiz verfolgt. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass die Buwog eine geschobene Partie war, von vorn bis hinten. Und Grasser war das Mastermind. Aus meiner Sicht rechne ich mit einer Anklage, ja.

"Krone": Welcher Zeuge hat Sie mit Sympathie überrascht?
Petzner: Ali Mensdorff ist sicher einer, der mit - wie heißt es so schön? - Schirm, Charme und Melone punktet, was wahrscheinlich auch eines seiner Erfolgsgeheimnisse als Lobbyist ist. Aber Sympathien haben im Ausschuss, genauso wie Antipathien, keinen Platz. Das muss man beiseiteschieben, was für mich als gefühlsbetonter Mensch gar nicht so einfach ist.

"Krone": Apropos gefühlsbetont: Diese Woche haben Sie an fast 2.000 Follower aus dem U-Ausschuss getwittert, Sie hätten Schmetterlinge im Bauch. Was sollte das?
Petzner: Lacht.

"Krone": Wer ist die Glückliche?
Petzner: Entschuldigung, aber ich bin ja kein Hollywoodstar! So weit hat's dann doch nicht gereicht.

"Krone": Was wollen Sie damit sagen?
Petzner: Lacht. – Jetzt schau' ich da in die Bäume. Ich formuliere es so: Ich habe mir immer vorgenommen, auch als Politiker Mensch zu bleiben und das auch zu zeigen.

"Krone": Schmetterlinge im Bauch ist ein Synonym für Verliebtsein. Sind Sie verliebt?
Petzner: Saugt an seiner dritten Marlboro und denkt lange nach. - Ich bin verliebt in das Leben. Und zum Rest sag' ich nur: Es ist Frühling, die Sonne scheint. Frühlingsgefühle machen auch vor Politikern nicht halt. Es gibt aber Menschen, die ich schützen will, die nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden wollen.

"Krone": Warum twittern Sie es dann?
Petzner: Weil ich keine Mauern um mich herum aufbauen will. Das macht mich zwar angreifbar, aber diesen Preis bin ich bereit zu zahlen.

"Krone": Sind Sie gern ein bunter Hund?
Petzner: Ich mag das Bunte, das Laute, das Andere. Ich wollte nie der Typ Spindelegger sein. Der ist so fad, der ist so langweilig, der ist so blass, der strahlt gar nichts aus. Das Leben ist kurz und kostbar. Ich will ein kunterbuntes, ein bewegtes Leben, kein fades graues.

"Krone": Diese Woche haben Sie auch den Brandalarm im Parlament ausgelöst, weil Sie am Klo geraucht haben. Bringt so was auch Bewegung in Ihr Leben?
Petzner: Dass ein angeschlagener Rauchmelder zur Staatsaffäre wird, belustigt mich höchstens.

"Krone": Kennen Sie Ihre zwei Nicknames auf Twitter?
Petzner: Nein.

"Krone": Der eine heißt "Mr. Burns" und zielt auf Ihre Gesichtsfarbe ab, der andere "Streichholzkopf".
Petzner: Entsprechen mir beide nicht.

"Krone": Woher kommt Ihr Hang zur Solariumsbräune?
Petzner: Das kritisieren nur Leute, die sich nicht mit Jugendkultur beschäftigen.

"Krone": Zählen Sie sich mit 31 noch zur Jugend?
Petzner: Ja. Gott sei Dank. Es gibt so viele Jugendliche, die soli-gebräunt sind. Mir gefällt's eben. Was andere sagen, ist mir völlig wurscht. Mir muss es gefallen. Punkt.

"Krone": Leiden Sie an Tanorexie?
Petzner: Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass es diese Krankheit gibt. Ich halte das auch für was völlig frei Erfundenes, damit manche Ärzte viel Geld verdienen. Aber nicht mit mir.

"Krone": Oktober 2008: Damals haben Sie Jörg Haiders Tod als Weltuntergang bezeichnet. Würden Sie das wieder so sagen?
Petzner: Damals ist mir viel Unrecht widerfahren. Das hat Narben hinterlassen. Es war eine schmerzhafte, schwierige Zeit. Man kann die Zeit aber nicht zurückdrehen. Dieses 'Hätt' i, war' i, tätt' i' bringt daher auch nichts. Es war eine Ausnahmesituation, die ich niemandem wünsche.

"Krone": Was war Unrecht?
Petzner: Die vielen Spekulationen und falschen Interpretationen. Das war ungerecht und unfair.

"Krone": Wollen Sie sagen, dass man Ihre Tränen falsch gedeutet hat?
Petzner: Auch. Ich lasse mir meine Tränen aber nicht vorwerfen. Was ist schlimm daran, wenn Menschen weinen?

"Krone": Die Partei wollte Sie damals schnell loswerden. Tut das heute noch weh?
Petzner: Nein, es ist eher eine Bestätigung für mich. Der Herr Scheuch, der mich damals rausgeschickt hat, um den Kärntnerinnen und Kärntnern zu erklären, dass ihr Landeshauptmann gestorben ist, und währenddessen im Hinterzimmer Posten und Macht geschachert hat, dieser Uwe Scheuch wollte den Stefan Petzner über die Klinge springen lassen. Der hat nun einen Prozess am Hals und ist wahrscheinlich schon sehr bald Geschichte. Mich aber gibt's noch immer.

"Krone": Wo werden Sie in zehn Jahren sein?
Petzner: Da bin ich 41. Wo ich sein werde, entscheidet das Schicksal. Wo ich sein möchte, kann ich schon sagen. Ich möchte Kinder haben, ein Buch schreiben und ein Kaffeehaus besitzen. Denn meinen Kindheitstraum habe ich mir ja schon erfüllt.

"Krone": Was war Ihr Kindheitstraum?
Petzner: Ich habe nicht in der Sandkiste davon geträumt, Bundeskanzler zu werden. Ich wollte auch nicht Pilot oder Lokführer werden. Mein Traum war es immer, einmal Generalsekretär zu sein. Politiker wie der Peter Westenthaler - ich habe ihn immer im Fernsehen gesehen - waren damals meine Jugendidole. Viele andere laufen das ganze Leben einem Traum hinterher. Meiner ist schon sehr früh in Erfüllung gegangen. Das erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit.

Über Stefan Petzner:
Geboren am 17. Jänner 1981 in Laßnitz bei Murau in der Steiermark; der elterliche Bauernhof erstreckt sich über die Grenze bis nach Kärnten. Stefan Petzner hat zwei Schwestern und zwei Brüder. Publizistik-Studium an der Uni Klagenfurt, seine (unvollendete) Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Musik von Udo Jürgens. 2006 wird der "Haiderianer" BZÖ-Landesparteiobmann in Kärnten und stellvertretender Bundesobmann. Nach dem Tod von Jörg Haider (das BZÖ hatte gerade zwölf Prozent errungen) wird er 2008 zum neuen Parteichef nominiert. Nach seinen emotionalen Statements wird Josef Bucher Klubobmann. Heute sitzt der Abgeordnete für das BZÖ im Korruptions-Untersuchungsausschuss.

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