Mo, 18. Dezember 2017

Prozess enttarnt ihn

18.04.2012 22:20

Überlebende: "So macht Breivik uns keine Angst mehr"

Sie haben ein unglaubliches Blutbad überlebt. Sie wurden angeschossen, stellten sich tot, blickten einem kaltblütigen Mörder in die Augen. Doch jetzt kann Anders Behring Breivik den Überlebenden des Massakers von Utöya keine Angst mehr machen. "Ich erlebe ihn nicht mehr als beängstigend", sagt etwa Hakon Roalso. Die Überlebenden sehen Breivik vor Gericht, machtlos, unsicher. Die souveräne Staatsanwältin Inga Bejer Engh nimmt ihn auseinander.

Sie lässt sich nicht provozieren, sie rupft sein Manifest auseinander, lässt sein irres Weltbild bröckeln. Breivik hat sichtlich Angst, als lächerlich hingestellt zu werden. Immer wieder beschwert er sich, er werde bloßgestellt. Das hilft nicht zuletzt den Angehörigen der 77 Todesopfer. Auch am dritten Prozesstag sitzen noch viele im Gerichtssaal.

Die Überlebenden des Massakers von Utöya verfolgen den Prozess in einem eigenen Raum. Sie alle durchleben ihre schlimmsten Stunden noch einmal. Die meisten tragen Aufkleber mit der Aufschrift "no interviews" - sie wollen in diesen schwierigen Momenten mit ihren starken Gefühlen unter sich bleiben.

Ihn verstehen? Unmöglich!
Einige aber äußern sich doch: "Es war sehr schwer für mich, dem Mann zuzuhören, der mich umbringen wollte und so viele meiner Freunde getötet hat", berichtet Bjorn Ihler. Auf Utöya rettete er zwei Burschen das Leben, zusammen versteckten sie sich. Jetzt kommt die Erinnerung wieder hoch, Geräusche, Augenblicke. "Dort wollte er mich damals töten und hätte es auch fast geschafft. Jetzt ist er entwaffnet und sitzt vor Gericht", sagt der blonde junge Mann. Es sei wichtig, ein klares Bild von Breivik zu bekommen, "um zu erfahren was hinter seinen Taten steht". Den Massenmörder verstehen? Unmöglich.

"Es ist interessant, zu sehen, wie dieser Mann, der uns und unseren Familien so unglaublich wehgetan hat, eine Wirklichkeit aufgebaut hat, die jetzt mehr und mehr zusammenbricht", sagt Christin Bjelland von der nationalen Unterstützergruppe für Angehörige. Ihr Sohn Vebjorn konnte sich von Utöya retten. Jetzt erlebt sie, wie Staatsanwältin Engh Breiviks Hirngespinsten Fakten entgegensetzt.

Staatsanwältin redet mit Breivik wie mit einem Kind
Die 41-jährige Vertreterin der Anklage spricht mit dem Massenmörder fast wie mit einem Kind. Das mache sie vor Gericht immer so, hatte die blonde, schlanke Frau am Vortag schon erklärt. Sie wolle ihn aber nicht lächerlich machen, versichert sie Breivik am Mittwoch mehrmals - und schafft es mit sachlichen Fragen doch, den Attentäter immer wieder bloßzustellen.

Für die Angehörigen seien vor allem die ersten zwei Tage schlimm gewesen, berichtet Bjelland. Die Anklage mit jedem namentlich genannten Todesopfer und die dramatische Tonaufnahme eines Notrufes hätten viele mitgenommen. "Und am zweiten Tag der Angriff Breiviks auf die AUF und alles, wofür sie stehen." Der Massenmörder hatte die sozialdemokratische Jugend mit der Hitlerjugend verglichen und behauptet, es seien keine unschuldigen Kinder gewesen, die er getötet habe. Der Schrecken war hörbar im Gerichtssaal. Inzwischen aber sieht man viele - zwischen all der Trauer - auch über Breiviks wirre Aussagen lachen.

"Hauptsache, er wird verurteilt"
Eigentlich sei es ihm ganz egal, was der Attentäter sage, betont der 24-jährige Tore Bekkedal (Bild rechts). "Hauptsache, er bekommt einen normalen Prozess und wird verurteilt." Breivik werde nie wieder frei sein, ist Freddy Lie überzeugt. Seine 16 Jahre alte Tochter starb auf Utöya, ihre große Schwester überlebte schwer verletzt. "Ich muss wissen, warum das passierte. Dann können wir weiterleben."

Eine Clique aus Tynset findet Breiviks Aussagen nur noch lächerlich. In seiner Rede am zweiten Tag habe er keine eigenen Worte benutzt, nur Zitate, erklären sie dem Fernsehsender NRK. "Einiges ist provozierend, einiges ist lächerlich. Er sagt ganz viel Dummes."

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