Sa, 16. Dezember 2017

Prozesstag 5

20.04.2012 13:50

Breivik: "Ich habe viel von Al-Kaida gelernt"

Die Ansichten des norwegischen Terror-Angeklagten Anders Behring Breivik erscheinen immer verworrener. Als Vorbild für sein Vorgehen beruft sich der bekennnde Islam-Hasser am fünften Tag seines Prozesses ausgerechnet auf das islamistische Terrornetzwerk Al-Kaida. "Ich habe viel von Al-Kaida gelernt", erklärt der 33-Jährige dem Gericht. Über sich selbst sagt der Massenmörder: "Ich bin normalerweise ein sehr sympathischer Mensch."

Breivik sagte am Freitag zum Massaker in dem Jugendlager auf der Insel Utöya im vergangenen Juli aus. Anwalt Geir Lippestad hatte die Überlebenden und Hinterbliebenen der Anschläge zuvor darauf gefasst gemacht, dass es für sie "der härteste Tag" des Prozesses werden dürfte.

Aufhorchen lässt der Terror-Angeklagte dann mit seinen Ausführungen, er habe sich zu seinen grausamen Attentaten im vergangenen Sommer von Al-Kaida inspirieren lassen. Die Organisation sei so erfolgreich, weil sie "Märtyrer" einsetze, erklärt Breivik. Das Problem mit militanten Islamisten sei aber, dass sie zu sehr auf Sprengstoff und nicht auf Amokläufe mit Schusswaffen setzten.

"Al-Kaida für Christen" geplant
Dennoch habe er das Terrornetzwerk Hunderte Stunden lang im Internet und über Filme studiert und eine Art "Al-Kaida für Christen" schaffen wollen, meint Breivik. Für sein Manifest habe er aber auch andere Terrororganisationen analysiert. "Die Schwäche der baskischen Untergrundorganisation ETA ist etwa, dass deren Mitglieder den Tod fürchten und nicht an das Leben nach dem Tod glauben. Das ist die Schwäche von Marxisten-Bewegungen. Der Vorteil von Al-Kaida ist, dass sie Märtyrertum glorifizieren", sagt der Massenmörder.

Zu der "Selbstmordaktion" am 22. Juli 2011 habe er sich entschlossen, nachdem er alle "friedlichen Mittel" zur Umsetzung seiner nationalistischen Ziele ausgeschöpft habe. Demnach ging er davon aus, selbst getötet zu werden. In Vorbereitung auf die Anschläge habe er seit 2006 seine sozialen Kontakte abgebrochen und durch Meditation seine Emotionen zu kontrollieren geübt: "Man muss gefühlsmäßig abgestumpft sein, das muss man trainieren."

Für Morde über mehrere Jahre "dehumanisiert"
Bis 2006 sei er ein normaler Mensch gewesen. "Viele Leute würden mich als einen netten Kerl beschreiben." Danach habe er sich über mehrere Jahre "entmenschlicht" und alle Emotionen abgelegt. Vor allem das Massaker auf Utöya habe mentales Training erfordert, erzählt Breivik. Es sei zwar einfach, per Knopfdruck eine Bombe zu zünden. "Es ist sehr, sehr schwer, etwas so Barbarisches wie einen Waffeneinsatz durchzuführen." Sein mentales Training habe dem geähnelt, das norwegische Soldaten vor ihrem Afghanistan-Einsatz absolvierten.

Auch seine technische Sprache während der Verhöre sei ein weiteres Werkzeug. "Man kann niemanden töten, wenn man mental nicht vorbereitet ist", so Breivik. Er sei aber kein Narziss, der vor allem sich selbst liebe. "Ich fühle eine große Liebe für dieses Land. Das ist nicht normal, aber so bin ich." Seine Opfer habe er zudem "entmenschlicht", um die Angriffe verüben zu können, da er sie sonst nicht hätte durchführen können, sagt Breivik, der sich als "Anti-Rassist" bezeichnet.

Kein Mitleid für Hinterbliebene
Das Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf Utöya bezeichnet der Attentäter als "Indoktrinierungslager". Der 33-Jährige ist sich nach eigener Aussage voll darüber bewusst, unfassbares Leid ausgelöst zu haben. Er habe das Leben der Angehörigen und Hinterbliebenen zerstört, sagt er ruhig und ohne Reue vor Gericht. "Ich kann nicht behaupten, dass ich ihr Leid verstehe. Wenn ich das versuchen würde, könnte ich nicht hier sitzen. Dann könnte ich nicht weiterleben."

Mit ruhigen Worten beschreibt Breivik dann, wie er auf Jugendliche auf Utöya schoss. "Jetzt oder nie", habe er sich gedacht, als er als Polizist verkleidet auf der Insel gestanden sei. Er habe die Pistole aus der Tasche geholt und als erstes die Betreuerin des Ferienlagers erschossen. Danach erinnere er sich an wenig. Dennoch berichtet Breivik detailliert von weiteren Morden. Er habe so viele Menschen "hinrichten" wollen wie möglich. Breivik atmet während seiner Ausführungen immer wieder heftig durch.

"Unterschied zwischen politischer Gewalt und Wahnsinn"
Sich selbst hält er für voll schuldfähig, betont er. "Diese Sache ist einfach: Ich bin zurechnungsfähig." Er sei schockiert gewesen, als er das erste psychiatrische Gutachten gelesen habe, das ihm paranoide Schizophrenie bescheinigt. Es sei schwer, zu begreifen, dass jemand so extrem und fundamentalistisch sein könne, gibt er zu. "Es ist leicht, zu denken, das ist Wahnsinn. Aber es gibt einen Unterschied zwischen politischer Gewalt und Wahnsinn im medizinischen Sinne."

Dem Gericht liegen zwei widersprüchliche psychiatrische Gutachten über den Geisteszustand Breiviks vor. Im ersten wird er als paranoid-schizophren und damit schuldunfähig, im zweiten als voll zurechnungsfähig und nicht psychotisch bezeichnet. Die Frage der Zurechnungsfähigkeit entscheidet darüber, ob der 33-Jährige ins Gefängnis oder in eine psychiatrische Anstalt kommt.

Breivik wird wegen der Anschläge in Oslo und Utöya mit insgesamt 77 Toten seit Montag der Prozess gemacht (siehe auch Storys in der Infobox). Mit einem Urteil wird nicht vor Mitte Juli gerechnet.

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